Marokko 2026

Südfrankreich – Marokko

04.09.2026 – 19.09.2026

Marseille – Montpellier – Sète und Fähre nach Tanger med – Tetouan – Tanger – Fès – Marrakech

Sicher ist sicher, und so nehmen wir lieber einen Zug früher. Denn den TGV im Mulhouse sollten wir erwischen um unsere Reise mit einem guten ersten Tag zu beginnen. Marseille ist das vorläufige Ziel und eine kleine Wohnung wartet dort auf uns – denken wir. Es ist heiss, es ist anders, es ist französisch hier – aber auch irgendwie multikulturell. Wir laufen durch das Viertel Noailles vorbei an Menschen unterschiedlicher Ethnien und erreichen die angegebene Adresse nassgeschwitzt aber glücklich. 30 Minuten später ist von dem Glück nicht mehr viel übrig – unser Vermieter ist nicht erreichbar, Booking erstattet uns das Geld zurück und wir machen uns auf die Suche nach einer neuen Unterkunft.

Marseille bietet uns Sommer, Sonne, Meer. Wir laufen durch enge Gassen und schlendern durch breite Avenues. Hinauf geht es zur grossen Kathedrale mit Blick in die Ferne. Und wieder runter vorbei an Cafés, die uns zum verweilen einladen. Schon nach wenigen Stunden sind wir weit, weit weg vom Alltag, geniessen unseren ersten Pastis und schätzen uns ausserordentlich glücklich. Marseille ist viel schöner, als erwartet – weniger «verhauen», weniger dreckig, mehr Leben, mehr laissez-faire, mehr Süden. Es gefällt uns sehr hier, und wir haben uns kaum vorstellen können, dass Montpellier diese Erfahrungen noch toppt. Die zweite Stadt unserer Reise ist tatsächlich ein kleines Highlight. Innerhalb der Stadtmauern ist es ruhig, verkehrsfrei und relativ grün, mit kleinen Restaurants und Bars, mit Plätzen voller Menschen und historischen Bauwerken zum Bestaunen. Montpellier hat Grandezza, Flair, ist unkitschig und echt. Noch ein letzter «PAC-Citron»-Sirup in einem der Strassencafés unter schattenspendenden Platanen auf der Esplanade Charles de Gaule – und schon müssen wir, leider, wieder los.

Der Zug bringt uns problemlos nach Sète – und problemlos war auch der Kauf der Zugtickets. Irgendetwas hat sich geändert und irgendwie ist es nun möglich über unsere Schweizer «SBB-App» online Tickets für das französische Zugnetz zu kaufen. Vive la numérisation – es lebe die Digitalisierung!

Davon könnte sich das italienische Fährunternehmen GNV gerne eine Scheibe abschneiden. Unsere Reise übers Mittelmeer war geplant von 20.00Uhr abends ab Sète bis 8.00Uhr morgens am übernächsten Tag – Ankunft in Marokko. Hmm… einen Tag vorher erhielten wir Bescheid, dass wir schon um 19.00Uhr losschippern würden und dafür aber erst um 16.00Uhr also mit 8 Stunden Verspätung – in Tanger med, Marokko, anlegen würden. Macht Sinn, oder? Ja, schon, wenn ungeplant ein Halt in Barcelona eingelegt wird. Da wir 4 Stunden vor Abfahrt der Fähre einchecken sollten, waren wir um 15.10Uhr (fast schon zu spät) am Dock. Dann hiess es: warten, warten, warten, warten …. 21.00Uhr gingen die Fährklappen auf, 21.30Uhr konnten wir unsere Kojen beziehen und irgendwann so gegen 23.00Uhr gings los. Dafür kamen wir dann schon so gegen 15.00Uhr im Fährhafen von Tanger med an… Questo è vera italianità – das ist wahre italienische Lebensart!

Marokko: ein neues Land – für mich – voller neuer Erfahrungen. Ausgang finden, Geld wechseln, Taxi nehmen und schon ging es los auf modernen, gut ausgebauten Strassen mit mässigem Verkehr, vorbei an viel Grün – ja, viele Parkanlagen mit üppigem Gras. Dann irgendwann auch der Blick auf Ceuta, wo die medizinische Versorgung viel besser sein soll, als in einem marokkanischen Krankenhaus; das hat uns ein älterer Herr auf den Strassen Tetouans erzählt, der vor ein paar Jahren von einem Motorrad angefahren wurde.

Tetouan ist ein gastfreundliches marokkanisches Städtchen, gross und schön genug um Touristen anzuziehen (und nicht nur die, auch der König hat einen seiner vielen Paläste im Stadtzentrum errichtet), und andererseits ist es klein und ursprünglich genug um nordmarokkanisches Lebensgefühl zu vermitteln. Wir fühlen uns wohl in dieser Stadt, die auch die «weisse Taube» genannt wird wegen ihrer weissen Häuser, die sich wie die Flügel einer Taube ans Rif-Gebirge schmiegen. Aus unserer Unterkunft biegen wir nach links ab und landen mitten in der Medina, mitten im Basar mit all seinen Farben, Gerüchen und Geräuschen. Obst und Gemüse im Überfluss, Kräuter und Gewürze frisch und getrocknet, in Eimern, auf Tüchern in Gläsern und Dosen. Die Gassen schmal, es herrscht Gedränge, ein Sonnenstrahl trifft auf die farbigen Dschellabas beim Schneider, im Hintergrund rattert die Nähmaschine, der Nachbar ist Schmied und holt gerade glühendes Eisen aus dem Feuer. Hier gibt es Oliven – grün, gelb, braun und schwarz – mit Zitrone und Kräutern, mit Steinen und ohne. Dort hängt ein halbes Rind, von Fliegen umsurrt, da läuft ein schwarzes Huhn durch die Menge, seiner Bestimmung in der Tajine für ein paar weitere Minuten entkommen. Die historische Altstadt von Tetouan wurde 1997 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen, da sie aussergewöhnlich gut erhalten ist – wir geniessen es, uns ziellos hier treiben zu lassen!

Unten in der Stadt, auf dem grössten Platz, steht der Königspalast, der von weiträumigen Abriegelungen und vielen Polizisten geschützt wird. Oben auf halbem Weg zum Gipfel des Hausberges (Jbel Dersa) sehen wir eine Burg. Leider wird die Kassabah Sidi-al-Mandri aus dem späten 15. Jahrhundert gerade renoviert/restauriert, aber etwas oberhalb auf einer dieser tiefgrünen Wiesen sitzen jetzt, in der Abenddämmerung, Frauen und Männer jeden Alters, auf Pappkarton oder einfach auf dem Gras, den Blick ins Tal gerichtet oder auf die spielenden Kinder, Tee trinkend und ein Schwätzchen haltend. Wir setzen uns gerne dazu, trinken unser Wasser und geniessen einfach den Moment bis der Muezzin zum Gebet bei Sonnenuntergang ruft. Das ist auch unser Signal, denn wir wollen beim Abstiegt in die Stadt noch etwas sehen, laufen durch Quartiere, die wenig vom Tourismus betroffen sind und erreichen den Place Feddan – am Abend und in den frühen Nachtstunden ein Vergnügungspark für gross und klein voller Eisverkäufer, motorisierter, bunter Kinderfahrzeuge zum Ausleihen, Luftballons, voller Menschen, die in der hereinbrechenden Dunkelheit die Hitze des Tages vergessen. Bis weit nach 23.00Uhr halten wir es aus, in diesem Getümmel auf dem Platz und der Hauptflaniermeile der Stadt. Nach unserem Abendessen sitzen wir noch lange im Teehaus und trinken unseren «Thé à la Menthe» (Grüntee mit frischen Minzezweigen), aber nicht ganz auf die marokkanische Art. Die ist selbst Roman manchmal zu süss, so dass wir immer «sucre à côté» bestellen und nach Bedarf 1-2 der dicken Zuckerstücke einrühren. Am nächsten Tag geniessen wir es, in unserem Riad zu aufzuwachen, einem traditionellen Gebäude mit kühlendem Innenhof. Ein Brunnen plätschert beruhigend in dessen Mitte und auf der schattigen Terrasse frühstücken wir unter üppigen violetten Bougainvilleas – das marokkanische Brot schmeckt uns gut und der frisch gepresste Orangensaft versüsst uns den Start in den Tag. Heute spazieren wir vorbei am Königspalast und suchen das Bab Okhla, der alte östliche Eingang zur Stadt mit seinem schönen Tor neben dem sich das recht interessante ethnografische Museum befindet. Danach zieht es uns in den Westteil Tetouans, dort ist der andalusische Einfluss unübersehbar, am Place Moulay El Mehdi steht die katholische «Iglesia de Nuestra Señora de las Victorias» und wir fühlen uns für einen Augenblick dem europäischen Kontinent etwas näher. Als der Abend kommt, wollen wir die Aussicht auf die «weisse Taube» noch einmal geniessen, diesmal zieht es uns höher hinauf in den Berg «Jbel Dersa», ganz hoch bis zur noch nicht ganz fertig gebauten Flaniermeile. Autos stehen am Strassenrand, Klappstühle werden aus Kofferräumen auf den Bordstein gestellt, die Grossmutter erhält den besten Platz und alle schauen in die gleiche Richtung, hinunter ins Tal und weiter bis zum Mittelmeer in der Ferne. Und wir mittendrin, ein schönes Gefühl!

Mit dem «grand Taxi» – dem grossen Taxi zusammen mit anderen Reisenden – fahren wir weiter, nach Tanger. Diese Stadt stand Anfang der 20. Jahrhunderts während 33 Jahren unter internationaler Verwaltung und wurde erst 1956 Teil des unabhängigen Marokkos. Viele Schriftsteller, Musiker, Künstler hielten sich hier auf und haben Tanger zum Teil stark geprägt. Hier konnte man in den Tag hineinleben, andere Kulturen kennen lernen und sich dem Haschisch- oder Opiumkonsum hingeben. Auch heute noch werden in jeder Strasse der Medina Haschisch-Pfeifen verkauft, auch heute noch bieten die Zigarettenverkäufer neben Tabakwaren auch kleine braun/grün/schwarze klebrige Klumpen an und auch heute noch liegt abends ein leichter Haschischduft in der Luft. Tanger ist irgendwie alles: Nordmarokko mit Medina, Basar und Teehäusern; berühmt-berüchtigt aufgrund seiner Vergangenheit als Zufluchtsort für Künstler aber auch für Schmuggler, Spione und Abenteurer; Touristenstadt voller Riads in westeuropäischen Händen mit schönen Dachterrassen und Blick über die Altstadt bis hin zum Mittelmeer. Und auch Filmstadt. Bisher immer im Herbst, aber ab 2027 vermutlich immer im Frühjahr, wird Tanger zur Filmstadt. Das «Festival national du film de Tanger» findet in den alten Kinosälen des 20. Jahrhunderts statt, die teilweise in erbärmlichen Zustand waren und nun zu einem guten Teil wieder restauriert wurden. Wir erwandern die Altstadt, die Medina ist klein aber im Hang gelegen, immer geht es irgendwo bergauf oder bergab. Das übertouristische Treiben gefällt uns mässig und wir erwandern die Neustadt mit ihren Wohnvierteln, den alten – zum Teil restaurierten – Kinos, mit Einkaufsstrasse und Café de Paris, mit Parfum-Mischern und der alten anglikanischen Kirche Saint Andrews. In dieser hätten – laut Sakristan – auch viele Jahre lang Menschen anderer Religionsgemeinschaften ihre Gebete abgehalten. Heutzutage habe die Kirche kein Geld mehr, die Gemeindemitglieder sind alt oder verstorben, England bietet keine Unterstützung und so bröckelt im Altarraum der Kirche das Mauerwerk ab, vorbei am «Vater unser» in arabischen Schriftzügen und der an eine «Mirhab» erinnernden Gebetsnische, wie sie sonst nur in Moscheen zu finden sind.

Uns bleibt noch ein Tag hier und wir haben uns für einen Ausflug entschieden. Wir wollen den Zusammenfluss von Mittelmeer und Atlantik sehen, wir wollen – wie es in den Reiseführern empfohlen wird – die Herkulesgrotten sehen und ausserdem dem kleinen Städtchen Asilah einen Besuch abstatten. Mohamed, der redselige Verwalter unserer Unterkunft hat uns einen Taxifahrer für den ganzen Tag organisiert und um 9.30Uhr geht es los. Mafoud ist ruhig, gemütlich, hat einen gelassenen Fahrstil und zeigt uns mit grosser Freude die touristischen Highlights seiner Region. Der Blick auf Mittelmeer und Atlantik ist berauschend – und der Eintrittspreis für den Park am Cap Spartel bedingt fast eine Ohnmacht. ABER: wie so viele Touristen sind wir – vermutlich – nur einmal hier und zahlen halt. So finden wir uns auf einem Leuchtturm wieder und sehen vor allem…. Wasser. Nein, man kann nicht erkennen, was nun Mittelmeer ist und was Atlantik. Aber dennoch ist die Sicht atemberaubend! Meer, soweit das Auge schaut, und ganz hinten am Horizont können wir Spanien erahnen.

Die Herkulesgrotten sollte man unter dem Motto «kitsch as kitsch can» besichtigen – die 2 Höhlen sind winzig, der Eintritt überteuert und die Lichtshow könnte für einen Kindergarten programmiert worden sein. Und schon wieder sind wir 5 Euro leichter, pro Person. Aber Asilah, ja, das ist wirklich ganz hübsch. Im Jahr 1978 wurde in dem verschlafenen Fischerdorf das erste Kulturfestival abgehalten und die Wände der Häuser mit bunten Wandbildern geschmückt. Die Medina, die Altstadt, hat sich zu einer Art Freiluftgalerie gewandelt, die Wandbilder werden traditionell jedes Jahr übermalt. Wir spazieren knapp 2 Stunden durch die heissen Gassen, kühlen die Füsse im Atlantik ab (brrr, der ist wirklich kalt) und geniessen einen weiteren Thé à la menthe am Strassenrand, bevor wir zurück fahren. Morgen geht es mit dem Zug nach Fès, wir haben keine Zeit fürs Frühstück und müssen noch Verpflegung einkaufen. Der Basar bietet uns alles, was wir brauchen: eingelegt Oliven, frisches, noch heisses, Brot und im Krämerladen um die Ecke auch den Schmelzkäse «La vache qui rit». Jetzt fehlt uns nur noch etwas Süsses und die nächste Patisserie kommt wie gerufen. Es duftet hier, nach Rosenwasser und Mandeln, nach Orangenblüten, Honig und Haselnüssen. Ein Paradies für uns, ein grösseres Paket für die Reise und ein kleineres mit 4 Leckereien für den Milchkaffee im Teehaus. Hier, an der lärmigen Strasse, hier, wo wir vom Kellner schon mit «mon ami» begrüsst werden, hier, wo der nus-nus (= typischer Milchkaffee in Nordmarokko) so gut zu unseren süssen Leckereien passt, hier verabschieden wir uns von der schönen aber leider auch sehr touristischen Stadt Tanger. Es kann gut sein, dass wir uns wiedersehen!

Unser nächstes Ziel ist weit entfernt von jedem Meer. Dort werden wir keinen Fisch mehr essen. Aber am Meer, am Hafen von Tanger, da haben wir die grosse Fisch- und Meeresfrüchteplatte gegessen, 2x, den Fang des Tages; mit den Fingern, genauso, wie die Marokkaner es machen. Geht super so; Messer und Gabel nicht unbedingt die geeignetesten Werkzeuge. Eine neue Erkenntnis!

Wir reisen mit dem Zug weiter, Umstieg in Kenitra, von dort mit dem Bummler weiter ins Landesinnere nach Fès. 2. Klasse, heiss, stickig, voller Menschen und Gepäck, kaum Platz, die Beine zu bewegen. Die Tickets waren preiswert, ich glaube, bei der nächsten Fahrt können und wollen wir uns die erste Klasse leisten.

Fès ist eine grosse Stadt, eine schöne Stadt, aufgeteilt in 3 nebeneinander liegende Stadtteile, die Nouvelle Ville, wo auch der Bahnhof ist, die Mellah, das alte Judenviertel und die Medina, die Altstadt. Hier werden wir vom blau schillernden Bab Boujloud als Eintrittstor zur Medina begrüsst. Unweit davon – am Place Batha – liegt unser luxuriöses Riad, versteckt in einer Seitenstrasse. Der Eingangsbereich, der grosse Innenhof mit dem vormals offenen Dach (jetzt mit Glas abgedeckt), das Treppenhaus, die Dachterrasse – alles sehr einladend und wunderbar mit dem typischen kleinen marokkanischen Mosaik gekachelt. Das Zimmer ist gross, dunkel obwohl weiss getüncht, ein klappriger brauner Holzschrank steht in einer Ecke und das Badezimmer ist mehr schlecht als recht und völlig unpassend mit weissem Marmor verpflastert. Nicht sehr gemütlich, nicht sehr praktisch und die Lichtverhältnisse sind so schlecht, dass das Lesen im Bett zur Strafe wurde. Nun denn…. Die Stadt ruft und sie hat viel zu bieten. Zum Beispiel die jungen Männer an jeder Strassenecke, die uns in den schönsten Laden, zum buntesten Basar, zur eindrucksvollsten Medrese oder einfach in das beliebteste Teehaus bringen wollen – natürlich für Entgelt. Ganz besonders aufdringlich wurden sie im Bereich der Ledergerbereien und -färbereien – der «Tanneries». Wir konnten nicht einfach schlendern, schauen, schwatzen sondern an jedem Abzweig hiess es «Les tanneries sont par là!» – «Je m’en fous», ist mir doch egal!

Drei Tage in Fès – und jeden Tag haben wir einen anderen Stadtteil erkundet. Am ersten Abend zog es uns in die Nouvelle Ville mit ihrer grossen und breiten Avenue Hassan II. Viel hat dieser Stadtteil nicht zu bieten für uns, aber unser Bild vom Leben in Marokkos grösseren Städten wird echter, ehrlicher. Hier sehen wir mehr junge Frauen ohne Kopftuch, auch das eine oder andere marokkanische Pärchen Hände halten. Wir sehen Geschäfte, wie sie zum Teil auch «bei uns», also in der Schweiz oder in Deutschland zu finden wären. Wir sehen aber auch verfallene Kinos und Kreuzungen auf denen der Verkehr scheinbar wild und ungeregelt seinen Weg findet. Wir essen für wenig Geld – da es die Touristen eher selten in diese Region verschlägt – eine Tajine mit «poulet au citron» und versuchen unser Glück, bei Nacht mit dem Bus zurück in die Medina zu fahren. Leider hat unser Glück uns heute Abend einen Streich gespielt und nach einer Busfahrt von ca. 10 Minuten mussten wir immer noch 20 Minuten durch dunkle und verwinkelte Medinagassen nach Hause laufen. Aber auch das ist reisen – nicht immer wissen, was als nächstes passiert, nicht immer auf Nummer sicher gehen, immer wieder etwas Neues erleben!

Am zweiten Tag haben wir uns tagsüber ins Getümmel gestürzt und uns treiben lassen in der Medina, von Gasse zu Gasse, bis wir im Norden die Tanneries erreicht haben. Es hat weniger gestunken, als erwartet, und der Minze-Zweig den man uns gereicht hat zur Geruchsüberdeckung war eigentlich gar nicht notwendig. Wir wurden eingeladen von einem Ladenbesitzer, von seiner Terrasse aus auf die Gerber- und Färberbecken zu schauen «C’est gratuit!». Also, dann sind wir raufgegangen, haben den Ausblick genossen und viele Fotos gemacht. Anschliessend haben wir noch höflich die Lederwaren angeschaut. Als wir ohne zu kaufen den Laden verlassen wollten, schlug die Stimmung um. Der höfliche Besitzer wurde zum ungemütlichen Mitmenschen, der uns Unverständliches an den Kopf warf und uns quasi zum Kaufen zwingen wollte. Das ist der Teil Marokkos, der vielen ausländischen Touristen die Lust verdirbt, das Land – bei all seiner Schönheit, bei all seiner Exotik – ein zweites Mal zu besuchen. Je touristischer die Region, desto häufiger wird man bezüglich Preise übers Ohr gehauen und desto aufdringlicher sind die «Souki» ( = Basarhändler) – oder besser gesagt, diejenigen Shop-Besitzer, die den ursprünglichen Basar in der Medina vereinnahmt haben. Basar ist in Marokko, so wie hier in Fès, einfach überall – in der Medina vor allem für die Touristen; vor dem Bab Shams (eines der vielen Stadttore), vor dem Bab Boujloud, auf den Trottoiren und in der Mellah vor allem für die Einheimischen. Dort in der Mellah verbringen wir unseren zweiten Abend, ein schöner Spaziergang durch einen Park und hinein in das alte Judenviertel. Juden wohnen nicht mehr hier und es gibt auch keine zu besichtigende Synagoge. Wir geniessen es, uns einfach treiben zu lassen durch den Lärm, die Gerüche, den Trubel. Leider finden wir kein geeignetes Restaurant, wir haben heute Lust auf etwas anderes, indisch vielleicht? Das gibt es tatsächlich, nur 15 Minuten zu Fuss entfernt. Was wir erst kurz vor dem Restaurant feststellen ist, dass es sich im Food-Court eines riesigen Einkaufszentrums befindet; geschmeckt hat es uns trotzdem.

Am dritten Tag machen wir einen Ausflug nach Sefrou und Bhalil, zwei kleinere Orte in der Nähe. Ach, wie nervig ist es, immer als wandelnde Geldbörse angeschaut zu werden. Der Taxifahrer des «Petit Taxi» der uns zum Sammeltaxistand bringen soll will erst nicht das Taxometer anstellen, dann macht er es doch, ist unfreundlich und am Schluss kommt ein Preis raus von dem wir nicht nur annehmen, sondern wissen, dass er viel zu hoch ist – ein Betrug per Knopfdruck am Taxometer, denken wir. Wir steigen aus, Roman zahlt ein Drittel des erfragten Preises, ohne dass es zu weiteren Diskussionen kommt. Ein Eingeständnis, aus unserer Sicht, dass wir Recht haben.

«Petit Taxis» sind die kleineren, städtischen Taxis, die innerhalb der Stadtgrenzen und bis zum Sammeltaxistand fahren dürfen. Dort muss man für die Weiterfahrt in ein «Grand Taxis» mit 7 Plätzen umsteigen. Das machen wir, es läuft wie am Schnürchen und wir erreichen in kürzester Zeit Sefrou. Ein beschaulicher Ort mit kleinem, wuseligen Basar und wenigen Touristen. Ein Städtchen mit Fluss und Brücken und vor den Stadttoren ist ein Wasserfall «die» Attraktion, soso. Der Spaziergang dorthin war aber dennoch eine nette Abwechslung. In Bhalil ist ebenfalls Basar, wer hätte das gedacht, aber ansonsten hat der Ort uns nicht viel zu bieten. Offensichtlich wohnen einige Familien hier am Berg immer noch in Höhlenwohnungen, aber diese bekommen wir nicht zu Gesicht. Ist auch nicht so wichtig, denn Höhlenwohnungen habe wir schon in anderen Ländern gesehen und selber bewohnt.

Zurück in Fès müssen wir für die 7-stündige Zugfahrt am nächsten Tag einkaufen, etwas Essen und heute zum 3. Mal in Folge den Tag im selben Teehaus beenden. Auch hier, in Fès, werden wir mit «mon ami» begrüsst und verabschiedet. Bis zum nächsten Mal – insh’allah!

Ach Herrje, ja wir haben uns für diese lange Zugfahrt ein 1. Klasse Ticket geleistet. Und es stimmt, es ist nicht so heiss und auch nicht so gedrängelt voll hier im einzigen Abteil der ersten Klasse. Die Sitze sind breit und weich – aber alles ist irgendwie beschädigt, alt und erneuerungsbedürftig. Dennoch gehen die 7 Stunden mit lesen, essen und schlafen relativ gut vorbei, wir erreichen Marrakech gegen 17.00Uhr, die Sonne brennt vom Himmel. Wir sind stundenlang durch wüstenähnliche Regionen gefahren und befinden uns nun kurz vor dem Atlas, dem Gebirge das nur vage am Horizont zu erahnen ist. Roman war schon mehrmals hier, zuletzt vor 18 Jahren. Seither haben wir immer wieder Abschreckendes gehört, von dieser Stadt. Täglich kommen mehrere Dutzend Flugzeuge mit – zum grossen Teil – Kurzzeittouristen an. Es werden Junggesellenabschiede hier gefeiert oder einfach Urlaub mit Freundinnen gemacht. Marrakech ist cool, ist hipp, hier muss man mal gewesen sein. Es ist exotisch und anders, aber gut erreichbar und immer noch gut bezahlbar. Wir haben unser Riad in einem ruhigen Quartier am Rand der Medina, im ehemaligen Judenviertel – Mellah – gefunden. Hier gibt es zwar die eine oder andere Pension, aber im Grunde genommen ist das Viertel verfallen, mit Schutthalden und engen Gassen, abends dunkel und gfürchig. Teilweise sind die Hauswände mit langen Rissen überzogen, manche Häuser sind nicht mehr bewohnbar, einige andere sind eingestürzt. Das alles sind Überbleibsel des Erdbebens vom September 2023, das Marrakech empfindlich getroffen hat. Roman möchte mir das Marrakech zeigen, das er einmal ganz gut gekannt hat. Er findet es nur zum Teil wieder. Die Souks – die Basare – haben sich verändert, verkaufen Ramsch zu Hauf und zu absolut überhöhten Preisen. Auf dem «Jemaa El Fna», dem grossen Platz in der Mitte der Stadt herrscht aber ab Einbruch der Dunkelheit immer noch Trubel! Die Fruchtsaftstände sind riesig und hell beleuchtet, voller Obst wie Granatäpfel, Orangen, Bananen, Birnen und vielem mehr. In der Mitte des Platzes brutzelt und zischt es über den mobilen Garküchen, Rauchschwaden wabern gen Himmel, an den Tischen sitzen Marokkaner und Touristen nebeneinander, geeint durch das Bedürfnis, satt zu werden. Es lärmt um uns herum, verschiedene Musikgruppen spielen traditionelle Lieder, es wird getanzt, gerufen, gefeilscht und gesungen. Bunte Leucht-Bumerangs fliegen durch die Luft und wieder zurück zu ihren Besitzern, Marokkanerinnen bieten Henna-Tatoos für Hände und Arme an und am Boden wird auf improvisierten Spielfeldern per Münze-werfen das Glück des Einzelnen herausgefordert. Fliegende Händler bieten Sonnenbrillen, Schals, Uhren und Kleidungsstücke feil, immer mit einem Auge wachsam, mit einem Ohr auf den Pfiff eines Freundes achten, als Warnung vor der Touristenpolizei. Wir tauchen ein, in das Gewühl und tauchen wieder auf, «schwimmen» an den Rand des Trubels in ein Teehaus, trinken in wohligen Schlucken an unserem Thé à la menthe. Und irgendwann wird es Zeit, dass wir uns wieder auf den Weg in unser ruhiges Viertel machen, erst durch einen dieser furchtbaren Touristenbasare, dann durch unser dunkles Viertel zurück in Riad «Ciel d’Orient».

Wir sind gewarnt worden, vor Marokko und insbesondere vor Marrakech. Das Land hat hier im Norden offensichtlich viel von seinem alten Flair eingebüsst. Es ist das Ibiza der 80er Jahre, es ist die Costa Brava der 90er Jahre, es ist überlaufen, voll, teilweise drastisch überteuert (obwohl für europäische Verhältnisse immer noch preiswert). Manche Touristinnen zeigen in Marrakech mehr Haut als sie je zu Hause in Madrid, Paris, Berlin oder London zeigen würden, zeigen dadurch keinerlei Respekt vor Land, Kultur und Menschen. Und dennoch hat es uns sehr gefallen hier, wir sind bestärkt worden, dass es – ausserhalb der Hotspots – für uns einiges zu entdecken gibt. Wir freuen uns schon jetzt auf eine Reise per Rad, ab Marrakech über den hohen Atlas, hinunter in die Täler und weiter bis an den Rand der Wüste. Es gibt noch so viel zu sehen, zu erfahren, zu entdecken!