Kuba 2016

31.03.-21.04.2016

Ankunft

Dieser Lärm, dieses Licht, dieses Gewimmel!
Ich stehe hier, mit einer grossen gefalteten Pappschachtel unter dem einen Arm und meinem Rad in der anderen Hand irgendwo halb auf dem Bürgersteig und halb auf der Strasse, hinter mir hupt es, um mich herum wimmeln schwarze und weisse, grosse und kleine, dicke und dünne Menschen laut reden und gestikulierend und auf einmal sehe ich gar nichts mehr, weil der rosa und mintgrün gestrichene riesige und uralte Buik durchstartet und mich in eine schwarze Abgaswolke hüllt.

Impressionen

Roman ist irgendwo im Flughafengebäude verschwunden, auf der Suche nach einer Wechselstube. In der Ankunftshalle drehen sich die beiden Gepäckbänder. Sobald ein Koffer oder eine Tasche darauf erscheint springt ein entnervter Reisender seinem Gepäck entgegen und spaziert glücklich der Zollkontrolle entgegen. Wir haben über 2 Stunden auf unsere zwei Taschen und zwei Räder gewartet, nicht genau wissend, auf welchem Band sie denn jetzt erscheinen werden. Und viele andere Mitreisende auf unserem Flug warten immer noch.

Das Licht ist fantastisch, die Temperatur auch. Es ist halb acht abends – Ortszeit – und rasch wird es dunkel. Wohin wenden wir uns? Die Casa Dona Amalia, die wir uns im Internet herausgesucht haben, muss doch irgendwo hier, in der Nähe des Flughafens sein?! Wir müssen die Räder schieben, denn der aufgerollte Velokarton ist zu sperrig zum Fahren.

Im Gewirr der Strassen um den Flughafen finden wir die gesuchte Casa nicht, aber eine andere Habitacion, die uns stante pedes in unseren Reisemodus katapultiert.

weitere Impressionen

Am nächsten Tag, während der wuseligen Einfahrt nach Havanna, kommt mir unsere Unterkunft in den Sinn, im ersten Stock eines alten Hauses, mit Terrasse und Blick über riesige Mangobäume, ein Zimmer ausgelegt mit muffigem Teppich und ein Ventilator, der die ganze Nacht vor sich hin dreht. Wir haben gut geschlafen, weniger gut geduscht unter einem dünnen Wasserstrahl aus lauwarmem Wasser im dunklen Bad. Klobrillen gibt es in diesem Land nur selten – ein rationierter Artikel, denken wir.

Die Einfahrt nach Havanna über die Strasse des 10. Oktober zeigt uns, wie gut und wie schlecht es Kuba geht. Uralte Villen mit pseudo-griechischen Säulen verfallen majestätisch in ihren karibischen Farben. Kleine Einfamilien-Plattenbauten zieren andere Teile der Strasse, überall, wo „Tienda“ oder „Bodega“ steht, stehen auch Trauben wartender Menschen, geduldig wie immer. Einer von ihnen wird das letzte Stück Käse, das letzte Stück Fleisch ergattern, die anderen gehen leer aus.

Unsere Unterkünfte auf dieser Insel, so haben wir beschlossen, sollen die sogenannten „Casas particulares“, also Privatunterkünfte sein. In La Habana Vieja schein alles voll zu sein, wir klopfen an vielen Türen an, bis wir endlich unterkommen.

Es ist schwierig, ein kleines Lokal zu finden, in dem wir zu Abend essen können. Am Schluss finden wir uns doch in einem typischen Touristenlokal wieder, denn, soweit wir das bisher festgestellt haben, essen die Kubaner entweder zu Hause oder ein Sandwich, eine „Pizza“, an einer Strassenecke im Stehen.

Da steht er, ganz in dunkelgrün gekleidet, mit wichtiger Schirmmütze auf dem Kopf und einem Granatenwerfer-ähnlichem Gerät in der Hand, das mir Angst und Bange macht. Zum Glück wissen wir, was er will: es ist der staatliche Kammerjäger, der in jedes Haus geht – „es obligatorio“ – und die Wohnungen ausräuchert. Er erscheint unangekündigt und die Menschen verschwinden fluchtartig aus ihren Räumen, kommen eine Stunde später wieder um die toten Insekten vom Boden aufzulesen.
Wir haben gerade noch Zeit, unsere Packtaschen alle fest zu verschliessen, und schon stehen wir auf der Strasse, auf dem Weg zu einem Mercado, einer Tienda, einer Bodega. Wie die Einheimischen sind wir auf der Suche nach verschiedenen Artikeln, die uns etwas Sicherheit beim Radfahren geben: Kekse, Wasser, Brot, Käse, Konservendosen …… Wir kaufen, was wir kriegen, denn wer weiss, was es morgen noch gibt.

Havanna hat uns an unserem ersten Tag nicht so extrem begeistert, aber die Spannung bleibt: Was hat es uns zu bieten, wenn wir bei unserer Rückkehr den Jetlag überwunden haben und auch einmal zu später Stunde einen Mojito im angesagten Salsa-Club trinken, vielleicht selber mal einen Tanzschritt wagen.

Wechselkurs: 1CUC =25 CUP

An der Playa Jibacoa, ca. 40km östlich von Havanna fragen wir vergebens nach einer Strandhütte – aus Beton. Von den 70 Hütten im Campesito Les Cocos sind nur 10 für Ausländer, bzw. für Leute, die mit CUC bezahlen. Das machen nun auch immer mehr Kubaner, die in den letzten Jahren – genauer seit 2011 – die Erlaubnis haben, eigene kleine Geschäfte aufzumachen. Wir sind müde und ein wenig verzweifelt, denn Unterkünfte gibt es nicht wie Sand am karibischen Meer.

Nachdem die Dame am Empfang erst einmal „Einen auf Sozialismus“ gemacht hat – d.h. mit den Schultern gezuckt und uns ignoriert – wird sie nach kurzer Zeit doch aktiv und telefoniert mit Elisio. Er holt uns mit dem Rad ab und bringt uns zu seiner Casa particular.
Kuba öffnet sich langsam aber sicher immer mehr dem Kapitalismus. Ein langsamer Übergang ist wünschenswert für die Insel und die Menschen. Ohne Kapitalismus gibt es keine engagierten Geschäftsleute; innovative Ideen bringen nicht viel, vor allem kein Geld und so lebt die Gesellschaft träge vor sich hin, kauft in staatlichen Bodegas mit Lebensmittelmarken das allernötigste und mit CUP (Pesos oder moneda national) auf den Mercados den einen oder andere Leckerbissen – wenn es ihn denn gibt.
Mit einem zu schnellen Wechsel in den Kapitalismus wird nur ein kleiner Teil gewinnen und ein grosser Teil der Bewohner zu den Verlierern gehören.

Wenn der Kubaner eine Casa particular betreiben will, so muss er zunächst investieren, z.B. in eine Klobrille, eine Dusche mit warmem Wasser, in Ventilatoren und Klimaanlagen. Dafür benötigt er neben dem Geld in CUC (kubanische Convertibiles, also eigentlich Dollars) auch ein wenig Glück.
Danach meldet er sein Haus als Fremdenzimmer bei den Behörden an und zahlt, so hat uns Thomas erzählt, ca. 150 CUC pro Monat als Zulassungsgeld. Dazu kommen 10% der Einnahmen; jeder Gast wird in ein grosses dickes Buch eingetragen und muss den Eintrag unterschreiben. Wehe, die unangekündigte Kontrolle kommt vorbei, du hast einen Gast und der steht nicht im Buch ….
Wenn du mehr eingenommen hast als irgendein Grenzbetrag, dann kann es sein, dass du nochmals 10-50% deiner Einnahmen am Jahresende abgeben darfst.

Eine Nacht im Doppelzimmer kostet uns zwischen 25-30CUC. Ein Abendessen zwischen 7-10CUC pro Person und ein Frühstück meist 5 CUC pro Person. So kommen wir im Schnitt auf 50-60CUC pro Übernachtung. Der durchschnittliche Staatsangestellte (egal ob Fabrikarbeiter oder Arzt) verdient 25-30CUC …. IM MONAT
Wir haben die Geldgeschäfte noch nicht verstanden. Es gibt am Strassenrand einen guten Espresso (cubanero) für 1 Peso = 4 Rappen oder in einem Touristenlokal für 1 CUC, also das 25-fache.
So geht es uns mit fast allem, was wir kaufen, wir bezahlen einfach, was man uns sagt, logisch sind die Preise für uns selten!

Halbzeit

Irgendwie haben wir die Fahrräder in den alten Citroen gepackt … es war ein schwieriges Unterfangen und wir sind nicht sicher, ob sie heil in Soroa ankommen.
Aber jetzt sind wir unterwegs, unterwegs vom hügeligen Mittelteil Kubas voller Zuckerrohrfeldern und Viehweiden in die Region westlich von Havanna.
Auf dem Mittelstreifen der einzigen – 6-spurigen – Autobahn stehen Verkäufer mit gezopftem Knoblauch oder Käse mit Früchten (eine Spezialität). Auf der rechten Spur unserer Seite kommt uns ein Viehwagen entgegen, gezogen von 2 Ochsen und auf der Gegenseite versteckt ein reitender Cowboy sein Gesicht im Schatten des ausladenden Hutes.
Ein Veloclub der Insel nutzt die einigermassen intakte Oberfläche der Autopista als Übungspflaster und unter jeder Brücke stehen Trauben von Menschen, mit Geldscheinen winkend und somit um eine Mitfahrgelegenheit bittend.

Auf den Strassenschildern sehen wir Städtenamen, die wir in der vergangenen Woche schon passiert haben: Sancti Spiritus, Trinidad, Cienfuegos, Jagüey … und noch einige mehr. Im Schnitt sind wir täglich um die 75km mit den Rädern gefahren, an manchen Tagen war jeder Kilometer einer zu viel: der Wind aus Nordosten hat uns so kräftig ins Gesicht geblasen, dass wir auf flacher Strecke gerade einmal 12km/h zustande brachten – und das auch nur, weil wir kräftig in die Pedale getreten haben.
Wir haben fast jede Nacht in einer anderen „Casa“ verbracht, fast jeden Tag eine andere kubanische Familie kennen gelernt und viele interessante Gespräche geführt.
Elisio, unser erster Gastgeber, hat noch 2 weitere Zimmer vermietet, und zwar im Stundentarif für junge oder ältere Paare, denen es an ungestörter Zweisamkeit zu Hause fehlt.
Ausserhalb von Coliseo haben uns Hector und Odalys herzlich auf ihrem Anwesen aufgenommen und nicht nur ein Zimmer zur Verfügung gestellt sondern das bisher besten Abendessen frisch aus dem Garten zubereitet. Ihr Park gleicht einer kleinen Galerie für plastische Kunst, Hector ist studierter Landwirt und Odalys Kunstgeschichtlerin, sie haben eine grosse Töpferwerkstatt und viele Angestellte die schon morgens früh geschäftig den Hof instand halten.
Hier hat das System der Weitervermittlungen begonnen und bisher nicht aufgehört. Von Odalys sind wir an Berta in Jagüey weitergereicht worden, sie hat sogar einen kleinen Swimmingpool in ihrem wunderschönen Hinterhof.
Berta hat mit Mario in Playa Giron telefoniert, der uns schon am Abzweig der Hauptstrasse erwartete und in der frisch renovierten Garage untergebracht hat – eine zweckmässige, saubere und wirklich gute Unterkunft.
Mario weist das „Paar um die 50“ (richtig, aber nicht sehr schmeichelhaft) an Viky von der Villa Matanzas in Cienfuegos weiter, die uns mit ihrer Nachbarin verkuppelt da Viky alle Zimmer besetzt hat.
In Trinidad schlafen wir bei der Tochter einer Bekannten der Nachbarin von Viky und das Zimmer in Sancti Spiritus bei Sr. Landis hat uns eben diese Vermieterin aus Trinidad vorbestellt. Sr. Landis kennt die Casa Maria in Santa Clara und Maria wiederum hat alle Zimmer voll, bringt uns bei ihrer Freundin 2 Häuser weiter unter. Mittlerweile sind wir in Soroa angekommen und sitzen auf einer wunderschönen Terrasse mit Blick über den noch erhaltenen Urwald. Aus Santa Clara, 500km entfernt, hat unsere „Casa-Mutter“ mit Maite aus Soroa telefoniert, die uns wiederum noch 2 Kilometer weiter die Strasse hinauf zu ihrer Bekannten geschickt hat.
Mal sehen, wo wir morgen landen, in Pinar del Rio oder Consolacion del Sur, mit grosser Wahrscheinlichkeit aber so oder so bei einer Bekannten der Hausherrin von heute.

Seit einigen Tagen schon befinden wir uns nun definitiv im altvertrauten Reisemodus. Kaum sind wir aufgestanden, haben wir auch schon unsere Velotaschen gepackt und sitzen am Frühstückstisch. Das Frühstück ist wirklich jeden Morgen ein Genuss: Geröstete Brotscheiben und leicht süssliche weiche Brötchen, Käse und Schinken, selbstgemachte Marmelade aus Orangen, Guaven oder anderen Früchten, mehr als genug Mango-, Ananas- oder Guavensaft und die obligatorischen Eier – huevos revueltos oder fritas; Rühr- oder Spiegeleier! Und nicht zu vergessen die riesigen Früchteteller voller Ananas, Papaya, Guaven und Bananen. Einfach wunderbar!
So gestärkt ziehen wir vor 8:00Uhr los, denn der Tag wird ab 11:00Uhr morgens heiss und ab 13.30Uhr muss man im Schatten – oder im Zimmer – bleiben. Erst ab 16:30Uhr werden Sonne und Temperaturen wieder angenehmer.
Wir haben uns schon wieder an vieles gewöhnt – an die Sonne, an den Staub, an die Anstrengung und auch daran, dass wir Nahrung und Wasser rechtzeitig suchen müssen, sonst kann es passieren, dass wir ohne Verpflegung unterwegs sind.

Was ist uns geblieben, von den ersten 2 Wochen unserer Reise? Spannend war es immer wieder aufs Neue, genügend Essen aufzutreiben. Eine Pizza am Strassenrand für 5 Pesos (=20 Rappen) schmeckt oft besser als eine für 1 CUC im Hotel. Ebenso spannend waren die Strassenverhältnisse, die von Schotter-Sand-Piste bis zu recht frisch asphaltierten Kilometern zum Abspulen reichten. Leider haben aber die meisten Strassen einfach eine Menge Schlaglöcher: Für uns steht fest: Kubanische Strassen ohne Schlaglöcher sind wie Emmentaler Käse ohne Löcher … oder so ähnlich …

Toll waren auch die verschiedenen Kontaktaufnahmen mit Kubaner – in den „Casas“, bei Begegnungen auf der Strasse, bei Gesprächen in Restaurants oder Bars. Der Durchschnittskubanero, dem wir begegnet sind, ist ruhig, überlegt, ernsthaft, geerdet und arbeitsam.
Seit kleine Privatgeschäfte offiziell erlaubt sind, finden wir in jedem Dorf, jeder Stadt offene Fenster oder Türen vor denen selbstgemalte Schilder mit diversen Angeboten stehen. Meist gibt es Pizza, Bocaditos (Sandwich) mit Käse oder Schinken, Brötchen mit Ei und als Getränke frische Fruchtsäfte, Joghurt, Kaffee. Eine wunderbare Errungenschaft des Klein-Kapitalismus, die wir ausgiebig geniessen! Ein kurzes Gespräch mit dem Verkäufer, der Verkäuferin oder den anderen Kunden liegt immer drin, genauso wie ein Blick in den Innenraum, meist das Wohnzimmer, in dem oft die Mutter, der Opa oder die Kinder vor dem Fernseher hocken.

Freizeit

Fernseher sieht und hört man überall – es läuft das staatliche Programm, im „Idealfall“ auch noch der eine oder andere US – Sender, der den Weg übers. Meer von Miami nach Kuba findet. Musik hingegen hört man eher selten aus den Wohnungen, den Häusern. Eigentlich erstaunlich für ein Land, das bekannt ist für seine heissen Salsa-, Son- oder Rumba- Rhythmen. Aber am Abend findet man in jeder Kleinstadt den einen oder anderen Tanzschuppen, der besonders an den Wochenenden stark frequentiert ist. Dann treffen sich Jung und Alt, Schwarz, Weiss und Kaffeebraun um die freie Zeit so richtig zu geniessen. Auf den Tischen stehen „Bierzapfsäulen“, die leeren Rumflaschen liegen am Boden, ein kitschiger Sänger im Elvis-Dress aber mit kubanischen Melodien singt zur Musik „ab Dose“ und jeder tanzt mit jedem und jeder, hüftschwingend, heiss, erotisch. Ich werde von einer Mittfünfzigerin aufgefordert und nach dem 2. Bier klappt es mit dem Hüftschwung schon ganz gut. Dann muss Roman auch tanzen – und tatsächlich: unsere Tangoschritte, einfach ein wenig schwungvoller, passen ganz gut! Wir haben einen Heidenspass, unsere kubanischen Mittänzer ebenfalls und wer weiss, wo unser „Auftritt“ demnächst auf facebook erscheint.

Einkaufen

Schon wieder, das leidige Thema: Einkaufen: Wir brauchen Wasser und finden Putzmittel, wir suchen Käse und finden Chips (?!), wir wollen Brot, finden es und können es nicht kaufen, weil man das nur auf „Libretta“ bekommt. In jedem Ort, in jeder Stadt gibt es sie zu Hauf: Tiendas und Bodegas mit halbleeren Regalen und einer Auswahl an Kaufgütern, die an Kriegszeiten erinnert. Zwischendurch der eine oder andere Laden für „Superreiche“, hier können Kubaner mit CUC für Preise, die mindestens so hoch sind wie in der Schweiz, Kühlschränke, Klimaanlagen, Kochtöpfe und Kinderwagen erwerben. Wer kann sich das leisten? Denn reich wird man hier auch durch das Vermieten von Zimmern nicht.
In Cienfuegos zeigt uns die liebenswerte Verkäuferin in einem Librettaladen, was man denn so alles auf Lebensmittelmarke bekommt: pro Monat und Person ca. 1.5kg Reis, 500g Bohnen, 1kg Zucker, 500g Salz, Streichhölzer, Zigaretten und noch ein paar andere Dinge. Wirklich armselig! Davon kann man maximal 10 Tage leben, und der Rest ….? Den kauft man für teure CUC in „Spezialitätenläden“.

Tropensozialismus

Auf dem Weg nach Trinidad fährt uns der Gegenwind ganz besonders in die Knochen – und in die Psyche! Wir kommen kaum von der Stelle und zusätzlich zur schlechten Strasse geht es auch noch bergauf.
Wir pausieren vor einem der hunderte Revolutionsplakate am Strassenrand. Che Guevara blickt auf uns herunter, während wir – ich meine Gaseosa Limon und Roman seine tuKola – durstig unsere Getränkedosen öffnen. Beides der Marke Ciego Montero, echt kubanisch wie auch das Wasser (erfrischenderweise nicht von Nestle, aber mindestens genauso teuer). „Hasta la victoria siempre“ ruft uns el comandante zu. Das ist nun der Kampfspruch, der uns bis nach Trinidad trägt.

Socialismo tropical, darunter konnte ich mir am Anfang gar nicht viel vorstellen. Jetzt habe ich ein konkretes Bild vor Augen: Kirgistan unter Palmen. Oder Kasachstan in Pastelltönen. Oder Russland mit Salsa. Die Plattenbauten am Stadtrand sehen denen der Ex-Sowjet-Republiken zum Verwechseln ähnlich. Gleicher Architekt, gleicher Bauherr, gleicher Lieferant. Nur die Umgebung, die Farbgebung hebt sich erfreulich von den tristen Mikrorayons der nördlichen Brüderländer ab. Hier sehen die Blockwohnungen fast schon heimelig aus. Allgemeingut wird auch als solches behandelt und in Ordnung gehalten. Verschiedenfarbige Kinder spielen in den aufgeräumten, sauberen, blühenden Hinterhöfen und die Stimmung ist friedlich.
Natürlich spielt das Klima, die Vegetation eine ausgesprochen wichtige Rolle für das allgemeine Lebensgefühl. Hier verkriecht sich niemand unter dicken Schaffellen in seinen kalten aber schützenden vier Wänden. Das Leben findet draussen statt!

Draussen

Und wir sind viel „draussen“ gewesen. Auf den Verbindungsstrassen zwischen grösseren Ortschaften, auf holprigen Pisten durch das Hinterland, auf glühend heissen, kilometerlangen und einsamen Strassen entlang der Küste. Wir haben den Schatten unter Palmen und Mangobäumen genossen. Unser Geruchssinn wurde von den Millionen überfahrenen Krebsen malträtiert, wir haben den Duft von Orangenblüten genossen, wir haben das Grün der Naturparks aufgesogen und unsere Lungen von den Abgasen wieder freihusten müssen. Die Rotkopf- oder Truthahngeier am Strassenrand haben nicht auf uns gewartet, zum Glück, und morgens und abends lagen uns die Lieder, die Töne wilder und domestizierter Tiere in den Ohren. Tabakfelder, Mangoplantagen, Maniokpflanzen und Bananenstauden – ein wilder Mix an Bäumen und Sträuchern in den Hügeln um Vinales, trockene Regionen in Gelb und Braun zwischen Matanzas und Santa Clara, abwechselnd mit Viehweiden und Zuckerrohrfeldern. Vielseitig sind unsere Eindrücke über alle Sinne.

Bewusst haben wir auf die touristisch ausgelutschte Gegend um Varadero verzichtet – wir wollten nicht die Grenze überqueren, über die Kubaner ohne triftigen Grund nicht reisen dürfen. Lieber haben wir täglich Bohnen und Reis gegessen – oder Reis mit Bohnen oder Bohnensuppe, dazu Reis. Lieber haben wir uns den kleinen Sandstrand mit Einheimischen geteilt – auch wenn das für uns bedeutet hat, dass wir nur ausnahmsweise das erfrischende Nass der Karibik geniessen konnten/wollten. Einmal bin ich in ein Touristenghetto aufgebrochen, ohne Roman. Einen Tag habe ich nur unter Touristen verbracht, bin auf Schnorchelkurs gewesen – und war sehr enttäuscht. Die Unterwasserwelt, die man mir gezeigt hat, reicht nicht im Mindesten an Thailand heran. Und wenn ich auf Kuba bin, möchte ich Kubaner sehen, mit ihnen reden, mit ihnen lachen – und von mir aus auch mich von ihnen über’s Ohr hauen lassen. Das ist Urlaub!

Fazit

Und ausgenommen werden alle Reisenden, wenn nicht von der Regierung, dann zumindest von den Taxifahrern. Seien es Taxifahrer auf 3 Rädern (Velotaxis) oder auf 4 Rädern (v.a. alte Wagen aus den 50ern). Der Kilometer kostet – egal mit welchem Vehikel – 1 CUC (und 1 Peso für die Einheimischen). Auf der langen Strecke von Santa Clara nach Vinales (ca. 400km) haben wir „nur“ 145 CUC bezahlt. Das war jedoch sogar der Polizei zu viel. Wir sind herausgewunken worden, Roman wurde von unserem Fahrer separat interviewt und die Stimmung war ein wenig angespannt. Wie gut, dass Kuba bei den Sowjets in die Schule gegangen ist. Nach ca. 20min Diskussion stellt sich heraus: unser Fahrer aus Santa Clara ist über viele Ecken mit dem Polizisten aus Artemisa verwandt, was eine allfällige Strafgebühr in Luft aufgelöst hat. Ein funktionierendes System, sag ich da nur.

Zurück in Havanna wohnen wir nun im „Verbotenen“ Teil der Stadt, in Vedado. Im vorletzten Jahrhundert befand sich hier ein Wald, es war verboten zu bauen, jetzt steht ein „Häuserwald“ hier. Häuser aus Beton im Plattenbaustil, Häuser aus Holz – aber nur wenige, die vor sich hin verfallen – und natürlich die einstürzenden „Neubauten“ der Kolonialzeit. Eine Villa war einst wohl schöner als die andere, jetzt sind sie teils Schandmale für die Strasse – und Gefahrenzonen, die abgesperrt wurden. Es ist schade zu sehen, wie eine Stadt, die Grosses erlebt hat, vor sich hin vegetiert.

Kuba ist eine Insel, ein richtiges Eiland, wenn man die „Entlegenheit“ des Landes mitberücksichtigt. Geographisch sehr nah an den USA gibt es kaum ein Land der nördlichen Halbkugel, das dem Fortschritt entlegener wäre. Internet gibt es nur auf öffentlichen Plätzen gegen Vorlage des Personalausweises und für 2 CUC pro Stunde. Neuwagen werden ggf. von China eingeführt, die meisten Autos sind gut und gerne 60 Jahre alt. Die Fortbewegung wurde seit den 90er Jahren zurückverlegt von 4 Rädern mit Motor auf 2 Räder mit Muskelkraft (oder Pferdewagen/Ochsenkarren). Die Läden sind leer, das Gemüse „bio“ – nicht aus Überzeugung, sondern weil Dünger und Chemikalien fehlen. Kühlschränke sind Mangelware, weshalb der Metzger täglich ein Schwein erlegt und (hoffentlich) jedes noch so kleine Stück am gleichen Tag verkaufen kann.

Die Reise per Rad über den Westteil der Insel war spannend, interessant und hat uns viele neue Eindrücke beschert.
Jetzt stellt sich nur noch die eine, die wichtige Frage:
Kuba, quo vadis?