Iran

03. – 08.08.2013, Tabriz – Zanjan

Grenzübertritt zwischen Dogubayazit (TR) und Maku (I.R. Iran). Die „Zollfreipapiere“ meiner neuen Kamera scheinen für die türkischen Zöllner in Chinesisch geschrieben zu sein. Ich brauche doch nur einen Stempel – aber stattdessen sitze ich gute 30min mit 4 jungen Männern am „Ganzkörperscan“ für die Einreisenden und diskutiere – mit Hilfe einer netten Iranerin, die sich meiner angenommen hat.
Sie verstehen mich, verstehen aber das Papier nicht, wollen erst keinen Stempel machen, dann strahlt mich der Stempel plötzlich von der Rückseite eines Papiers an – wo er überhaupt nicht hingehört. Es wird telefoniert und weiter diskutiert. Schliesslich habe ich auf dem richtigen der 4 Blätter einen Stempel mit Unterschrift – nur am falschen Ort. Aber ich gebe mich zufrieden, denn Roman wartet schon wirklich lange. Mal sehen, ob ich nun die Taxe zurückerstattet bekomme.

Impressionen

weitere Impressionen

Endlich sitze ich mit Roman und den anderen Touristen – 2 Italiener, 2 Japaner, 1 Koreaner – bei der freundlichen Einreisehilfsperson. Diese ist in Headjab und Manteau gekleider; für Männer gibt es keinen Handschlag. Wir machen alle Angaben, die auch schon im Visaantrag stehen erneut, erfahren, dass der Iran ganz anders ist, als man im Westen denkt, und werden mit einem freundlichem Lächeln unter dem jetzt angelegten Chaador sowie den Angaben für den Wechselkurs aus dem Grenzgebäude gespült.
Mit 50 Euro ist man schon Millionär – genau genommen 2 Millionen-Millionär. So viele Rials erhalten wir bei unserem ersten Wechsel. Der Bus kostet pro Person 75‘000 Rials, das Taxis für eine Strecke von 25km ist relativ teuer und kostet uns zu dritt 100‘000 Rials. Das Zimmer im Guesthouse in Tabriz kostet 500‘000 Rial und das Zimmer im Hotel in Zanjan 1‘320‘000. Jetzt kann jeder selber rechnen 😉 Wir haben lange gebraucht um mit den Geldscheinen und Preisen einigermassen zurecht zu kommen.

In Tabriz waren alle Hotels voll; erst später haben wir erfahren, dass anscheinend eine Technik-Messe abgehalten wurde. Die zwei Japaner hatten Glück und ein Doppelzimmer gefunden; wir restlichen 5 gestrandeten Touristen haben nach mehreren Absagen ein Fünf-Bett-Zimmer genommen. Man hat gut gemerkt, dass wir alle Langzeitreisende, bzw. Vielreisende sind. Das Zimmer war gross, mit Tisch in der Mitte und trotz der ansonsten bescheidenen Verhältnisse mit einem „Stehklo“ und einer Dusche sind wir uns nicht in die Quere gekommen. Dennoch waren wir am nächsten Tag alle froh, dass jeder sein eigenes Zimmer gefunden hat.

Zum Glück haben wir unsere Einreise in dieses geschichtsträchtige Land so lange wie möglich herausgezögert. Der Ramadan ist für uns kein Reisemonat im Iran. Keine Fruchtsaftläden, keine Teehäuser sind geöffnet. Über Tag gibt es nur eine sehr, sehr begrenzte Anzahl Hotels, die Essen servieren und auf den Strassen essen oder trinken ist untersagt! Die Lebendigkeit im Basar scheint auf ein Mindestmass reduziert. Am Abend schauen uns nur noch bleiche Gesichter an, die sich erst gegen 21:00Uhr wieder aufhellen, wenn das Fastenbrechen angesagt ist.
Tabriz, eine Hochburg der Teppichherstellung, hat uns diesmal nicht gefangen nehmen können. Schade. Roman kennt diese Stadt ja schon und hat sie in bester Erinnerung; ich werde ihr wohl eine neue Chance ausserhalb des Ramadans geben müssen.
Die Tage in Tabriz haben wir mit Ausflügen verbracht. Ein Ausflug ging nach Kandovan. Man könnte es auch „Mini-Kappadokien“ nennen. In pilzförmigen Häusern wohnt auch heutzutage noch ein Teil der ärmlichen Landbevölkerung, die sich mit Souvenirläden einen Nebenverdienst verspricht. Mein Kopftuch hier hat 40‘000 Rials gekostet – ich gehe von einem wirklich kleinen Nebenverdienst aus.

Anstrengend aber auch lohnenswert ist der Ausflug zur Babak – Burg gewesen. Nördlich von Tabriz, 3 Stunden Autofahrt durch „bunte“ Hügelzüge und Berge liegt auf einem erhabenen Gipfel eine Burg, die unmöglich dort gebaut werden konnte. Dennoch hat im 9.Jh AD der Nationalheld Babak Khorramdin dieses Wunderwerk vollbracht. Wir lassen uns über einen steilen und holprigen Erdweg mit dem Jeep bis hinauf in‘s Sommerlager der Nomaden bringen. Von hier sind es nur noch 45min. steiler Anstieg bis zu den Überresten dieses einmaligen Bauwerks. Unser Blick schweift über grüne Hügel hinunter ins braun-gelbe Tal. Wie hoch wir uns hier befinden, weiss ich nicht. Aber wir sind dem Himmel ziemlich nah!

Takht-e-Soleiman ist der Ausflug, den wir von Zanjan aus machen. Wir haben die Telefonnummer von Davoud, dem Taxifahrer, von zwei anderen Reisenden erhalten. Wir lassen ihn anrufen – er spricht kein Englisch und wir kein Farsi – und schon nach wenigen Minuten steht er mit seinem Taxi vor dem Hotel. Mit Händen und Füssen unterhalten wir uns und verstehen anhand eines Fotos, dass er gerne seine Enkelin mitnehmen möchte. Klar doch, für uns kein Problem, eher eine Auflockerung.
Also fahren wir zunächst bei ihm zu Hause vorbei, sitzen 20min im Wohnzimmer auf dem Teppich – das einzige Möbelstück ist ein Fernsehtischchen – und trinken Tee. Währenddessen bereiten er und seine Frau das Picknick vor. Offensichtlich fastet er nicht während des Ramadan. Dann sitzen wir im Auto, die Ehefrau mit der kleinen und leicht behinderten Enkeltochter vorne, Roman und ich hinten. Ein Familienausflug mit Anhang. Im Gegensatz zu den anderen Taxifahrern fährt Davoud wirklich zivilisiert. Er überholt nur, wenn er die Strasse halbwegs einsehen kann und überschreitet die Geschwindigkeitslimite nur selten mehr als 10km/h. Wir können uns entspannen. Dazu trägt auch der Tee bei, den wir während der Fahrt gereicht bekommen. Davoud sitzt immer lächelnd am Steuer, raucht sich ein Zigarettchen, trinkt Tee, isst sein Mittagessandwich, telefoniert oder redet mit Frau und Enkeltochter. Alles in allem ein ruhiger Trip, den wir geniessen können. (Wie schnell sich die Standards doch ändern können, je nach dem, womit man die aktuelle Situation vergleicht ….)
Takht-e-Soleiman gehört seit 2003 zum UNESCO Weltkulturerbe. Im 3. Jh. AD war dieser Ort das spirituelle Zentrum der Zoroastrier in Persien. Aus dem „See ohne Boden“ fliessen pro Sekunde 90 Liter schwefelhaltiges Wasser. Wind (=Luft) gibt es hier genug ebenso wie Erde. Und das „ewige Feuer“ wurde durch warmen Vulkandampf dargestellt. Die vier Elemente der Zoroastrier. Der See ist beeindruckend blau, die Überreste der Anlage mit Burgmauer, Hamam, Gotteshaus und Zeremoniensaal sind eher dürftig, werden aber doch langsam restauriert.
Speziell ist der Aufstieg zu „Soleiman’s Gefängnis“, ca. 4km südlich. Hier ragt ein Vulkankrater über einem kleinen Dorf in den Himmel. Der Aufstieg dauert kaum 10 Minuten, und wir schauen in die Tiefe der Erde, atmen Schwefelgase ein. Nichts für Menschen mit Höhenangst, auch mir wird komisch zu Mute.
Nach insgesamt 7 Stunden ist der „Familienausflug“ beendet und hat uns 1‘000‘000 Rial gekostet. Geschickt haben wir die Einladung zum Abendessen ausschlagen können. Davoud hat das Zeug, als „Takht-e-Soleiman-Taxifahrer“ in den Reiseführer „Lonely Planet“ einzugehen.

09.-13.08.2013, Qazvin, Alamut-Tal, Gazor Khan, Tehran

Das Örtchen Qazvin haben wir gewählt zur Überbrückung der Feiertage und als Ausgangsunkt für unsere Tour ins Alamut-Tal. Vom 09.-11.08. feiern die Iraner – die Muslime – dieses Jahr das Ende des Ramadan. Wie bei uns zu Weihnachten sind die meisten Geschäfte geschlossen, auf dem Bazaar herrscht Totenstille, Männer, Frauen und Kinder sind festlich gekleidet. Wir geniessen die Ruhe in diesem Ort und schlendern ganz alleine durch den alten und den wunderschönen neuen Bazaar. Irgendwann landen wir an der grossen Moschee, Masjed-e- Jameh, die leider wegen Renovation geschlossen ist.

Der Schrein des Immamzadeh-e-Hossein glitzert in seinem Inneren nur so vor sich hin. Die Decke, die Wände, der Schrein selber, scheinen mit Silber – oder doch eher mit Alu? – verziert, Kronleuchter leuchten mit Sparlampen um die Wetter. Hinter Glas und einem verziertem Metallgitter, an dem sich die Hände reiben, Köpfe angelehnt werden und viele echte Tränen vergossen werden, befinden sich wohl die Überreste des Imam.

Am nächsten Morgen holt uns ein hypernervöser Taxifahrer für unseren Trip zu den Burgen der Assassins ab. Zum Glück fährt er wesentlich besser und ruhiger, als wir anfangs annehmen. Durch erneut eindrucksvolle Natur, hinauf auf über 2000m und wieder hinunter ins Tal mit seinen grünen Reisfeldern können wir die Fahrt sehr geniessen. Das Alamut-Tal ist einfach nur schön! Zu beiden Seiten hohe Berge, karg und trocken (bis 4000m) und mittendrin das langgestreckte, grüne Tal. Wir klettern in 30min zur Lamiasar-Burg auf knapp 1700m. Es stehen nur noch wenige Steine aufeinander, aber man kann sich dennoch vorstellen, dass diese Burg nicht einnehmbar war. Nur an einer Seite konnten Freund und Feind in die Festungsmauern gelangen. An den anderen 3 Seiten fällt der Fels mehrere hundert Meter steil ab.
Weiter durch diese wunderbare Landschaft des Alborz-Gebirges fahren wir an einen Ausflugssee. Hier herrscht eine Stimmung wie bei einem Open-Air-Festival. Überall wird gegrillt, gezeltet, geschlafen, gegessen, getrunken oder auch im See geschwommen. Viele Familien scheinen die Feiertage für einen Ausflug in’s Grüne genutzt zu haben.

In Gazor Khan angekommen – hier übernachten wir bei einer Familie – werden wir von den Festivitäten einer Hochzeit empfangen. Braut und Bräutigam feiern zu Beginn separat, wir schauen beim Fest des Bräutigams zu. Trommelschläge und quietschende Flötenmusik untermalen kontinuierlich das Geschehen. Bei schönstem Sonnenschein werden Schein-Kämpfe veranstaltet und Geldscheine ins Volk geschmissen. Davon werden unter anderem die Musiker bezahlt.
Das Brautpaar hat Glück; bei schönsten Sonnenschein treffen sie sich auf dem Dorfplatz direkt vor unserem Haus und gehen gemeinsam zum Festsaal im „Oberdorf“. Wenige Stunden später gewittert und regnet es, die ganze Nacht hindurch.
Für uns bedeutet das, die Pläne einer Wanderung ad acta zu legen. Die erdigen Wege sind schlammig und rutschig – es regnet bis Mittag am nächsten Tag – und die Abhänge sind steil. Wir wollen kein Risiko eingehen. Ein Ruhetag mit lesen und schlafen tut uns auch ganz gut, aber auf die Wanderung hatten wir uns gefreut. Zumindest können wir am Nachmittag das Alamut-Schloss besichtigen; ein sehr steiler Aufstieg, der erneut mit einer himmlischen Aussicht belohnt wird. Es ist der letzte Feiertag nach Ramadan, in den Bergen tummeln sich die einheimischen Touristen. Viele von ihnen haben die Nacht in notdürftigen Zelten am Strassenrand verbracht – und trocknen nun ihre Decken und Kleider.

Unsere Unterkunft bei Familie Samiee war zwar nicht notdürftig, aber sehr einfach. Schon seit einigen Jahren hat Ali Samiee (ca. 50-jährig) realisiert, dass verrückte Touristen gerne in diesem Tal wandern. Er hat ein Obergeschoss angebaut und eine „western toilet“ – das heisst Sitzklo, mit der hier verbreiteten weichen Schaumstoffklobrille. Im 3-Bett-Zimmer befindet sich ein grosser Tisch mit Blick über Dorf und Berge, man kann draussen auf dem Dach über dem Hauptplatz stehen und das alltägliche Geschehen beobachten und im Zimmer liegt auch ein „Tagebuch“ in dem seit 2007 die verrückten Touristen mehr oder weniger intelligente Sätze verewigt haben. Es gibt kein Restaurant und nur zwei kleine Läden, deren Öffnungszeiten wir nicht durchschaut haben. Also waren wir angewiesen auf Frühstück und Abendessen von Frau Samiee, das zwar wenig aber wohlschmeckend war.
Am ersten Abend, nach dem Abendessen, stand Frau Samiee dann plötzlich im Zimmer. Irgendwie hat sie herausgefunden, dass ich Ärztin bin. Mit wenigen englischen Worten und vielen Handbewegungen erklärt sie mir, dass sie Rückenschmerzen habe, ja, genau hier! Und drückt meine Hand gegen ihren Rücken. Was soll man da machen? Ich mache eine notdürftige Untersuchung mit viel TLC (tender loving care) und fülle ihr anschliessend ein kleines Häufchen Inflamac-Lotio ab. Gebrauchsanweisung 3x wiederholt, 5x mahnend erwähnt, sie solle nach dem Eincremen ihre Hände waschen und die Creme nicht in die Augen reiben …. und die Patientin war glücklich. Ich hingegen fühle mich immer so hilflos, ich kann schleicht „nein“ sagen, da die Leute wirklich hilfsbedürftig sind. Was ich dann aber machen kann, ist bloss ein Tropfen auf den heissen Stein – wenn nicht noch weniger.

Von Gazor Khan, dem Bergdorf, sind wir im Morgengrauen – und diesmal bei schönen Wetter – mit dem Sammeltaxi über Qazvin nach Tehran gefahren. Im Sammeltaxi werden die Kosten geteilt, meist ist der Preis extrem niedrig. Für die 2-stündige Fahrt über die Berge haben wir pro Person 3 Euro gezahlt. Insgesamt waren 5 Gäste im Taxi – auf dem Beifahrersitz 2 „Alte“, hinten Roman und ich sowie ein weiterer Gast. In der Stadt fahren die Sammeltaxis immer langsam am Strassenrand entlang, bis das Auto gefüllt ist. Die „möchtegern“ – Passagiere rufen vom Bordstein aus ihren Zielort in Richtung offenes Autofenster. Falls das Ziel vereinbar ist mit den Zielen der anderen Passagiere, kommt halt noch einer ins Auto. So ist das Taxi nie leer, fährt kontinuierlich seine Runden, und die Fahrgäste zahlen eben einen geringen Preis. Nur Busfahren ist billiger, das kostet nämlich pro Fahrt in der Stadt 5(!) Eurocent.

Tehran stand gar nicht auf unserem Reiseplan. Eine grosse und graue Stadt, heisst es. Nach vielen Diskussionen und Planerei haben wir uns jedoch entschieden, bezüglich des Turkmenistan-Visums auf „Nummer sicher“ zu gehen und es hier, rechtzeitig vor der Ausreise, zu beantragen. Gut so, denn es dauert ca. 7-10 Tage, bis das Visum ausgestellt wird. An der Grenze in Mashad wären wir so unter unangenehmen Zeitdruck geraten.

Tehran ist tatsächlich gross und ziemlich grau. Der Lärm der „Millionen“ Motorräder ist ohrenbetäubend. Trotz Ampeln grenzt das Überqueren der Strassen teilweise an eine suizidale Handlung. Die seit einigen Jahren geöffnete und immer noch im Ausbau befindliche Metro hat die Stadt vermutlich vor dem frühzeitigen Verkehrserstickungstod gerettet. Über 2 Millionen Menschen fahren täglich auf den bisherigen 5 Metrolinien. Mehr passen leider nicht in die Waggons; so schon werden an den meisten Stationen die letzten eingestiegenen Gäste vom Perron aus in die Wagen gedrückt, es gibt kaum Luft zum Atmen. Für Frauen, die sich nicht in das Gewühl von Männerkörpern und Männerhänden stürzen wollen, gibt es an jedem Ende des Zugs ein reines Frauenabteil. Und so wenig wie ich mich mit dieser Trennung anfreunden kann – hier in Tehran macht sie wirklich noch Sinn.
Nicht nur die Metro hat die Stadt gerettet. Auch die Berge, die von fast überall sichtbar ihre schützende Hand über die Stadt halten, verschönern das Stadtbild. Besonders in Nordtehran (dort, wo sich viele Botschaften befinden) spürt man ihren Einfluss. Aber auch die Menschen sind einfach wunderbar. Wir können nicht einen Moment an einer Strassenecke stehen und überlegen, wohin wir gehen wollen, da werden wir schon angesprochen, meist in recht gutem Englisch. Alle, wirklich alle, vom Polizisten über den Kioskverkäufer zum Schuhputzer oder Geldwechsler, wollen und können auch meist, hilfreich zur Seite stehen. Wir werden pro Tag hunderte Male im Iran willkommen geheissen und mit guten Wünschen auf den weiteren Weg geschickt.

Einen ganzen Tag haben wir in der Hauptstadt des Irans mit Erledigungen verbracht. Um 8:00Uhr sind wir vom Hotel im Zentrum mit der U-Bahn gestartet. Eine Stunde später standen wir im Norden vor der Turkmenischen Botschaft und konnten nach 30min warten in der Sonne auch unsere vorbereiteten Papiere abgeben. Zwei deutsche Touristen auf dem gleichen Weg wie wir – aber mit den Rädern – haben uns noch empfohlen, das China-Visum ebenfalls im Iran zu beantragen. Kirgisien und China hätten z.Z. ein paar Differenzen, was sich angeblich auch auf die Bearbeitung der Visa-Anträge niederschlägt. Nach kurzer Beratung entschliessen wir uns, diese Anträge auch „noch schnell“ zu stellen. Das bedeutet: zur Schweizer Botschaft, dort 25min auf „Frau Bünzli-Schwiizer“ warten um einen Standard-Brief in DinA4-Format zu erhalten, der bestätigt, dass Roman auch Roman ist. Mir kann trotz meiner neu erhaltenen Schweizer Staatsbürgerschaft keine Bescheinigung ausgestellt werden. Ich besitze noch keinen Schweizerpass. Also müssen wir quer durch die Stadt, zurück ins Zentrum, zur deutschen Botschaft. Vor uns eine Menschentraube, alles Iraner, und es ist 3min. nach 12, Mittagspause. Aber die Deutschen nehmen dennoch meinen Pass an und sobald sie gegessen haben wollen sie die Bestätigung schreiben, dass ich auch wirklich ich bin. Auch für uns ist Mittagsessenszeit. Nach einem „fast-food-Imbiss“, bei dem wir unglaubliche 20min auf unser Essen warten mussten, sprinten wir ins nächste Internet-Café. Dort haben wir Glück, jeder von uns kann an einem eigenen Computer das 6-seitige Antragsformular für die Chinesen herunterladen, beantworten und ausdrucken. Für die doppelseitigen Kopien überqueren wir den Ferdosi-Platz unter Einsatz unseres Lebens, machen auch noch schnell ein paar Passkopien und hechten zurück in die deutsche Botschaft. Oh Wunder, innerhalb von 5 Minuten halte ich das Papier in der Hand und werde mit einem Gruss sowie der Anschrift der Chinesischen Botschaft – in Farsi – zurück in die Sonne geschickt. Damit schaffen wir es, in einem Taxi schon wieder in einer einstündigen Fahrt die ganze Stadt zu durchqueren, um im Norden das graue Gebäude ausfindig zu machen. Innen herrscht wirklich gute Stimmung. Der Empfangsbeamte ist hochgewachsen und lächelt freundlich. Wir kommen innerhalb von wenigen Minuten an den Schalter des Chefs. Er kontrolliert unsere Unterlagen – alles vollständig, puh – und reicht sie an seine hübsche und gut gelaunte junge iranische Assistentin weiter. Hier befinden wir uns auf neutralem (oder chinesischem?) Boden, hier trägt keine Frau Kopftuch. Leider können wir ausserhalb der Schweiz keinen Antrag für „multiple entry“ nach China stellen. Das müssten wir in der Schweiz machen. Die Assistentin diskutiert mit ihrem chinesischen Chef, versucht offensichtlich ein gutes Wort für uns einzulegen. Noch während sie die Papiere zusammenheftet haben wir den Eindruck, sie bemüht sich für uns.
Aber es geht nicht. Mhh, immerhin können wir 90 Tage für China beantragen, und die Chance, dass dies durchgeht, ist gross. Die wichtigsten Hürden für heute haben wir gepackt.
Was uns ein wenig Sorgen macht ist, dass wir den Pass auf der Chinesischen Botschaft lassen müssen. So reisen wir nun weiter durch den Iran, nur mit Passkopien. Die Rezeptionisten in den Hotels schauen immer ein wenig komisch (aus polizeilichen Gründen bleiben die Pässe normalerweise während des Aufenthaltes in den Hotels), aber Probleme hat es deswegen zum Glück noch nicht gegeben.

Romans Kamera müsste irgendwo an der Afrika-Avenue in Reparatur gegeben werden. Diese Strasse ist lang. Wir haben die genaue Adresse und einen Stadtplan. Aber ob der Taxifahrer schon jemals einen Stadtplan in den Händen hatte? Irgendwie und nach mehrmaligem Fragen finden wir das unscheinbare Gebäude, in dem sich die Olympus-Zentral des Irans befindet. Übermorgen erhalten wir Bescheid, ob die Kamera repariert werden kann.
Der Adrenalinspiegel sinkt, high-five, wir atmen tief ein und aus: geschafft! Nach einem 10-stündigen „Arbeitstag“ fallen wir müde auf’s Bett, raffen uns eben noch zu einem Spaziergang durch den Park-e-Schar auf und eine iranische Pizza zum Abendessen.

Wenn alles gut geht – es geht alles gut! – halten wir in 2 Wochen alle Visa bis einschliesslich Januar in den Händen. Bis dahin geniessen wir den Iran mit seinen Wüstenlandschaften und Kulturstädten.

14.-16.08.2013, Kashan, Dasht-e-Kavir (Wüste), Esfahan

Uns laufen die Tage davon. Tehran war ein ungeplanter Abstechen, den wir nun auch noch einmal wiederholen müssen um Pässe und Visa abzuholen. Das heisst, mindestens ein Ziel im Iran muss gestrichen werden. Aufgrund der Temperaturen streichen wir zwei Ideen: zum einen macht es wohl keinen Sinn, 6 Stunden in eine abgelegene Wüstenstadt zu fahren, um dort in Hitze und ohne Klimaanlage in einem Touristenhotspot zu übernachten und dann wieder zurück zu fahren. Zum anderen ist es besser, in den einzelnen Städten mehr Zeit zu verbringen, als ein „City-hopping“ nach japanischer Art zu machen und sowohl für Shiraz als auch für Yazd je nur 2 Tage einzuplanen. Wir streichen – schweren Herzens – Shiraz.
Dafür machen wir einen Abstecher nach Kashan. Romans Erinnerung an diese Stadt ist dürftig, und wie es scheint hat es viele Veränderungen in den letzten 10 Jahren gegeben.

Wir landen in dem bisher besten Hotel in diesem Land. Nein, keine 5 Sterne, und die Betten sind auch nicht sonderlich weich, Klo und Dusche sind auf dem Gang. Dafür herrscht hier eine wunderbare Atmosphäre. Um einen grossen Innenhof mit Springbrunnen sind die Zimmer arrangiert. Die Gastgeber sind superfreundlich, hilfsbereit und nett. Wir fläzen uns auf den schattigen und mit Teppich ausgekleideten Holzgestellen, trinken Tee und freuen uns am Dasein. Das Mittagessen nehmen wir in einem „Historischen Haus“, das zugleich auch ein Museum ist, ein. Einer der vielen Innenhöfe ist nun überdacht und klimatisiert, Touristen – aber auch viele Einheimische – tummeln sich hier im Abassian auf den hölzernen Sitzgelegenheiten, essen, trinken Tee oder rauchen eine Wasserpfeife.

Wir sind erstaunt, wie viele historische Häuser museal zurecht gemacht wurden, auch das Hamam wurde restauriert. Vom Dach aus konnten wir über die ganze Stadt sehen. Wider Erwarten gefällt uns Kashan sehr gut. Wir sehen die ersten Badgirs, wir spüren die Temperaturen in der Mittagshitze, hier am Rand der Wüste, und wir tummeln uns sehr gerne im urtümlichen Basar aus 1001 Nacht. Die Menschen sind ruhig, entspannt.

Qom, ein religiöses Zentrum, haben wir als nächsten Halt angepeilt. Doch es kommt anders. Vor dem Hamam-Museum spricht uns Hussein an. Er verkauft uns einen relativ teuren (60Euro pro Person) Trip in die Wüste. Auf der Hinfahrt: unterirdische Stadt, Schrein, Salzsee und Sonnenuntergang in der Karavanserei 30km wüsteneinwärts. Dort dann Abendessen, schlafen unter dem Sternenhimmel und am nächsten Tag Abianeh, dann Absetzen in Isfahan. So hätten wir 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen – doch noch Wüstenfeeling und Privattaxi in die Stadt, die die „Halbe Welt“ darstellt.
Also: Qom wird gestrichen – ich wäre sowieso nicht recht dafür gekleidet – dafür setzen wir uns voller Erwartung um 16:00Uhr am Folgetag ins Taxi. Unser sympathischer Guide muss scheinbar beim Reden keine Luft holen. Nach 5 min. wissen wir schon viel von ihm, müssen immer wieder Musik anhören, die ihm gefällt, und dann werden wir mit Fragen bombardiert. Er ist 26, will nach Frankreich auswandern, spricht fliessend Französisch und – wie er sagt – ohne Akzent. Er will alles über Europa, Frankreich, das Verhalten der Menschen, das Verhalten als Ehepaar (Arbeitsteilung im Haushalt scheint ihm unverständlich) wissen. Dabei ist er trotz seiner Jahre einfach noch ein verwöhntes Einzelkind, unreif und unfähig, auf andere einzugehen. Er stellt in einem fort Fragen und kann die Antwort nicht anhören, er merkt nicht, dass wir zwischendurch einfach mal die Wüste anschauen wollen, ohne „Nebengeräusch“ aus seinem Mund, ohne uns Antworten zurechtzulegen, die er doch nicht hören will.
Uns ist ein „Individualtrip“ versprochen worden, was mit Taxifahrer und Guide ja auch gut möglich ist. Stattdessen müssen wir uns aber immer beeilen, können nicht verweilen, da eine italienische Gruppe von 8 Personen den gleichen Trip macht.
Das, und das Gerede des Guide geht uns recht schnell auf die Nerven. Zu zehnt gehen wir in die unterirdische Stadt, zu zehnt überfallen wir den Schrein, immer heisst es: wo sind die anderen, wir müssen weiter. Die Individualität ist dahin.
Der Schrein ist lebhaft, schön und interessant. Der Salzsee eindrucksvoll. Die Karavanserei erreichen wir kurz nach Sonnenuntergang. Während wir noch den letzten roten Strahlen vom Dach aus zuschauen, geht neben uns der Generator an und verströmt schwarzen Qualm in unsere Atemluft. Die Karavanserei selber ist restauriert aber „tot“, wir halten uns zu zehnt vor den Toren auf, dort wo das Wasserreservoir ist und der kleine kanalisierte Bach. Dort steht auch eine „Bretterbude“ mit Neonlicht aussen über der Eingangstüre. Davor liegt ein Teppich, auf dem wir unser recht gutes Abendessen serviert bekommen. Die Italiener schlafen nicht in der Wüste und müssen – kaum sind wir endlich in ein gutes Gespräch vertieft – plötzlich aufbrechen und wir sitzen alleine auf dem Teppich, der auch unser Nachtlager sein soll. Vor lauter Neonlicht sehe ich keine Sterne. An meinem Kopfende plätschert der Bach einschläfernd und wir legen uns früh zur Ruhe, da wir ja schon um 5:00Uhr zu den Sanddünen aufbrechen wollen, den Sonnenaufgang sehen. Vorher aber muss Roman mit Massoud noch auf seinem Handy irgendein komisches Spiel spielen – dass eben angeblich kein Spiel sei, sondern eine Konzentrationsaufgabe. Muss das wirklich in der Wüste sein? Massoud legt sich zu uns auf den Teppich, auf dem wir zuvor noch ohne Unterlage zu Abend gegessen haben. Sooo romantisch. Irgendwie schlafen wir dann doch ein und wachen um 1:30Uhr entnervt auf. Der Taxifahrer hat kein Auge zu machen können, auch Massoud hat anscheinend nicht geschlafen, wir haben vielleicht 2h im Land der Träume verbringen können. An unseren Köpfen, im Bach, kaum 50cm von meinem Kopfkissen entfernt, wird lautstark Geschirr gewaschen, geplaudert, gelacht. Unweit von uns sitzt eine extrem laute Gruppe junger Männer lachend, singend und auf Instrumenten spielend. Sie hätten Alkohol und Drogen, seien unberechenbar. Wir wissen nicht, was machen und setzen uns schlussendlich in das Taxi, fahren ca. 60min um an einer verfallenen Hütte eine weitere kleine Mütze Schlaf zu naschen. Roman und ich, wir pennen innerhalb kürzerer Zeit, während unsere beiden Begleiter – Beschützer? – sich vor Angst fast in die Hosen machen. Hier gebe es so viele Tiere; Kamele zum Beispiel und Hasen ….
Während Roman weiterschläft, sehe ich tatsächlich in der Ferne die Sonne aufgehen und eine Herde Kamele gen Osten ziehen. Ein versöhnliches Bild nach so einer Nacht.

Mit unserem übermüdeten Taxifahren weigern wir uns, nach Isfahan zu fahren. Immerhin 300km hin – und für ihn wieder 300km zurück. Er muss erst einmal schlafen. Auch Abianeh werden wir nicht geniessen können, nicht sehen können, da uns immer wieder die Augen zu fallen. Nach einem längeren Telefonat mit Hussein, dem „Boss“, zahlen wir nur etwas mehr als die Hälfte und reisen mit dem Bus weiter, voller Vorfreude auf ein gemütliches grosses weiches Bett, voller Freude auf viele Stunden Schlaf.
Gegenüber vom Abassi-Hotel quartieren wir uns ein. Das Safir-Hotel hat mindestens 3 Sterne, ist modern mit grossen Räumen und weichen Betten und kostet uns fast „ein Vermögen“ von umgerechnet knapp 40 Euro/Nacht für 2 Personen. Das sind wir uns jetzt wert! Wir müssen „nachschlafen“ und, wie Roman aus Erfahrung weiss, auch „vorschlafen“. Morgen treffen wir Mehdi, ab morgen können wir keine Minute mehr selbständig verplanen.

So geniessen wir die Abenddämmerung am Naghsh-e-Jahan-Platz vor dem grossen Springbrunnen und mit Blick auf die Sheik-Lotfollah-Moschee. Wir essen in einem traditionellen „Sofrakhane“ Kebab und Auberginenmousse und fühlen uns wohl in dieser kulturreichen Stadt. Die schönste Erinnerung an diesen Abend ist aber der Grossvater, der auf Wunsch seiner beiden ca. 5-jährigen Enkel nach dem Essen das Teetablett als Rhythmusinstrument benutzt und anfängt zu singen. Kinder und Kindeskinder sitzen eng im Kreis, in der Mitte tanzen die beiden Enkel und die traurigen Melodien erfüllen Himmel und Erde.

17.-21.08.2013, Esfahan mit Mehdi

Es ist Samstag, also der erste Tag nach dem Wochenende in diesem muslimischen Land. Mehdi muss arbeiten, will uns aber um 13:30Uhr im Hotel abholen. Und er ermahnt uns am Telefon eindringlich, im Hotel auszuchecken. Wir seien ab sofort seine Gäste. Das klingt vielversprechend und Unheil verkündend gleichzeitig.

Mittags ist die Wiedersehensfreude gross, Mehdi entschuldigt sich, dass er mich nicht in der Öffentlichkeit zur Begrüssung in die Arme nehmen darf. Das holt er jedoch wenige Stunden später in seinem Apartment sehr herzlich nach. Zunächst aber fahren wir zum Mittagessen viele, viele Kilometer an den Stadtrand. Vorbei an den 2 „shaking Minarets“, die angeblich vor vielen hundert Jahre so gebaut wurden, dass man in der Turmspitze durch Gewichtsverlagerung das eine in Bewegung setzen konnte, das andere folgte dann mit gleichem Schwung. Gesehen haben wir das nicht, wir müssen es einfach glauben.
Ebenfalls vorbei an einem heiligen Fels der Zoroastrier, den wir uns von der Strasse aus anschauen. Mächtig steht er da und ich möchte hinaufklettern, die Geschichte des Bergs erfahren, aber mein Tag ist heute – und auch morgen und übermorgen – so ziemlich verplant.

Mehdis Apartment liegt am Stadtrand, in einer Neubausiedlung. 3 1/2 Zimmer mit 2 Badezimmern. Das „Gästezimmer“ ist schon gemütlich für uns vorbereitet; ausser dem Teppich auf dem Boden finden wir hier noch 3 Synthetikdecken, 2 Kopfkissen und ein Duvet. Wir wissen schon jetzt, die Nächte werden hart; wir Westler sind es doch gewohnt, auf weichen Matratzen zu schlafen.

Um 20:00Uhr sitzen wir schon wieder im Auto, Mehdi will mit uns einen Abendspaziergang machen, uns zum Eiscreme-essen ausführen und anschliessend noch für uns kochen. Bewundernd schaue ich ihn an. Ich dachte immer schon, ich könnte viele Aktivitäten in wenige Stunden quetschen, aber Mr. Sarlak übertrifft mich gewaltig.

Nach einer Stunde Autofahrt also haben wir endlich einen Parkplatz am Ufer des ausgetrockneten Flusses gefunden und spazieren langsam auf eine der vielen Brücken zu. Für uns sieht es wunderschön aus – die Menschen in Isfahan aber leiden seit 4 Jahren jeden Sommer darunter, dass das Wasser am Weg durch die Stadt gehindert wird und der Landwirtschaft zugeführt wird. In den Wochen der „Trockenheit“ sei die Stimmung in dieser Stadt (noch) depressiver, gereizter als sonst. Zu einer anderen Zeit, wenn das Wasser an den Treppen der Brücke plätschert, sitzen anscheinend mehr oder weniger begabte Sänger und Instrumentalisten in den beleuchteten Bögen über dem Fluss und lassen ihre melancholischen Klänge über die sanften Wellen gleiten.
Um 21:30Uhr essen wir die beste Eiscreme seit Monaten: Süsse, cremige, wunderbare Safran-Eiscreme, eine Spezialität der Stadt. Um 22:00Uhr sitzen wir wieder im Auto, die Fahrt in den Vorort dauert ca. 30min …. Roman und ich überreden unseren Gastgeber, heute auf das Kochen zu verzichten. Wir sind auch mit der Melone zufrieden, die wir auf dem Rückweg kaufen.

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Wir kommen immer erst nach Mitternacht ins Bett (auf den Teppich), stehen relativ spät auf, probieren unser Glück – und das hat hier im Iran immer mit Glück zu tun – im Internet und mit Mails, starten dann zu einem Ausflug in die wunderbare aber touristische Stadt. Wie wir Mehdi immer sagen: vom Dorf hinein in die Stadt. Per Bus, oder mit dem Taxi. Wenn wir das Mietshaus verlassen, hier in einer Gegend, in die kaum ein Tourist je seine Sandalen setzt, werden wir mit grossen Augen betrachtet. Von den Kindern, die in den Hauseingängen spielen, vom Kleinwarenhändler, der uns ein lautstarkes „hello mister“ zuruft bis zum afghanischen Schuhputzer, der die schattigen Hausecken zu seinem Reich auserkoren hat. Er sitzt auf dem Boden, um ihn herum ein Chaos aus Schuhen, Lumpen, Schnürsenkel. Er lächelt uns an und freut sich über die wenigen Worte, die wir (v.a. Roman) auf Farsi an ihn richten können. Mit Händen und Füssen führen wir ein kurzes Gespräch und haben einen neuen Freund auf Zeit gefunden.

In der Stadt geniessen wir es vor allem, auf dem Naghsh-e-Jahan-Platz zu sitzen, dem zweitgrössten „Stadtplatz“ auf dieser Erde nach dem Tienanmen-Platz in Peking. Hier tummeln sich die „Esfahani“. Allsommerabendlich kommen sie zu Scharen an, breiten ihre Decken auf jedem noch so kleinen Flecken Grün – oder auch auf den Gehsteigen – aus. Darauf stellen sie Teekocher, Brotkörbe, Schüsseln mit vorgekochtem Essen, Dough (ein Joghurtgetränk) und Gaz, eine weiter zuckersüsse Spezialität aus Isfahan.
Die Eltern sitzen mit Grosseltern und Freunden dort und reden. Iraner können immer und ohne jegliche Unterbrechung miteinander reden und zwar täglich und immer mit den gleichen Menschen. Die Kinder laufen herum, kaum jemand nimmt Anstoss an ihrem Lärmen, ihrer Freude und dem Planschen im grossen Springbrunnen vor der Sheikh-Lotfollah-Moschee.

Diese Moschee haben wir am Nachmittag besichtigt, ebenso wie die Shah-Moschee. Die Gebäude sind eindrücklich, der Eintrittspreis auch. O.k., umgerechnet zahlen wir pro Person „nur“ 2,50Euro Eintritt, für uns Westler nicht viel Geld. Aber für fast das gleiche Geld kann ich in einem schönen Sofrakhane zu Abend essen. Das wäre ja so, als müsste man in Deutschland 10 Euro Eintritt für z.B. den Kölner Dom zahlen ….. Diese sehr hohen Eintrittspreise setzen sich auch in der wunderschönen Stadt Yazd fort, aber davon später mehr.
Der Basar in Isfahan hat uns deutlich weniger begeistert als z.B. die Basare in Tabriz oder vor allem in Kashan. Die alten Teehäuser, die Roman von seinen früheren Besuchen kennt, haben allen geschlossen. Sie haben sich nicht halten können, da das Angebot von Qalyan (Wasserpfeife) durch die Stadtregierung untersagt wurde. Von Tee alleine wird man nicht reich. So konnte ich den vielbeschworenen Blick über den grossen Platz vom ersten Stock am Basarhaupteingang nicht geniessen. Das weissgekachelte und damals urtümliche Teehaus in der Hafez-Strasse ist nun ein Antiquitätenladen und das neue Sofrakhane bei Hussein, dem Teppichhändler, hat nachmittags geschlossen. So trinken wir einen Segafredo-Kaffee mit Milchpulver und setzen uns zu den Familien am Brunnen.

Schon in wenigen Minuten kommt Mehdi uns in der Stadt abholen, wir fahren zum Essen mit den Eltern und Geschwistern an den Stadtrand, nur 14km (und 30min). Am nächsten Tag darf unser Gastgeber nicht ins Zentrum fahren, sein Autonummernschild hat am Schluss eine gerade Zahl. Jeden 2. Tag muss er am Stadtrand verbleiben. Ein vielleicht nützlicher Schritt, die Strassen von der totalen Verstopfung zu verschonen. Somit starten wir um 19:00Uhr überpünktlich vor seiner Haustüre. Bei den Eltern sind wir zu früh angekommen, Mutter und Tochter sind noch spazieren. Endlich trudeln auch die Anderen ein: Jafar, Reyhane , die Geschwister; die frischangetraute Ehefrau von Jawahd dem mittleren Bruder, der Vater; der Cousin Mohamed mit seiner hochschwangeren Frau und Sohn Ali. Mohamed, Mehdi, Ali und Roman (!) verabschieden sich und verschwinden für 2 Stunden zum Tischtennisspielen. Und wie es sich gehört, sitze ich mit den Frauen (und Jafar) auf den Sofas, die in 2,5m Abstand zueinander aufgestellt sind. Wir machen smalltalk auf iranische Art. Es gibt Obst auf kleinen Tellerchen – zum Obst gehören übrigens auch immer Gurken mit Salz – , es gibt Tee und Gaz, diese weissen nugatähnlichen Stückchen mit Rosenwasser und Pistazien, und wir sagen uns gegenseitig immer wieder, wie schön es ist, dass wir uns kennenlernen durften. Wie nett doch das Gegenüber ist, und wie hübsch. Und ja, das Kind wird in den nächsten Tagen geboren, Mohamed Frau mit der operierten Nase und dem langen schwarzen Chador leidet unter der Schwangerschaft. Ich bekomme Fotos gezeigt von früher, und von Mehdis Reise nach Europa vor 6 Monaten. Jafar ist ganz begeistert, als er mich auf den Fotos entdeckt, Reyhane bewundert meine blonden Haare – die ich ja jetzt nicht zeige, da wir nicht zur Familie gehören. Zwischendurch verabschiedet sich immer wieder ein Familienmitglied nach dem anderen für kurze Zeit. Sie gehen in ihren Raum – oder an den Tisch in der Küche – und machen ihre obligaten Gebete.
Nach langen 2 Stunden kehren die Sportler zurück, es wird weiter geredet und mittlerweile ist es 22:30Uhr, ich habe Hunger. Um 23:00Uhr liegt das Tischtuch auf dem Teppich. Nun verstehe ich auch, warum die Sofas so weit auseinander stehen. Alle helfen mit, das Tuch zu decken, in der Küche sitzen die Frauen am Fussboden und füllen aus Töpfen in Schüsseln. Nun nehmen wir die uns zugewiesenen Plätze ein, die Sitzordnung ist wichtig. Mutter Sarlak muss den Überblick haben, gibt ihren Söhnen immer wieder Anweisungen, unsere Teller nachzufüllen sobald ein wenig vom Tellerboden zu sehen ist.

Uns geht es gut hier, als Familienmitglieder auf Zeit. Wir werden umsorgt, verwöhnt und ausgeführt. Wir werden morgens und abends „gefüttert“, kaum stehen wir auf, erscheint unser Gastgeber mit frischem Brot, Marmelade, Joghurt und Käse; er hat sich 2 Stunden frei genommen, um mit uns zu frühstücken.
Die abendlichen Gespräche, die uns erst nach Mitternacht ins Bett kommen lassen, sind wunderbar. Wir lernen viel über iranische Logik, über iranisches Denken. Mehdi ist weit durch die Welt gereist, hat viele Länder gesehen und mittlerweile ist es Jahre her, dass er auswandern wollte. Er ist und bleibt Iraner, und ist froh über seine Entscheidung. Nun ist er auf Brautschau. Er hat seiner Mutter erzählt, welche Frau ihn interessiert. Es ist eine Arbeitskollegin. So hat seine Mutter Kontakt mit den Eltern der 28-jährigen aufgenommen. Sie haben Verhandlungen geführt und am Abend vor unserer Ankunft in Isfahan hat das erste Vorstellungsgespräch stattgefunden. Mehdi hat sich anscheinend gut verkaufen können; nach 3 Tagen hat er Bescheid erhalten, dass er aus der Sicht der Eltern ein geeigneter Kandidat ist. Am Tag nach unserer Abreise hat er das erste gemeinsame Abendessen mit der jungen Frau verbracht. Sie haben miteinander sprechen dürfen, zu zweit alleine, und Mehdis email an uns klingt vielversprechend. Er habe sich, so denkt er, tatsächlich in die Frau verliebt.

Wir fahren nach 5 Tagen weiter, in die Wüstenstadt Yazd. Ein lachendes und ein weinendes Auge. 5 Tage lang haben wir die Wucht, die Kraft einer iranischen Familie gespürt, heute ruft Reyhane noch einmal an und verabschiedet sich; Mehdi nimmt sich am Morgen frei und frühstückt mit uns, Jafar kommt eine halbe Stunde zu früh, um uns zum Busterminal zu fahren. Er bringt eine Plastiktüte und eine Gruss von Mutter Sarlak mit. Damit wir bloss nicht verhungern hat sie noch schnell ein paar hundert Gramm Gaz und ein knappes Kilo selbstgemachte Marmelade eingepackt. Jafar küsst Roman ab, ihm stehen die Tränen in den Augen. Er ist so gerührt, vergisst sich und alle Weissbärte und umarmt auch mich im Bus. Er darf das, wir gehören ja zur Familie.

21.-31.08.2013, Yazd, Tehran, Mashad, Bajgiran

Zum ersten Mal sind wir mit einem VIP-Bus gefahren – und haben es sehr genossen. Für uns ist die Preisdifferenz zu einem normalen Reisebus gering, der Platzgewinn enorm. Wie in einem Ohrensessel konnten wir die Beine hochlegen, den Körper zurücklehnen und schlafen. Einfach wunderbar. Eine Stunde vor Yazd, vermutlich in der Ortschaft Meybod, ist der Mittelstreifen der vierspurigen Ortseingangsstrasse mit mannshohen Tulpen geziert. Dies zieht sich über mehrere Kilometer hin, in den Tulpenblüten sind die Gesichter getöteter Soldaten aus dem 8-jährigen Iran/Iraq-Krieg der 80er Jahre aufgemalt. Auch nach 25Jahren sind der Krieg und die „Märtyrer“ nicht vergessen. Vor dem Schrein in Kashan z.B. befinden sich hunderte von Gräbern, auf denen Boxen mit ebenfalls aufgemalten Gesichtern stehen. In diesen Boxen werden Teppiche aufbewahrt. Wir haben einige Angehörige gesehen, die die Boxen öffneten, den Teppich auf den im Boden eingelassenen Grabstein legten und beteten – oder sich einfach ausruhten. Behesht-e-Zahra (Märtyrerfriedhof) in Tehran ist wiederum ein Mahnmal der besonderen Sorte, davon später mehr. Ansonsten geraten im heutigen Iran der Krieg und seine Opfer langsam (!) in Vergessenheit. Die Hauswände sind vermehrt mit Werbung versehen, die alten mahnenden oder glorifizierenden Gemälde sind grösstenteils der Modernisierung zum Opfer gefallen.

Yazd empfängt uns, wie es sich für eine Wüstenstadt gehört. Es ist heiss, trocken, die Sonne blendet und die Gebäude sehen aus wie Sandburgen. Versehen mit Zinnen, Windtürmen und hohen Wänden stehen sie dort, und lassen uns zunächst keinen Einblick in ihr Innenleben. Wir verbringen 4 ruhige und dringend nötig erholsame Tage in dieser Stadt – oder besser noch in dem einmalig heimeligen Hotel Kohan Kashaneh gleich hinter dem Grabmal der 12 Imame (in dem keiner der 12 begraben liegt ….). Wir sitzen stundenlang in diesem wunderbaren Innenhof mit Pool und Goldfischen, mit Bougainvillea und anderen hochgewachsenen Sträuchern, mit Tischen und Sitzgelegenheiten und mit Teppich ausgelegten Fläzecken.

Wir haben nicht viel unternommen, sind jedoch auf den Dächern zweier Häuser spaziert, mit eindrucksvollem Überblick über Stadt und grosse Moschee. Wir sind durch die Gassen in die zu besichtigenden Häuser gegangen – und waren nach Kashan ein wenig enttäuscht. Die Häuser und ihre Innenhöfe sind zwar schön, aber der Eintrittspreis von umgerechnet 2.50Euro (viel Geld, für den Iran!) rentiert sich nicht; wir konnten eine Runde durch den Hof drehen oder in den dort vorhandenen Souvenirläden noch mehr Geld ausgeben. Das wars. Yazd hat allgemein eine sehr positive Transformation durchgemacht und ist lebhafter, touristisch interessanter geworden. Hier jedoch muss es den Gästen noch mehr bieten für’s Geld. Einzig das Wassermuseum hat uns beeindruckt. Sehr anschaulich und mit grossen Fotos wird gezeigt, wie die Qanats (typisch iranische Bewässerungsanlagen) geplant, gebaut und instand gehalten werden. Das Wassermuseum liegt direkt am Chakhmaq-Platz. Hier in der Nähe sind wir am Abend zu einer typisch iranischen Sportveranstaltung gegangen. Bodybuilding einmal anders. Im alten Wasserspeicher ist eine kleine Arena eingerichtet. Erhöht über den Sportlern trommelt jemand und singt Koranverse, die zwischendurch im Singsang von den Turnenden wiederholt werden. Nach Dehn- und Aufwärmübungen kommen die Sportgeräte zum Einsatz: grosse Keulen, die im Rhythmus um den Körper geschwungen werden, später Ketten an Metallstangen, die über dem Kopf bewegt werden, klirrender Hintergrund für die geleierten Suren. So speziell und vielleicht auch unverständlich diese Art Sport für uns ist, so gut ist sie sicherlich für Körper und Geist, für Kraft und Disziplin.

Es leben zu Zeit zwischen 30‘000 und 100‘000 Zoroastrier im Iran, die meisten von ihnen in und um Yazd. Wir haben den kleinen und unscheinbaren Feuertempel besichtigt, in dem ein über 1500 Jahre altes Feuer brennt. Zoroastrier beten nicht das Feuer an, sondern das Feuer dient als Sinnbild für Licht und Erleuchtung, als Zeichen des einen Gottes. Zoroastrianism ist vermutlich die erste monotheistische Religion, deren Ursprung in Zentralasien liegt (möglicherweise in Gonur, Turkmenistan), irgendwann zwischen 1500 und 1000 vor Christus. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts haben Anhänger Zarathrustas ihre Toten zur Bestattung auf die Türme des Schweigens gebracht, wo sie von Geiern und anderen Raubtieren beseitigt wurden. So wurde die Erde nicht mit den Toten beschmutzt. Heutzutage ist diese Art der Bestattung verboten; die Zoroastrier beerdigen ihre Verstorbenen nun in Betongräbern, um die Erdverschmutzung zu vermeiden. Die Türme des Schweigens liegen im südlichen Yazd, nahe der Bergkette in einer Wüstenlandschaft. Die Stimmung ist einmalig. In der Nachmittagssonne auf einen dieser Hügel zu klettern, mit Blick über andere Türme, die Stadt und die Berge, ist eine bleibende Erinnerung.

Nach 4 schönen und ruhigen Tagen im Schatten von Bougainvillea und Windtürmen, zwischen „Sandburgen“ und in schmalen Wüstengassen müssen wir nun zurück in die Hauptstadt. In Tehran warten – hoffentlich – unsere China- und Turkmenistan-Visa.

Der Bus braucht 9 Stunden, wir erreichen Tehran um 21:30Uhr und sind eine halbe Stunde später im gleichen Hotel wie schon vor 10 Tagen. Zu dumm, unsere am Vortag durchgeführte telefonische Reservation wurde nicht notiert, kein Zimmer ist mehr frei. Jetzt merken wir, dass wir schon lange reisen, dass wir so schnell nicht aus der Ruhe zu bringen sind. Wir setzen uns in den Aufenthaltsraum und schauen gelassen eine iranische Fernsehserie – ein Mann in Frauenkleidern spielt die Hauptrolle – während der Rezeptionist versucht, uns in einem anderen Hotel ein Zimmer zu organisieren. Nach einer weiteren halben Stunde und mehreren vergeblichen Telefonaten ist – oh Wunder – nun doch ein kleines Zimmer frei. Es fehlt uns zu unserem Glück noch ein Abendessen, das wir „um die Ecke“ in einem Schnellimbiss finden. Wir wissen bis heute nicht genau, was mit Besitzer und Mitarbeitern los ist, sicher ist aber, dass wir einen lustigen Abend mit 3 älteren Herren verbracht haben. Begrüsst wurden wir mit ausladenden Gesten, mit freundlichem Lachen und überdeutlichen gesprächsbegleitenden Grimassen. Bis wir herausfanden, dass „der Butler“ (wie wir ihn nennen) taubstumm ist. Sein Partner hat ein Gesicht „zum hineinlegen“ und einen wohlig-weichen Körperbau. Der Dritte im Bunde wirkt soweit alltäglich, ist aber ein wichtiger Partner in der Wodka-Vernichtung, zu der wir auch eingeladen wurden (aber abgelehnt haben). Die Zusammenstellung unserer Rechnung erforderte dann auch grosse Konzentration und mehrfachen Neubeginn, bevor wir zahlen konnten. Es hat uns so gut gefallen, dass wir unser letztes Abendessen in Tehran ebenfalls hier eingenommen haben – diesmal waren alle nüchtern, aber nicht weniger lustig.

Unsere Visa haben wir anstandslos bekommen, mehr gibt es dazu nicht zu erzählen. Am 31.08. reisen wir nach Turkmenistan ein, am 04.09. müssen wir ausreisen, nach Usbekistan. Nach China können wir bis zum 14.11. einreisen, dann 90 Tage bleiben. Diese Zeit werden wir vermutlich nicht ausnutzen, aber wer weiss ….

Noch ein freier Tag in Tehran, bevor wir weiterreisen nach Mashad. Mit der U-Bahn Linie 1 fahren wir bis zur südlichen Endstation, bis zum Emam Khomeni Mausoleum. Dies ist ein überdimensioniertes Bauwerk, das auch nach mehr als 20 Jahren noch nicht fertig gestellt ist. Schön ist anders (z.B. das Emam Reza Mausoleum in Mashad), deshalb halten wir uns nur kurz auf und überqueren schon bald die Hauptstrasse um auf den Märtyrerfriedhof Behesht-e-Zahra zu gehen. Beschreiben kann man diese Ruhestätte von 200‘000 Soldaten kaum, in uns machen sich Gedanken zu Sinnlosigkeit, Trauer, Wut und Einsamkeit breit. Nachdem wir also mehrere Hundert Grabstätten mit Bildern der oftmals jungen Verstorbenen, mit Spiegeln, Kerzenständern und anderen Grabbeigaben wie Bonbons oder Schmuck angeschaut haben, müssen wir diesen trostlosen Platz wieder verlassen. Die Frage nach dem „Warum“ wird wohl nie beantwortet werden, und Jahr für Jahr sterben auf dieser Erde weiterhin Tausende von meist unschuldigen Menschen in Kriegen und Gemetzeln. Lernen wir nichts aus der Geschichte?

Für uns sind die letzten Tage im Iran angebrochen, der Weg führt nach Mashad. Zugtickets – alle ausverkauft. VIP – Bustickets gibt es auch nicht mehr. Spontan entscheiden wir uns für die 14-stündig Fahrt in einem „normalen“ Bus, stellen uns auf eine ermüdende Nachtfahrt ein.
Pünktlich um 19:15Uhr stehen wir am Busbahnhof, 19:30Uhr geht’s los, heisst es. Aber der Bus hat Verspätung, immer wieder werden wir vertröstet, bis wir dann um 21:30Uhr endlich losfahren können. Erstaunlich fit trotz nur weniger Stunden unbequemen Schlafes erreichen wir Mashad am nächsten Mittag, buchen unser Hotel am Busbahnhof. Die Katze im Sack haben wir gekauft, für 2 Nächte einen „normalen“ Preis bezahlt und ein unterdurchschnittliches Zimmer erhalten. Klein, der Putz bröckelt von den Wänden, die Kochzeile ist schmierig. Aber das kleine Bad mit guter Dusche besänftigt uns ein wenig und nachdem wir uns in der „Gräube“ (wie Roman sagt) breit gemacht haben, ist alles nur noch halb so schlimm.

Mashad ist voll – voller muslimischer Touristen. In zwei Tagen sehen wir keinen anderen Europäer. So kommt es, dass wir das riesengrosse und wunderschöne Emam Reza Mausoleum ungestört und überall anschauen können. Zwischendurch werden wir zwar gefragt, ob wir Muslime sind, aber niemand hindert uns „Messieh“ daran, jede Ecke dieses mehr als 500mx500m grossen Bauwerks zu bewundern. Zum Schrein allerdings gehen wir aus Respekt nicht hinein. Wir haben schon so viele Schreine gesehen, können uns vorstellen, wie Frauen und Männer – jeweils auf ihrer Seite – an den Gitterstäben hängen, echte Tränen weinen um den mittlerweile über 1000jährigen Verlust und Geldscheine oder Zettel mit Wünschen oder Gebeten zu den sterblichen Überresten ihres Imams werfen. Die Stadt scheint schwarz zu sein, vor lauter Chadors, gemischt mit den weissen langen Kleidern der Araber, mit den Wollkappen Zentralasiens. Läden und Basare haben auch am Freitag (eigentlich Wochenende) geöffnet. Dieses Geschäft dürfen sie sich nicht entgehen lassen. Vorbei gehen wir an Parks, in denen die einheimischen Touristen lagern, wie schon zuvor oft beschrieben ganze Familien auf ihren Decken liegen, Tee kochen, essen, schlafen und – so meinen wir – hier auch die Nacht verbringen.
Wir werden wehmütig. Trotz strikter Kleiderordnung haben wir dieses Land liebgewonnen: die Menschen, die Landschaft, die Städte und Kultstätten, das Leben in den Basaren und die Stille auf den Burgen der Assassine. Morgen geht es weiter, mit dem Taxi nach Bajgiran, von dort über die Grenze nach Turkmenistan – Ashgabat.
Auf Wiedersehen Iran. Choda hafez.