Bosnien

04.-21.08.2014, (Trebinje) – Lubinje – Capljina – (Pocitelj – Medugorje) – Blagaj – Mostar – Sarajevo – Siroki Brijeg – Tomislavgrad – Livanjsko Polje – (Bosansko Grahovo) – Drvar – Bosanski Petrovac – Bosanska Krupa – Sanski Most – Banja Luka – Stanari – Vuckovici – Brcko

Es geht bergauf, unter uns der Asphalt brennt und die Räder kleben am Boden. Hinter uns liegt die Küste Dubrovniks, vor uns die Grenze nach Bosnien-Herzegowina und unter uns sehen wir Spuren des Kriegs. Schön sind sie anzusehen, die für uns zunächst mysteriösen sternförmigen Muster im Teer. Bis wir bei der Erkenntnis eine Gänsehaut kriegen: Das sind ja Granateneinschusslöcher. Wir schauen aufmerksamer herum, sehen auch die vielen kleinen Löcher im Boden, die denen an den Häusern so ähnlich sind, und realisieren die gleichmässigen queren Rillen entlang der Strasse. Das sind die Spuren der rollenden Panzer – bilden wir uns ein. Vielleicht stimmt es sogar!

Impressionen

weitere Impressionen

Der Krieg ist allgegenwärtig in Bosnien. Nicht umsonst wird dieser Krieg oft auch Bosnienkrieg genannt. Auch wenn die Blauhelme bis auf ein kleines Trüppchen mittlerweile abgezogen sind, auch wenn die, die den Krieg „wollten“ das bekommen haben, was sie wollten – ethnisch mehr oder weniger reine Dörfer und Städte – so schwelen Unverständnis und Hass in vielen Köpfen weiter. Unser bosnisch-serbischer Vermieter in Lubinje betont mehrfach, dass es in seinem Dorf nur noch einen – einen(!) – Muslim gebe. Und als wir ihm erzählen, dass wir nach Mostar weiter fahren meint er: Oh, Muslims! Problem!

Die erste Überraschung in Bosnien – und bis auf weiteres die grösste Überraschung – war das Schild, das uns wenige Kilometer nach dem Grenzübertritt mit den Worten begrüsste: „Welcome to the Rebublic of Srbska“. Die „Republika Srbska“ ist, wie wir später gelernt haben, eine von drei Teilrepubliken im Land Bosnien-Herzegowina. Daneben gibt es noch die sogenannte „Föderation“ und ein kleines autonomes Gebiet um Brcko. Die Republika nimmt ca. die Hälfte der Landesfläche ein und ist mehr oder weniger ausschliesslich von orthodoxen Serben bewohnt („nur noch 1 Muslim in unserem Dorf“). Die Föderation wird von katholischen Kroaten und muslimischen Bosniaken bewohnt; dies scheint friedlich zu funktionieren, in diesem Gebiet stehen an manchen Orten katholische Kirchen neben Moscheen. Andere Dörfer oder Städte sind rein „kroatisch“ (mit der kroatischen Fahne allgegenwärtig) oder rein muslimisch, mit Moschee an Moschee.
Beide Teile sind einerseits autonom, andererseits sind die ethnischen – oder religiösen – Bevölkerungsgruppen in einem Bosnisch-Herzegowinischen Parlament vertreten. Die Regierungsspitze bildet ein Dreiergrüppchen aus Bosnischem Serbe, Bosnischem Kroate und Bosniak (Muslim), dessen Vorsitz jeweils einer der drei für jeweils 8 Monate übernimmt; nach 4 Jahren finden neue Wahlen statt.
Einerseits scheint diese von aussen aufgedrückte Lösung zurzeit (noch) den Frieden zu sichern, andererseits ist es unter diesen Bedingungen schwierig, Innovationen durchzusetzen.

Wir radeln durch wunderbare Landschaften. Bäume wachsen hier nicht, obwohl wir uns nur auf knapp 600müM befinden. Karstfelsen, raue Hügel und dornige Büschen dominieren das Bild. In Trebinje erreichen wir dann den Fluss, der uns fast bis nach Lubinje führt. Trebinje hat – wie viele Städte hier – ein reiches osmanisches Erbe, mit Stadtbefestigung, Moscheen und Basar. Es ist wunderschön, ruhig und äusserst untouristisch; wir gönnen uns eine kurze Pause, einen feinen Kaffee und wechseln endlich unser Geld. Bosnien hat schon früh seine Währung der deutschen Mark angepasst – eine bosnische „Konvertible Mark (KM)“ war eine deutsche Mark. Jetzt ist sie fest und ohne Schwankungen mit dem Euro verknüpft – 1 KM = 1.95 Euro.
Wir wechseln Dollar und müssen unseren Pass zeigen. Ins Land sind wir mit der ID bzw. Personalausweis gekommen. Ich weiss nicht, wie viele Schweizer an dieser Bank schon gewechselt haben, oder wie viele Euroscheine die gute Dame am Schalter schon in den Fingern hatte. Sie war äusserst unfreundlich, Roman konnte mit seiner „Kreditkarten-ID“ nicht wechseln, sie wollte immer den Pass sehen (den wir ja wie gesagt für Bosnien nicht brauchen…). Mit meinem Pass ging es dann, und als wir die Bank verlassen, realisieren wir, dass wir Dollar zum Eurokurs gewechselt haben. Kleine Sünden (Unfreundlichkeit) bestraft der liebe Gott sofort, heisst es, und hier, auf serbisch-orthodoxem Gebiet scheint er allgegenwärtig und schnell reagierend zu sein.

Auf unserer grossen Bosnienkarte machen die Grenzen innerhalb des Landes plötzlich Sinn, auf unserer grossen Karte sehen wir auch, dass wir, im Südwesten, durch dünn besiedeltes Gebiet fahren. Einige kleine Dörfer liegen auf den nächsten 60km und wir packen jeder eine Flasche Wasser ein, können dann ja immer noch mehr kaufen. Falsch gedacht! Auf den kommenden 60km, auf der Hauptstrasse zwischen Trebinje und Lubinje in Richtung Mostar erreichen wir das eine oder andere, ziemlich verlassen wirkende Dorf. Wir kommen an der einen oder anderen geschlossenen Gaststätte vorbei und wir passieren keinen einzigen Laden, keine einzige Tankstelle. 60km heisst knappe 4 Stunden radeln, heisst bei dieser Hitze 2-3 Liter Durst pro Person. Zum Glück hatten wir unsere Wassersäcke mit „Hahnenwasser“ gefüllt. Nach 40km mussten wir Tee kochen, insgesamt 4 Kannen. Jetzt haben wir etwas gelernt, jetzt nehmen wir immer genug zu essen und zu trinken mit!

Verlassene Dörfer, zerschossene Häuser, Minenwarnungen am Strassenrand. Das sind für uns stete Begleiter durch das kriegstraumatisierte Land und ganz besonders deutlich, ganz besonders schlimm sind diese Zeitzeugen des letzten grossen Kriegs auf europäischem Boden, im „Livanjsko Polje“ der wunderschönen Hochebene auf 700müM, unweit der kroatischen Grenze. Ruinen säumen den Strassenrand, nur vereinzelt haben die Zurückgekehrten dann ein neues Haus in der Nähe gebaut. Die Hochebene scheint äusserst fruchtbar, aber nur teilweise beackert zu sein – liegt das an den immer noch vorhandenen Tretminen (die Schilder sind nicht zu übersehen) oder daran, dass es hier keine Bauern mehr gibt.
In Bosnien zelten wir wieder nur selten. Zum einen hat das Wetter nur teilweise mit gemacht, zum anderen aber trauen wir uns nicht, einfach so auf einem Feld unser Zelt aufzuschlagen; die roten Schilder jagen uns vielleicht zu viel Angst ein, vielleicht überschätzen wir die Gefahr. Aber auch unser „Geschäft“ erledigen wir neuerdings weniger versteckt, nicht im dichten Gebüsch. Lieber gesehen werden, als …. Bumm!

Aber wir zelten auf einem hübschen Zeltplatz in Blagaj – kurz vor Mostar, und beliebtes Ausflugsziel. Hier steht ein (muslimisches) Dervish-Kloster direkt an der Quelle der „Buna“. Diese Quelle fliesst schon als kleiner klarer Fluss aus dem Felsen, Cafés stehen entlang des Ufers und wir könnten, wenn wir wollten, ein Kanu mieten. Und wir zelten auf dem Hof einer kroatischen Familie im meist betroffenen Gebiet Bosniens – dem Livanjsko Polje. Hinter uns steht eine zerschossene Hausruine, neben uns ein restaurierte Haus mit EU- Plakette und der Zahl 1999. Wir wissen nicht genau, was das bedeutet, haben aber schon auf dem Weg hierher vermutet, dass irgendjemand (in dem Fall vielleicht eben die EU) Geld gegeben haben muss, um neue Häuser zu bauen, die alten zu restaurieren. Denn im kroatischen Teil des Landes finden wir Häuser, die 1:1 auch in Deutschland oder der Schweiz stehen könnten, ohne aufzufallen.

Insgesamt sind wir nun 18 Tage in Bosnien gewesen. Achtzehn Tage voller verschiedener Emotionen. Die Einschusslöcher in den Häusern, die Hausruinen und die teilweise sehr nationalistischen Bemerkungen hinterlassen einen Druck in der Magengegend. Ebenso belasten die Spuren des letzten Hochwassers, denen wir vor allem im nordöstlichen Teil des Landes begegnet sind. In Sanski Most erzählt uns der Koch im Hotel Sanus – er ist mehr Schweizer als Bosniak, hat 30 Jahre in Basel gelebt – dass die Sana im Mai über Nacht um 5.1m angestiegen ist, ein ganzes Wohnquartier unter Wasser stand und man vom Hotel aus nur mit dem Boot weiter kam. Wir sehen auf unserer Fahrt entlang der Bosna, wie weit sich das Wasser über die Felder ausgebreitet hat – teilweise steht es immer noch und bietet den Mücken beste Lebensqualität. Der Mais wächst zwar wunderbar – erstaunlich – aber wie will man den ernten, wenn das Wasser immer noch 40cm hoch steht?! Brücken sind eingerissen worden und – fast das Schlimmste – die verlegten Tretminen sind weggeschwemmt worden. Das heisst wiederum, dass die alten Minenkarten nicht mehr stimmen und keiner weiss, wo sich die Gefahr befindet. Ganz besonders viele Minen liegen im Inland-Grenzgebiet, also entlang der Grenze zwischen Republika Srbska und Föderation. Und in diesem Gebiet befinden wir uns immer wieder. D.h. also weiterhin: falls zelten möglich ist, dann nur auf Privatgrundstücken. Das haben wir dann auch in Stanari gemacht und erfahren, dass die Besitzer der schönen Wiese vor dem leerstehenden Haus aktuell in Kroatien wohnen (bloss nicht fragen, warum!!), und dass wir problemlos dort eine Nacht bleiben könnten. Kaum steht das Zelt, fährt auch schon die Polizei vor. Ein Nachbar hätte sie gerufen. So bemerken wir, dass wir der Schweiz immer näher kommen – lieber die Polizei rufen, als selber einmal nachschauen, was los ist. Das lässt sich gut regeln, aber wenig später kommt ein anderer Nachbar mit seinem grossen Wagen vorbei und schnauzt uns an. Wir könnten doch nicht einfach auf diesem Grundstück zelten. Er spricht nur Italienisch mit uns, und sehr von oben herab. Aber auch er beruhigt sich und schenkt uns später Icetea und Kekse, lädt uns zum Kaffee am nächsten Morgen ein. Da sind wir aber schon weg ….
Aber eben, Emotionen. Auch im Strassenverkehr. Hohe Adrenalinspiegel, regelmässige Pausen um sich wieder besser konzentrieren zu können. Roman, vor mir, fuchtelt ständig mit den Armen, zeigt mir Schlaglöcher, schiefe Gullideckel, Steine auf der Fahrbahn an und ruft mir zu, wenn wieder einmal ein entgegenkommendes Überholmaneuver auf unserer Spur durchgeführt wird. Ich rufe in unregelmässigen Abständen (dank Rückspiegel) „LKW“ nach vorne, was bedeutet, dass wir uns besonders konzentrieren müssen. Denn die Fahrbahn ist schmal, der Gegenverkehr schnell und der Überholabstand oft nur wenige Zentimeter. Bisher ist alles gut gegangen – und morgen verlassen wir Bosnien, es sind nur 400m zur Grenze nach Kroatien. Aber in der Una-Schlucht, so erzählt uns die deutsch-Bosnierin in Bosanska Krupa, passieren so viele Unfälle, dass man sogar hier darüber nachgedacht hat, die Strecke zu sperren.
Was unsere Emotionen, unsere Gedanken und Gefühle gegenüber Bosnien angeht, so sind sie sehr zwiespältig. Die serbische Bevölkerungsgruppe ist uns ausgesprochen sympathisch, offen, extrovertiert und gastfreundlich. Wenn sie nur nicht so nationalistisch wären… Die Muslimische Bevölkerung ist – anders, als man meinen könnte – sehr aufgeschlossen. Wir trinken das eine oder andere Bier mit einem Muslimen, die Frauen sind wie alle anderen gekleidet – seien es Spaghettiträger oder bauchfrei, oder einfach „ganz normal“. Dinko – in Mostar – schimpft über seine Glaubensbrüder genauso wie über Katholiken und Orthodoxe Christen. Man solle doch einfach die Religion bei Seite lassen und arbeiten. Dann gäbe es keine Probleme, die habe es früher doch auch nicht gegeben. Und da kommt uns das Gespräch aus Montenegro in den Sinn. Der aufgeschlossene Mitvierziger hat eine engagierte Diskussion mit uns geführt, betont, dass er als Kind mit allen, egal welcher ethnischen Herkunft, gespielt habe und das war gut so. Er fühle sich immer noch als Jugoslawe – mit einem Serbischen Vater und einer Montenegrinischen Mutter. „Don’t believe the Priests!“ wiederholt er mehrfach. Damit meint er nicht die Religion sondern die Religionsvertreter auf dieser Erde, von denen einige seiner Meinung nach die Menschen zu diesem furchtbaren Krieg angestachelt haben. Während wir so durch Bosnien fahren, kommen wir nicht umhin, ihm immer wieder Recht zu geben!

Wenn wir mit unserem Rad durch ein Dorf mit vorwiegend kroatischer Bevölkerung fahren, fällt uns als erstes die Fahne am Ortseingang auf. Auch hier wird Nationalstolz gross geschrieben. Weiterhin werden wir in diesen katholischen Gebieten sehr skeptisch beäugt – oder gar nicht erst wahrgenommen. Aber hier gibt es die besten „Pekaras“ – Bäckereien. Ich bekomme in jedem zweiten Dorf meine Mohnschnitte und zum Frühstück gibt’s Burek – der hier einfach „Sirnica“ heisst.
Essen in Bosnien ist speziell. Alles dreht sich (zu den Hauptgerichten) um Fleisch – und das Fleisch dreht sich am Spiess! Vor allem auf den Dörfern ist die Spezialität der meisten Restaurants „Tier vom Grill“. Das Tier ist – je nach Ethnie – entweder Schaf oder Schwein und wird als Ganzes aufgespiesst.
Ansonsten gibt es Cevapi, also Hackfleischwürstchen, im Brot, oder Pleskaviza, also dünne Hackfleischburger, im Brot. Pommes frites schmecken auch noch ganz gut, und dann kann man Pizza essen oder Pasta. Salate sind eher selten, alles in allem besteht unsere Restauranternährung meist aus Cevapi oder Spaghetti Carbonara abwechselnd mit Pizza funghi.

„Guten Tag!“ Der Herr im weissen Unterhemd kratzt sich genüsslich am Bauch und lacht uns an. Deutsch spricht immer irgendwer, in jedem Dorf. Hier hängt sogar noch die Schweizer Fahne im Vorgarten, der sich „gepützelt“ präsentiert. Präsentiert werden ebenfalls wie auch bei unserem Gesprächspartner die Bäuche. Da vorne stehen drei beieinander. Der eine trägt kein Oberteil, der andere hat sich das T-Shirt bis weit über den Bauchnabel hochgeschoben und der dritte hat sein Hemd bis unten aufgeknöpft. Alle drei sind stolze Besitzer noch stolzerer Bäuche. Und das bekräftigen sie wie mindestens 50% ihrer Landesgenossen mit genüsslichem Kratzen oder Streicheln derselben. So komme ich dazu, den Oberkörperbau der Bosnier zu analysieren, während Roman mittlerweile grösste Kenntnisse bezüglich weiblicher Oberweite erworben hat. Manchmal ist es nicht ganz einfach, ein Gespräch mit ihm zu führen ….
Wir fragen den deutschsprechenden bauchtragenden Herrn in Sanski Most nach dem Weg. Um Banja Luka zu erreichen, wollen wir die M405 entlang fahren – eine „gelbe“ Strasse auf unserer Karte. Das sei ca. 15km schlechte Strasse, später sei sie gut geteert. Mit diesen Infos machen wir uns auf den Weg in den Wald – auf einen Waldweg! Über Stock und Stein und vor allem bergauf quälen wir uns ca. 30km lang! So viel zur Schätzgenauigkeit, nicht nur hier sondern auch in all den anderen Balkanländern. Und so viel zur Verlässlichkeit der Strassenkarten.

Es ist oft gut für uns – und es ist schade – dass hier in Bosnien so viele Menschen unsere Sprache sprechen. Wir finden uns besser zurecht, wir bekommen meist das, wonach wir fragen und wir finden leichter den Weg. Aber ein guter Teil Abenteuer geht uns dadurch auch verloren.

Wenn man durch Bosnien reist, gibt es zwei Städte, die man gesehen haben muss. Zum einen Mostar, zum anderen Sarajevo. Und dann vielleicht auch noch Medugorje.
Wir sind von Capljina aus – wo wir in einem hübschen Motel mitten im Naturpark übernachtet haben – zunächst entlang der Hauptstrasse in das kleine Städtchen Pocitelj geradelt. Hier haben die Osmanen eine atemberaubende Festung und eine wunderschöne Altstadt hinterlassen. Durch die Hügel über schmale Strasse führte uns der Weg dann nach Medugorje. Hier ist 1981sechs Kindern die Muttergottes erschienen – seither pilgern jährlich 1‘000‘000 Menschen in diesen kleinen Ort. Und sie pilgern wirklich, denn am Folgetag sind uns zwei kleine Wandergruppen entgegen gekommen. Ungeachtet der Tatsache, dass die katholische Kirche Medugorje nicht als Wallfahrtsort anerkennt, treffen wir auf Nonnen und Mönche, auf Priester und eine Unmenge an Gläubigen, die sich hier eine der vielen kitschigen Madonnen kaufen oder Lieder singend durch die Strassen ziehen.
Wir sprechen mit einer jungen Madonnenverkäuferin, die es als „Wunder“ bezeichnet, dass wir mit den Fahrrädern den Weg bis hierher geschafft haben. Ein viel grösseres Wunder ist es aber – bis zum Beweis des Gegenteils – dass wir genau auf dem Kirchenvorplatz in Medugorje unser 2000km – Foto machen konnten. (Papa: Ich glaube, in der Menge der selig blickenden Gläubigen habe ich auch Frau R. aus dem Garten gesehen 😉 )

Nächster Stopp: Mostar. Ja, wir sehen es mit eigenen Augen, die Brücke steht wieder, und auf ihr ein unablässiger Strom Touristen. Wir sehen aber auch mit eigenen Augen die Fotos aus den Kriegsjahren. Wir sehen auf den Fotos anstelle der Brücke Seile und Holzbretter, wir sehen zerbombte Häuser und Menschen, die hilflos in die Kamera schauen.
Mostar ist – ganz nett. Mostar ist – sehr touristisch. Mostar ist ein Symbol des Kriegs geworden, und das wird ausgeschlachtet.

Auch Sarajevo ist eine Stadt, die man besonders wegen des Kriegs kennen gelernt hat. Aus den Bergen, von der Festung aus, wurde die Stadt beschossen, von „Snipers“ – Scharfschützen, die jedes bewegende Objekt niedermähten. Die Ausstellung an der Kathedrale zeigt Filmmaterial aus der Kriegszeit, zeigt Fotos aus der Nachkriegszeit. Und im Zentrum der Stadt trinken die jungen Leute Kaffee – oder Bier, tanzen und geniessen das Leben. Den Krieg kennen sie nur aus Erzählungen. Die für uns so offensichtlichen Wunden und Narben, die an jeder Ecke zu sehen sind, gehören für sie zum Strassenbild, werden übersehen – oder absichtlich vergessen.
Sarajevo ist eine eindrückliche Stadt. Nächste Woche beginnt das diesjährige Filmfestival, das im letzten Kriegsjahr – 1995 – zum ersten Mal durchgeführt wurde. Damals betrug der Eintritt 1 Zigarette. Es ist ein renommiertes Filmfestival und zeugt mit seinem Gründungsjahr von der Unbeugsamkeit der Einwohner. Vedran Smajlovic ist Cellist aus Sarajevo und lebt z.Z. in Irland. Während der Belagerung seiner Stadt spielte er ab dem 28. Mai 1992 22 Tage lang zu Ehren von 22 – von serbischen Soldaten erschossenen – Zivilisten an verschiedenen Orten der Stadt, in und auf den Trümmern der Häuser.

Wir sind von Mostar aus nicht mit den Rädern nach Sarajevo gefahren. Im www haben lesen können, dass diese Strecke für Radfahrer nicht empfehlenswert ist: zu viel Verkehr, zu enge Strassen und zu viele Tunnel. Der Weg führt entlang der Neretva und ist aus dem Busfenster schön anzusehen. Im Gepäckraum des Buses liegt mein Hinterrad. Felgenbruch vor ein paar Tagen, der zum Glück bis Mostar unverändert geblieben ist. Wo finden wir nun einen Fahrradladen? Es ist eine kleinere Odyssee in Sarajevo, ein kleines Abenteuer. Aber noch bevor wir eine Unterkunft für die Nacht gefunden haben, ist mein Hinterrad repariert und aufgepumpt. Im Grunde eine kleine Sache. Weniger leicht ist es uns gefallen, Romans Hinterrad zu ersetzen, als er in Drvar realisiert, dass eine Speiche ausgerissen ist. Ich renne einem älteren Radfahrer mit Strohhut hinterher, frage ihn mit Händen und Füssen nach einem Fahrradmechaniker – und er weist uns den Weg zum „Meister“. Der braucht insgesamt 4 Stunden und 2 alte Räder um Romans Drahtesel wieder einigermassen fahrgauglich zu machen. Mit einem uralt-Hinterrad aus dem meistereigenen Rad kommen wir bei strömendem Regen in Bosanski Petrovac an und entscheiden uns, so nicht weiter zu fahren. Das Hinterrad macht noch bis Banja Luka mit, muss aber – ähnlich einem Ersatzrad im Auto – schnell durch etwas Besseres ersetzt werden. Und das geht – zum Glück – in Banja Luka, einem Städtchen in dem es sich leben lässt.

Wie immer die Frage: Was ist uns geblieben, von Bosnien?
Hier haben wir den Krieg „kennen gelernt“ und festgestellt, dass er noch nicht wirklich vorbei ist. Wir sehen Minenwarnschilder und die verwundeten Häuser. Wir hören zwischen den Zeilen (oder auch ganz offen) die Menschen jeder Ethnie über ihre seelischen Kriegsverletzungen sprechen. Keiner traut dem anderen und ein ganz besonderes Problem scheint aus unserer Sicht die Republika Srbska zu sein.

Wir werden aber auch immer gerne an die wunderbare und sich immer wieder ändernde Landschaft denken; an Karstfelsen und Flusstäler, an Hügellandschaften und Hochebenen, an Wiesen und Wälder, Blumenpracht und Bauernhöfe.
Wir werden an das Wetter denken, dass es nicht ganz so gut mit uns meinte, dass uns den Tacho verregnet hat und manchen Zeltabend zu Nichte gemacht hat.

Die Städte mit ihrem Multikulturellen Erbe – Osmanen und Österreicher – haben unsere Erwartungen erfüllt – Sarajevo war sogar noch schöner, noch attraktiver. Die Kleinstädte haben uns gezeigt, dass Jugoslawien doch noch nicht so lange vorbei ist, dass auch in Hochhäusern mit Holz geheizt werden kann und dass Moschee, katholische Kirche und orthodoxe Kirche sehr wohl nebeneinander stehen können.