4670km Hinreise

Wie kann man nur so leichtsinnig sein und 4‘670km Reisestrecke in einem kurzen Text beschreiben? Naja, die Bilder, welche wir alle 100km gemacht haben wünschen dennoch eine kurze Erklärung. Während wir jeweils den Auslöser drückten standen wir meist direkt am Strassenrand , uns liefen die Schweissperlen den Rücken runter, manchmal donnerte ein LKW hupend an uns vorbei oder der Wind strich sanft über die Landschaft und die frisch bestellten Felder. Die Donau war selten fern. Wie ein gutmütiger Bewacher stand sie uns zur Seite, wenn etwa ein rumänischer Strassenköter in Angriffsstellung lauerte, uns der beissend kalte Ostwind unter die Schichten aus Wollunterwäsche, Faserpelzjacke und Windstopper kriechen wollte oder wenn uns der Hintern fürchterlich schmerzte und wir körperlich an unsere Grenzen kamen.

 

 

Alle 100km haben wir also eine sogenannte Momentaufnahme gemacht. Einen Augenblick der Reise eingefangen. Asphalt, Naturstrasse, Kiesweg. Unspektakulär. Für uns aber unvergesslich. Kaum zu glauben, was man als Reisender zwischen den „Klicks“ alles erleben kann. Wörter wie Balkan, Bratislava oder  Mamaliga erhalten eine Bedeutung und ein Erinnerungsgesicht. Gegenwind erlöst einen unwillkürlich vom Alltagsstress, peitschender serbischer Regen hilft bei Verdauungsbeschwerden und Existenzängste verflüchtigen sich, wenn man wie ein balancierender Zirkusclown auf dem Hochseil mit einem Lächeln in den Waden über die Donaudämme holpert.

Laut Google-Routenplaner beträgt die direkte Strecke Aarau-Istanbul 2‘247km und soll angeblich 22 Stunden und 22 Minuten dauern. Mit dem Auto. Schade, wenn man die faszinierende Strecke einfach durchrast wie ein Getriebener. Das Monotone ist Teil des Radfahrens. Stundenlang wie ein Esel in der Kornmühle in die Pedalen treten, ununterbrochen das beinahe melodiöse Rollen des Reifens auf der Strasse hören und das Bräunen der Haut zwischen den Sandalenriemchen als einzige Veränderung wahrnehmen. Meditation. Eins werden mit Speichen, Stahlrahmen und Ledersattel.

Die Menschen. Die Menschen und ihre unmittelbare Umgebung sowie ihre alltäglichen Verrichtungen sind für uns der Höhepunkt der Reise. Je tiefer wir in den östlichen Balkan vorstiessen, desto tiefer wurden die Furchen in den sonnengegerbten Gesichtern der Menschen. Teilweise fühlten wir uns wie Radkönigin und Radkönig. Man rief uns entweder „pfüati“, „Stastnu cestu“ oder „drum bun“ zu, die Menschen unterbrachen ihre Arbeit auf den Feldern und winkten uns zu, im Schatten vor ihren Häusern sitzend schenkten uns die Alten ihr zahnloses Lächeln und die Kinder staunten, rannten hinter uns her oder standen am Strassenrand und streckten die Arme aus, so dass wir die Hände abklatschen konnten. Oft waren es schöne Menschen, deren Gesichter das harte Leben wiederspiegeln. Einfache und verarmte Landbevölkerung, mit schwieligen Händen und gebeugtem Rücken. Das entbehrungsreiche Dasein – sei es unter ehemaligen kommunistischen Regimen oder unter dem aktuellen EU-Stempel – hinterlässt Spuren. Doch haben wir auch ganz viel Aufbruchsstimmung erlebt.

Und nun sind unsere Räder in Istanbul bei zwei Studenten aus Turkmenistan eingelagert. Direkt in ihrer Wohnung im lebendigen und konservativen Stadtteil Fatih. Wir geniessen vorerst die Weiterreise mit Rucksack entlang der Seidenstrasse. Doch in einigen Monaten wollen wir wieder in Istanbul zurück sein, uns auf die Sättel schwingen, die Packtaschen festbinden und über die südliche Balkanroute in die Schweiz zurück radeln – nicht ohne den Tachometer bei Kilometer 4‘670 weiterlaufen zu lassen.