Serbien

30.04.2013 – 06.05.2013 (Mohacs bis Belgrad)

 

Die Einreise von Mohacs (H) über Backi Breg (RS) nach Serbien war problemlos. Die Zöllner langweilten sich, es gab schlichtweg nichts anderes zu tun, als die Pässe von 2 Fahrradfahrern zu kontrollieren. Damit liessen sie sich dann auch genügend Zeit, wünschten uns aber nach ca. 5 Minuten freundlich eine gute Weiterfahrt.

Die Ungarn waren reserviert, aber umgänglich; die Serben strotzen nur so vor Lebensfreude.

 

 

Auf den ersten 10km hat uns jeder, aber auch wirklich JEDER, der auf der Strasse unterwegs war – oder am Strassenrand sass – oder aus dem Fenster schaute – freudig ein Willkommen zugerufen und gewunken – mit dem Bierglas in der Hand, oder mit dem Strickzeug unterm Arm.

Und auch auf dem weiteren Weg rief es von den Picknick – Decken am Ufer der Donau immer wieder „Pivo!“ (Bier)

Einerseits sind wir die bunten Hunden, andererseits führt ja der Eurovelo 6 – Radweg hier entlang, das heisst, man kennt die Verrückten mit ihren voll bepackten Fahrrädern, die in sommerlicher Hitze freiwillig die Mühe des Radfahrens auf sich nehmen. Ja, ein älterer biertrinkender Herr erzählte uns in jener vollkommen heruntergekommenen Kneipe in Bodani, dass vor ein paar Jahren hier schon einmal zwei Vollbepackte waren, und 3 Tomaten sowie 2 Gurken kauften. Wie gesagt, man kennt unsereins hier.

Abgesehen von den Menschen sind auch die Strassen eine erfreuliche Überraschung. Als wären sie extra für uns ausgerollte Teppiche, an manchen Stellen wenig ausgefranst, aber im grossen und ganzen in Superzustand. Ausser uns nutzt die Strassen, die wir benutzen, kaum jemand, das heisst dass wir schnell und mit wenig Verkehr vorwärts kommen. Nur in der Nähe grösserer Städte wie Novi Sad oder Belgrad wird der Verkehr dichter, jedoch immer noch erträglich.

Gestern, auf der Fahrt nach Belgrad haben wir uns ausserdem gefragt, was schlimmer ist: der mittelmässige Verkehr auf den Strassen – oder die Armeen von Mücken am Donau-Ufer.

Auf einer kurzen Strecke von 5 km durch einen Abschnitt des Nationalparks Fruska Gora auf sehr schlechtem und vor allem hügeligem Weg musste ich zwei Mal vom Rad steigen und schieben. Roman vor mir hört mich nur noch fluchen …. Innert Sekunden war die Luft um mich grau-schwarz und ich wusste nicht, ob ich weiterschieben oder um mich schlagen sollte. Ich habe mich entschieden, aus der „Hölle“ zu fliehen und habe die Schlacht verloren – ca. 20 Mückenstiche zieren nun meinen Körper; Roman ist es nicht besser ergangen.

Diese Erfahrung sowie andere Erlebnisse mit diesen Stechinsekten halten uns davon ab, zelten zu gehen. Leider! Denn die Landschaft ist wunderschön.

Andererseits sind die Hostels preiswert, liebenswert und geräumig, und somit freuen wir uns auch ein wenig über diesen Komfort. Im Downtown-Hostel in Novi Sad, der Stadt der Cafés, Kneipen und Beizen, haben wir uns fast schon wie zu Hause gefühlt. Die ganze Stadt scheint ein einziger Häusergarten (Novi Sad = neuer Garten) voller Menschen, Sitzgelegenheiten, Musik und Fröhlichkeit zu sein. Trotz unseres eingeschränkten Budgets sitzen auch wir mehrmals täglich in verschiedenen Strassencafés, geniessen den fast schon italienischen Kaffee und zwischendurch eine Eiscreme, die dem Gelato durchaus das Wasser reichen kann.

Wir haben viel erlebt in diesem Land: Zollformalitäten bei der Ausreise nach Kroatien und der Wiedereinreise 4km später nach Serbien. Übernachtung für 10 Euro pro Person in einer Absteige – anders kann man es nicht nennen – in Bac. 20km vor Belgrad wurden wir auf Schweizerdeutsch angesprochen und haben uns mit Beat über Land und Leute ausgetauscht.

Wunderbar in Erinnerung geblieben ist uns das Mittagessen in dem einzigen Haus auf weiter Flur, nahe der Donau. Eigentlich wollten wir ja picknicken, aber …. die Mücken … ich habe es schon erwähnt.

Nachdem an einem schönen Ort die Decke ausgebreitet und das Essen schon fast aus den Taschen geholt war, haben wir panikartig die Flucht zurück angetreten und uns in den kleinen „Restaurant“ an einem der 4 Tische unter den Einheimischen niedergelassen.

Auf der Speisekarte stand gebratener Donaufisch – irgendeine frisch geangelte Sorte. Die Küche im freien war hoch-improvisiert und der Koch musste für Öl, Mehl oder jede andere Zutat einmal quer über den Hof laufen. Was er dann auch mehrmals tat, bis wir unser Essen auf dem Tisch hatten. Es war im Übrigen köstlich! Und wie bisher in allen Orten Serbiens sass auch hier ein Herr, der sich mit uns während der nächsten Stunde auf Deutsch unterhielt.

Dies ist uns schon zuvor an einem noch abgelegeneren Ort an der Donau in einer heruntergekommenen Roma-Bar auch passiert. Wir müssen wirklich Acht geben auf unsere Worte ….

Jetzt sind wir in Belgrad. Verglichen mit Novi Sad, der Perle Serbiens, ist diese Stadt grau und trist. Dennoch haben wir heute einen schönen Tag verbracht. Die alte Burg ist riesig und von einem tollen Park umgeben. Vor den Toren fährt die Strassenbahn Nummer 2 los, die die Innenstadt umkreist. So konnten wir die grösste orthodoxe Kirche in Europa besuchen, deren Bau im Jahr 1935 begonnen wurde und die bis jetzt immer noch nicht fertig gestellt wurde. Leider hat sie ausser ihrer Grösse nicht viel zu bieten. Zum Glück gibt es noch Sankt Markus, eine wunderbar schöne und auch nicht sonderlich kleine orthodoxe Kirche. Gerade war ein Gottesdienst im Gange – ganz etwas anderes als bei den Reformierten oder Katholiken. Vorne, weit abgetrennt vom „einfachen Volk“ führte der Priester mystische Gebärden durch und sang unverständlich. In der grösstenteils leeren Kirche war ein stetes Kommen und Gehen. Die Gläubigen küssten einem Jesusbild die Füsse, standen eine Weile auf dem weitläufigen Teppich, äusserst andächtig. Dann bekreuzigten sie sich und gingen wieder, jeder nach seinem Gusto, während der Priester weiter sang und mit dem Rücken zum Volk am Altar stand.

Beim weiteren Schlendern durch die Stadt, kurz bevor das Gewitter einsetzte, kamen wir am Hotel Moskau vorbei, DAS Hotel am Platz. Und wer sass da und wurde von Roman begrüsst? Esma Redzepova. Sie sei hier um für Mazdonien am Eurovision-Song-Contest teilzunehmen. Roman hat sie vor ziemlich genau einem Jahr in Marokko beim Mawazine Musik-Festival gehört und war begeistert; sie ist eine Künstlerin „zum Anfassen“ und die Stimme der Zigeuner.

Zum Mittagessen … ach ja: Essen in Serbien bedeutet Fleisch! Wir sind ja beide keine Vegetarier. Aber das hier ist einfach zu viel. Cevapcici; Burger die nur anders heissen, Hackfleisch, Würste, Schnitzel …. also zum Mittagessen haben wir eine gebackene Kartoffel mit Käse gegessen, was eine willkommene Abwechslung war.

Morgen früh verlassen wir die Stadt, in der wir zum ersten Mal vermeintliche oder tatsächliche Ruinen aus dem vergangenen Krieg gesehen haben. Ansonsten ist Serbien der Krieg zumindest nicht mehr an den Bauten anzusehen. Aber die Menschen sind unglücklich über ihre Situation, über das Bild, das die Welt von ihnen hat und vor allem über die Wirtschaftslage. Der Verdienst, so hat man uns wiederholt erklärt, beläuft sich auf 250-300Euro pro Monat. Wie man davon leben kann ist uns schleierhaft, aber auch die Angestellte im Buchladen hat uns heute diese Zahlen genannt – und sich, wie zuvor schon andere – zur positiv denkenden serbischen Seele geäussert. Treffen mit Familie und Freunden, Grillpartys, Musik und Tanz, das helfe über die schweren Zeiten hinweg, die – ihrer Meinung nach – auch in den nächsten 20 Jahren weiter bestehen werden.

Serbien gefällt uns so gut, dass wir uns entschieden haben, noch weitere Tage in diesem Land zu verbringen und erst nach dem Eisernen Tor nach Rumänien einzureisen. Mehr dazu demnächst.

 

Belgrad – Tekija, 07.05. – 11.05.2013

Heute gehen wir kurz vor Kladovo über die Grenze nach Rumänien. Wir verlassen ein Land, das uns landschaftlich und menschlich sehr gefallen hat; in dem leider Arbeitslosigkeit und niedriger Lebensstandard an der Tagesordnung sind.

Die Ausfahrt aus Belgrad war furchtbar, über die 6-spurige Autobrücke führte nur ein schmaler Fussgängerstreifen auf dem wir die Räder im Gegenverkehr 25min geschoben haben. Anschliessend fing es an zu regnen und der Damm, auf dem die Fahrt weiterging wurde zu unserer persönlichen Fangopackung. Zum Glück haben wir in Kovin einen Kärcher-Besitzer getroffen, der unsere Räder abgespritzt hat.

Dort haben wir dann auch ein Lager für die Nacht gesucht und schlussendlich in einem gut erhaltenen ehemaligen Night club übernachtet. Auf der Suche nach einem Geschäft haben wir ein fast schon unwirkliches Dorf entdeckt. Massenweise Souvenirläden, Wechselstuben, Kleiderläden und Juweliere, alles in eher dürftigem Zustand. Dazwischen ein Apple-Laden, der auch so in Zürich stehen könnte. Alles sah nach Grenztourismus aus, aber die Grenze ist noch mehr als 40km entfernt – und Touristen gab es ausser uns auch keine.

Die Sonne hat sich wieder gezeigt, am nächsten Tag ging es zum Silbersee. Angeblich das schönste Stück Fahrradweg in Serbien, dem wir nicht zustimmen können, denn die Fahrt durch den Djerdap – Nationalpark (NP Eisernes Tor) werden wir wohl als besonders eindrucksvoll in Erinnerung behalten. 2 Tage in gemässigtem Tempo sind wir der Donau durch Hügel und Schluchten gefolgt, haben in einer netten kleinen Pension (die uns Marica, die Holländerin, empfohlen hatte) direkt am Donauufer und mit Familienanschluss übernachtet und gestern die engste Stelle – sogleich wohl auch die tiefste Stelle – der Donau passiert.

Fast unvorstellbar für uns, dass der gemächliche Fluss, der zeitweise bis zu 3km breit vor uns gelegen ist, sich auf ca. 200m Enge zusammenpressen lässt.

Die gestrige Fahrt war für uns der bisher schönste Abschnitt unserer Reise – einzig die mehr als 20 unbeleuchteten Tunnel entlang dieser Strecke haben mehrmals unseren Adrenalinspiegel steigen lassen. Stockdustere 200m oder mehr, unser Licht ist sehr gut – aber bis die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, ist schon so manches Auto entgegengekommen und so manches Schlagloch im Weg gewesen. Wir haben jedes Mal aufgeatmet, wenn wieder von Sonnenschein umgeben waren.

In Tekija (nicht zu verwechseln mit dem Getränk) trafen wir rechtzeitig zum „Blumenmarkt“ auf der Hauptkreuzung ein. 2 Kleinlaster mit verschiedenen Pflanzen auf der Ladefläche und 1 Popcornmaschine … das war’s.

Marisa ist ca. 50 Jahre alt und arbeitet seit 2001 in München und spricht uns in sehr gutem Deutsch an. Ihre Mutter hat ein Zimmer zu vermieten – das sich als das Sommerhaus der Schwester herausstellt. Für 6 Euro pro Person pro Nacht haben wir das ganze Haus für uns! Aber zuvor werden wir noch auf serbischen Kaffee und Gebäck eingeladen. Auch hier erfahren wir wieder, wie schwierig die Situation für die Serben im eigenen Land, aber auch im „reichen“ Ausland (Deutschland) ist.

Bis zur Grenze sind es noch 12 km, heute mussten wir mental Abschied nehmen von den lieben Menschen sowie der tollen, sattgrünen, fruchtbaren und hügeligen Landschaft. Djerdap I – der umstrittene Staudamm – ist unser Grenzübertritt nach Rumänien.

Serbien wünscht uns auf grossen Tafeln eine gute Weiterreise – Srecan Put.