Kambodscha 2

05.-13.03.2014, Phnom Penh – Siem Reap (Angkor Wat) – Battambang

Tatsächlich war der Grenzübertritt nach Kambodscha ein Kinderspiel. Gut, wir haben halt dem Busunternehmen einen Extra-Batzen gezahlt, für die Ruhe, die uns auch gegönnt wurde.

Und so stehen wir wieder vor „unserem“ Guesthouse, beziehen erneut ein einfaches aber gutes Zimmer und stürzen uns dann ins Gewühl der Hauptstadt.
Uns bleiben ein Nachmittag und Abend, um ein paar „alte“ Highlights zu besuchen und neue Wege zu erkunden.

Impressionen

Im „Olympiastadion“ findet heute ein Fussballspiel statt. Für umgerechnet 50 Rappen bekommen wir einen schattigen Tribünenplatz, schauen dem Spiel in der Hitze der späten Nachmittagssonne zu und amüsieren uns über die Zuschauer und deren Reaktionen. Wie bei uns: Fussball weckt Emotionen!

Der Tempel vor dem Stadion wird gerade umgebaut, die Mönche sitzen in ihren orangen Gewändern vor den Unterkünften und … essen, trinken, rauchen, spielen.
Das haben wir in Laos und Kambodscha schon viel beobachtete: Die ehemals so strengen buddhistischen Regeln haben sich aufgelockert. Rauchen ist nicht mehr tabu, und was die Essenszeiten angeht, so sind wir nicht sicher, ob die Mönche wirklich nach 12:00Uhr keine Nahrung mehr zu sich nehmen.

So langsam bekommen auch wir Hunger und suchen uns einen Weg zum Psar Ou Ruessei. Dort, so heisst es, gibt es viele „Fressstände“. Wir erreichen den Markt in der Abenddämmerung. Es ist ein wunderbares Treiben hier, wir kommen teilweise kaum vom Fleck vor lauter Waren und Wagen, Menschen und Motorrädern, die hier im Weg stehen. Die Strassenrestaurants bieten heute nichts für unseren Gaumen, wir ziehen weiter, erst einmal hinein ins Gewühl der Seitenstrassen.

Am nächsten Morgen kommt uns der Fahrer früh abholen. Wir freuen uns auf die (teure) Bootsfahrt von Phnom Penh über den Tonle Sap hinauf bis nach Siem Reap. Bei der Buchung hiess es, wir hätten einen klimatisierten Innenraum unter Deck und einen offenen Verandabereich oben. Das Schiff sei nie ganz voll und es habe immer genügend Platz.
Richtig gelogen war das alles nicht, aber es entspricht auch nicht den Bildern, die diese Beschreibung bei uns geweckt hat. Auf das „Speedboat“ passen vermutlich 100 Menschen, schön zusammengepfercht wie in einem Reisebus, einfach mit weniger Beinfreiheit und ohne die Möglichkeit, den Sitz nach hinten zu klappen. Es gibt keine „Veranda“, offensichtlich können wir die Flussfahrt nur durch die trüben Scheiben dieses engen und ungemütlichen Kahns geniessen. Dafür zahlen wir aber 7x so viel wie mit dem Bus. Wir sind nicht die einzigen, die sich aufregen. Deutsche, Dänen und Franzosen, alle reden durcheinander, alle sind aufgebracht und unzufrieden. Aber natürlich: niemand zieht die Konsequenz und steigt aus, niemand sucht nach einem anderen Weg, um Siem Reap zu erreichen. Denn wir (meinen zu) wissen, dass wir das gezahlte Geld sowieso nicht zurück erhalten, und alle Busse zur Tempelstadt sind für heute längst schon abgefahren, die nächsten Busse fahren erst morgen. Unglücklich und mit zusammengebissenen Zähnen sitzen wir also in diesem überteuerten und ungemütlichen Gefährt.

Die Bootsfahrt wird besser, als bei der Ankunft am Pier erwartet. Der Innenraum ist nicht klimatisiert, dafür aber können wir ungehindert immer wieder auf’s Dach steigen, von dort die Landschaft geniessen, oder sogar vorne auf dem Boot, vor dem Kapitän, als kleine Ansammlung von Galionsfiguren in der Sonne liegen.
Der Preis scheint uns nicht gerechtfertigt, das ganze ist für uns reine Touristenabzocke (es fährt ja auch kein Kambodschaner mit, ausser Kapitän und Besatzung), der Motor ist laut und dröhnt in unseren Ohren und auf dem Dach sitzt man nicht wirklich so wahnsinnig bequem. Aber alles in allem kommen wir etwas besänftigt nach dem weiten, riesigen Tonle Sap See über ein kleines stinkiges Flüsschen in Siem Reap an.

Unser Hotel ist eine Wucht – vor allem für den Preis. Wir zahlen etwas mehr als wohl im Durchschnitt von Siem Reap, nämlich 25USD pro Nacht, dafür haben wir eine gut funktionierende Klimaanlage, hier sehr wichtig, und vor allem einen tollen und sauberen Pool im Garten hinter dem Hotel. Hier halten wir uns jeden Tag mehrere Stunden auf; eine Wohltat nach den anstrengenden Touren durch die Tempelanlagen.

Siem Reap ist mehr als nur Angkor Wat. Siem Reap ist ein kleines hübsches Städtchen mit funktionierender Infrastruktur. Siem Reap ist touristisch im Zentrum und Richtung Norden, aber ländlich und ruhig in den Aussenbezirken. Siem Reap ist „Pub Street“ – Ausgehmeile fuer Jung und Alt – und Siem Reap ist Kantha Bopha III (oder Jayavarman VII), das dritte der fünf Kinderspitäler des Schweizers Beat Richner.
Jeden Samstag abend gibt Beat Richner ein kleine Konzert auf seinem Cello (Beatocello) und erzählt ein wenig über die Krankenhäuser, die finanziellen Probleme und medizinischen Erfolge. Ein beeindruckender Mensch, ein beeindruckendes und äusserst erfolgreiches Konzept. Wer ihn sieht und hört, wer sich ein wenig auseinandersetzt mit der medizinischen Versorgung in Kambodscha, der kann einfach nicht anders als Spenden. Geld spenden und Blut spenden, denn auch das wird dringend benötigt.

Und während ich also nach einem Tag auf dem Fahrrad, nach vielen Kilometern in und um Tempelanlagen, an der „Leitung“ liege und rotes Lebenswasser spende, hat Roman Zeit, das Treiben vor und um das Spital zu beobachten. Hunderte von Eltern – meist Frauen – stehen oder sitzen ruhig in Einerkolonne im Schatten auf den Strassen vor dem Haupteingang. Sie warten auf das Signal eines Pförtners. Sobald die Pforten geöffnet werden, spaziert ein jeder mit seinem kranken Kind auf dem Arm oder an der Hand langsam und geordnet in die Haupthalle. Hier liegen Strohmatten auf dem Boden, auf denen sich die Patienten und ihre Eltern verteilen. Und es wird wieder gewartet! Stundenlang. Viele sind schon stunden- bis sogar tagelang angereist, die Mütter haben ihre „Sonntagskleider“ hervorgesucht. Die Kinderspitäler in Kambodscha und die kostenfreie Behandlung aller Kinder bis 16 Jahre sind ein Privileg dieses Landes und dieser Menschen. Und jeder – sogar der König – weiss das zu schätzen und zu würdigen!

Vier Tage sind wir in Siem Reap geblieben, vier Tage lang haben wir uns nachmittags am Pool gesonnt und uns im Wasser abgekühlt. Und drei Mal haben wir uns morgens früh auf die Fahrräder geschwungen, die 5km bis nach Angkor Wat unter die Räder genommen, anschliessend jeweils noch weitere 10-20km zu den anderen Tempelanlagen. Der Verkehr ist, gelinde gesagt, chaotisch. Zum Glück tuckert Kambodscha so vor sich hin. Nicht wie in Thailand und vielen anderen Länder, wo der Verkehr chaotisch UND todesmutig schnell ist. Hier, in Kambodscha also, können wir uns getrost einfach (fast) ohne zu gucken in eine Kreuzung rollen lassen. Wie Wassertropfen fliesst der Verkehr ineinander und auseinander, alles fliesst weiter, nichts und niemand gerät ins Stocken und vor allem gibt es keine Zusammenstösse. Auch nicht, wenn dir am Strassenrand auf der falschen Seite ein Motorrad, ein Auto oder sogar ein Lastwagen entgegen kommt. Damit muss man rechnen, alles „normal“. Schneller als gedacht haben wir uns an den Fahrstil gewöhnt und geniessen ihn sogar. Nach jeder passierten Kreuzung wird das Lachen in unseren Gesichtern stolzer: Ja, wir können das auch!

Über Angkor Wat, Angkor Thom und all die umliegenden Tempel ist schon viel geschrieben worden. Diese Jahrtausend alten Anlagen ziehen täglich viele, viele Besucher aus aller Welt an – auch Kambodschaner selber kommen in Scharen, staunen über ihr Kulturgut.
Wenn man wie wir mit den Fahrrädern unterwegs ist, die schattigen und guten Strassen bis zur nächsten Anlage gemütlich radelt, meist zu zweit alleine ankommt (selten kommt zeitgleich mit uns ein Tourbus an) und dann auch im eigenen Tempo und auf eigenen Wegen durch die Steinhaufen geht, dann sind die Besucherströme gar nicht so schlimm.
Und jeder dieser Tempel ist wirklich einen Besuch wert. Wir sind beide keine grossen Museumsgänger, wir kennen uns mit der Geschichte von vor tausend Jahren bestenfalls in groben Zügen aus, aber wir sind sehr beeindruckt von der Weitläufigkeit, der Grösse und der Filigranität der Tempelanlagen!
Mit den Rädern haben wir nun halt nicht die weiter entfernten und weniger besuchten Bauwerke gesehen, aber mit den Rädern ist man so richtig „mitten drin“, und das hat uns wirklich gut gefallen.
Angkor Wat ist sicher eines der Highlight auf unserer langen Reise.

Wer viel radelt und sich im Pool abkühlt, der muss auch zwischendurch etwas essen. Erstaunlich, über das kambodschanische Essen weiss man nicht viel in Europa. Dabei ist es mindestens so lecker wie Thai oder Vietnamesisch – von beiden Seiten ein wenig beeinflusst. Zur Abwechslung haben wir also einen Kochkurs belegt. 7 Leute in einer Gruppe, von einer – immer zu Scherzen aufgelegten – Kambodschanerin gut geführt. Wir haben Bananenblütensalat geschnetzelt, Frühlingsrollen gerollt und Amok gekocht. Wir haben Zitronengras und Chili zerstossen, drei Tage gelbe Finger als Erinnerung an die Kurkuma-Wurzel zurückbehalten sowie Limettensaft und Fischsosse gemischt und mit Kokosmilch abgeschmeckt. Mmh, war das ein Festessen!

Wir hätten auch mit dem Boot über die wohl eindrücklichste Strecke in Kambodscha nach Battambang fahren können. Nach der Erfahrung der letzten Bootstour und den Berichten anderer Reisender haben wir uns dagegen entschieden. Der Wasserstand ist recht niedrig, jetzt in der Trockenzeit, es dauere sehr lange (10 Stunden) und man müsse das Boot immer wieder anschieben…
Die Bustour hat auch ewig gedauert, da wir schon um 6:30Uhr parat stehen mussten. Um 7:30Uhr wurden wir abgeholt, mit einem TukTuk zum Bus und mit dem Bus an den Busbahnhof gekarrt. Dort hiess es umsteigen und endlich in bequemen Sitzen (vorher mussten wir wieder einmal im Gang sitzen) haben wir dann um 9:00Uhr die Stadt verlassen. Organisation ist doch mehr oder weniger Glückssache hier.

Battambang ist ein kleines verschlafenes Städtchen, das von seinen Kolonialbauten und den Tempeln in der Umgebung profitiert.
Wir hätten ein TukTuk mieten können, für den ganzen Tag, und zum Phnom Sampeou und Banan-Tempel, zu den Killing Caves und dem Bamboo-Train, zum Fischerdorf und den Flughunden fahren können. Stattdessen haben wir uns wieder Fahrräder gemietet – wir können es einfach nicht lassen – und die Gegend südlich von Battambang unsicher gemacht. So sind wir wieder näher an die Bevölkerung gekommen, haben Gespräche mit Händen und Füssen geführt und festgestellt, dass die Preise für eine Coca Cola oder Kokosnuss rapide sinken mit jedem Kilometer der uns weiter von der Stadt wegbringt.
Die erste Rast haben wir am Weingut eingelegt. Ja, das gibt es hier auch, die Sonne wärmt die Trauben und der Wein, so haben wir uns sagen lassen, schmeckt hervorragend. Wir haben aber auf Alkohol in der Mittagshitze verzichtet, sind weiter geradelt bis zur Brücke und bis zu den Flughunden auf der anderen Seite des Flusses. Ich habe „Stellaluna“ noch nie in Natura gesehen und bin erstaunt über die Grösse und die schiere Anzahl der Tiere. Faszinierend, wie sie im Baum hängen, zwischendurch auch einmal hin- und herfliegen mit einer Spannweite von geschätzten 80cm!

Die Fahrt zurück war anstrengend, langsam wurde es 13:00Uhr. Ohne schattenspendende Bäume und ohne kleine Läden mit Getränken sind 10km bei 36°C doch eine kleine Tortur. Wir waren froh, endlich wieder in Battambang anzukommen und haben uns in einem kleinen lokalen Restaurant gestärkt. Hier essen – wenn überhaupt – nur selten Touristen. Wir konnten ganz kambodschanisch bei Tisch in den Hängematten abhängen, eine Cola mit Eis schlürfen und uns ein wenig erholen. Super, haben wir das auch einmal gemacht, denn in Kambodscha hat fast jedes lokale Café Hängematten statt Stühlen.

Der Stadtrundgang durch Battambang birgt mehr Überraschungen, als wir erwartet haben. Da wäre zum einen der Psar Nath, Hauptmarkt in der Stadtmitte. Ein Gebäude, das dem Erfinder des Betons zu Ehren gereicht hätte. Wie üblich stürzen wir uns mitten ins Gewühl und landen in der „Friseur-Strasse“; junge Frauen mit Lockenwicklern oder Blondierungscreme im Haar, Mädchen mit geschminkten Wangen und lackierten Nägeln, überall ist Schönheit gross geschrieben. Weiter hinten sitzen die Näherinnen mit ihren Mannequins, Stoffballen und Nähmaschinen auf dem wenigen Platz den so ein „Geschäftskubus“ bietet. Hier glitzert und glänzt es – wenige Meter weiter stinkt es fürchterlich nach Fisch. Und nachdem wir uns durch Fischgeruch und über glitschige Böden wieder nach draussen gekämpft hatten, standen wir zwischen Drachenfrucht und Sternfrucht, Ananas und Melone, Milchfrucht und Papaya. Auch nach 12 Monaten Reisen sind Märkte immer wieder eine Freude!
Aber auch der verlassene Bahnhof von Battambang hat uns fasziniert. Seit Januar 2009 ist die Bahnstrecke zwischen Phnom Penh und hier stillgelegt, übrig geblieben ist ein weiterer Traum aus Beton mit verwachsenen Gleisen und viel Leben ringsherum. Bestimmt eine Stunde haben wir uns hier aufgehalten in der Abenddämmerung. Wir haben von Ferne die Musik einer Hochzeitsgesellschaft gehört, den Hochzeitsköchen beim Kochen über die Schulter geschaut und die Kinder beim Fussballspielen mitten auf den Gleisen beobachtet. Das bunte Festzelt, die fröhliche Musik, die freundlichen Menschen und das leckere Essen standen in auffallendem Kontrast zu den Kleidern, den Wohnungen am Gleisrand und den verwahrlosten Gleisen. Ja, auch das ist Kambodscha; vielleicht ist das sogar das „richtige“ Kambodscha!
Genauso „richtig“ wie die Mittelklasse-Kambodschaner, die sich am späten Nachmittag im Park am Ufer des Flüsschens versammeln, alle in Sportkleidern, und zum Sound lauter Musik in grossen Gruppen ihre Aerobics-Übungen veranstalten.

Kambodscha ist für uns das eine Land unserer Südostasienreise, das wir sicherlich wieder einmal besuchen werden. Die Menschen sind in ihrer Armut und Einfachheit so freundlich, so neugierig und so hilfsbereit.
Aber nun heisst es: auf nach Thailand, wo wir uns für unsere einjährige Reise belohnen werden. Luxusresort am Traumstrand, bevor danach der Ernst des Reisens weitergeht.