China Nord

12.-19.11.2013, Provinz Gansu: Dunhuang – Lanzhou, Provinz Shaanxi: Xi’an

Der Himmel über Dunhuang ist immer strahlend blau, erklärt uns der junge Kunststudent. Nur wenn „dort oben“ in der Wüste wieder nukleare und andere Test gemacht werden, weht ein feiner Sandsturm über die Stadt hinweg. So wie heute und schon seit 5 Tagen!

Scheinbar haben wir also Pech gehabt. Oder Glück. Denn die Bilder, die wir vom Halbmondsee und der Tempelanlage gemacht haben, haben aufgrund des diesigen Wetters einen gewissen Seltenheitswert. Uns hat das Wetter nicht abgehalten, die 2 Stunden auf dem weitläufigen Areal zu geniessen. Riesige Sandberge türmen sich auf – angeblich bis zu eine Höhe von 1700müM, wobei Dunhuang auf ca. 1100müM liegt. Kamele ziehen – bepackt mit chinesischen Touristen – an der dunstigen gelben Bergkette vorbei und die orangen stiefelartigen Schuhschützer der Besucher leuchten fast schon extraterrestrial bis hinauf auf den Dünenkamm, auf dem wir hier stehen.

Impressionen

weitere Impressionen

Zum Glück ist Winter, zum Glück ist das Wetter … speziell. Denn so erleben wir nur relativ wenige Mitmenschen in dieser einzigartigen Natur. Der Sand ist kaum zertreten, wir laufen wie in Neuschnee, hinter uns glättet der Wind schon wieder die Verletzungen der Oberfläche. In die eine Richtung blicken wir auf die Quelle, die sich in einen halbmondförmigen See entleert; ein Bild, das allen, die sich für die Seidenstrasse interessieren, bekannt vorkommen wird. Eine sehr kleine und grüne Oase breitet sich entlang der „Innenseite“ des Halbmondes aus und beherbergt den im 20. Jahrhundert rekonstruierten Tempel. Einen Mönch haben wir nicht gesehen, das Ganze ist für Touristen hergerichtet, die im Sommer anscheinend reichlich hier erscheinen. Dann kann man mit kleinen Golf-Carts den knappen Kilometer bis zum See fahren, oder mit einem „Trike“ lautstark die Dünen unsicher machen. Mit genügend Geld in der Tasche – das man hinterher dann nicht mehr hat – kann man sogar eine Zweipropeller- Maschine mieten und Sandmeer, Halmondsee und Menschenflut von oben betrachten.
Der Blick hier vom Dünenkamm in die andere Richtung würde in die Ferne schweifen, über sanfte Sandhügel und atemberaubende Sandschluchten. Würde, wenn er nicht unsanft von den fein in der Luft verteilten Sandkörnern aufgehalten würde. Die wenigen Meter Sichtweite reichen uns und unserem Vorstellungsvermögen aus, Ehrfurcht vor dieser gewaltigen Wüste zu empfinden. Hier möchten wir definitiv nicht mit einer Karavane durchziehen und nur anhand der Sterne den Weg finden müssen.

Der Eintritt in diese übertouristisierte Anlage ist hoch, sehr hoch. Wir zahlen pro Person 15 Euro um „ein wenig Sand und Wasser anzugucken“, Aber hier haben wir den ersten wirklich entspannten China-Reisetag verbracht. Und kämen wir wieder nach Dunhuang, wir würden ohne mit der Wimper zu zucken erneut diesen Eintrittspreis zahlen, um diesmal See und Wüste vielleicht unter strahlend blauem Himmel zu sehen und zu fotografieren.

…und noch mehr Impressionen

Die nächste wichtige und grosse Sehenswürdigkeit in Gansu – und in der Nähe von Dunhuang – sind die Mogao-Höhlen. Ähnlich wie die schon beschriebenen „Kizil Tausend-Buddha-Höhlen“ sind auch diese über 730 und längs im Felsmassiv angeordneten „Löcher“ in den Sandstein gegraben. Es gibt winzig kleine Höhlen – die kleinste misst vielleicht 3 Kubikmeter – bis zu riesen grossen Höhlen. In der kleinsten und wichtigsten Höhle hat man im Übrigen Originalschriften aus den ersten Jahrhunderten AD zu Politik, Religion und alltäglichem Leben gefunden. Monumental ist die über 30m hohe und in einer Höhle aus dem Fels gehauene Buddha-Statue. Hier treffen wir auch auf den eingangs erwähnten jungen Kunststudenten, der uns im Erzählton einer Märchentante voller Begeisterung die Entstehungsgeschichte, die speziellen Kunstwerke in den Höhlen und Einzelheiten über den Buddhistischen Glauben vorträgt. Es macht Spass ihm zuzuhören, seine Leidenschaft steckt an, wir entdecken Farben, Muster und Formen und abertausende von Buddhas an den Wänden. Die Führung durch 10 der unzähligen ehemaligen Tempel oder Wohnstätten dauert zwei Stunden und füllt unseren Kopf mit neuen farbenfrohen Eindrücken. Wir sind begeistert – und froh darüber, dass trotz 10 Jahre Kulturrevolution die meisten Kunstwerke noch im Original zu bestaunen sind.
Auch hier an diesem touristischen Highlight sind wir wieder begeistert, freuen uns nun daran, in China auf der Seidenstrasse unterwegs zu sein.

Dunhuang selber ist eine kleine Wüstenstadt, hochmodern, mit Einkaufszentren, Restaurants, Traveller-Unterkünften und Nachtmarkt. Wir fühlen uns wohl, schlendern durch die Strassen, entlang des Flusses und über den Markt in ein Teehaus. Am Abend geht es weiter, wir haben wieder einen Nachtzug erwischt, der uns mitten in Lanzhou absetzen wird.

Lanzhou ist gross, riesengross (gut, wir haben Peking noch nicht gesehen….). 3.5Mio Menschen wohnen zwischen den Hügelketten entlang des Gelben Flusses. Angeblich streckt sich die Stadt mit ihren Ausläufern über 60km hin. Um 9:00Uhr morgens spült es uns vor die Bahnhofshalle und direkt zu einem der angeblich preiswerteren Hotels. Aber der Preis passt uns nicht. Wir spazieren mit schweren Rücksäcken und müden Beinen die Tianshui-Lu auf und ab. Fragen in den verschiedenen Hotels, aber die Preise sind seit 2009 (Ausgabe LP) um ca. 30% gestiegen. Wir lassen kein Hotel aus und landen schlussendlich in einem neueren Boutique-Hotel. Die Preise – das ist uns klar – können wir uns nicht leisten. Dennoch erholen wir uns kurz auf der Couch in der Lobby und unterhalten uns mit dem netten Rezeptionisten auf Englisch. Ich weiss nicht, ob wir die ersten europäischen Touristen sind in diesem Haus, aber wir werden fürstliche empfangen, nach kurzer Diskussion erhalten wir den gleichen Preis wie im eben erwähnten Budget-Hotel. Einfach mehr Comfort. Wir brauchen nicht lange, um uns zu entscheiden. So leben wir denn 2 Tage und eine Nacht in grösstem Luxus. Mit Kaffee auf dem Zimmer, weichen Betten, funktionierenden Lampen, stilvollen Bildern und einer wunderbaren Regenwalddusche, die wir in 36 Stunden 3x getestet und für gut befunden haben.

Die Innenstadt haben wir mit Bus, Taxi und zu Fuss mehrmals durchquert – sie ist unüberschaubar. Der Nachtmarkt ist im Winter eher spärlich interessant. Dafür aber finden wir in engen Gassen zwischen einstöckigen Häusern und im Schatten der Wolkenkratzer einen Quartiermarkt, der so richtig echt chinesisch riecht, aussieht und Krach macht. Wir sehen Früchte und Gemüse, die wir nicht einordnen können und für die wir keine Namen haben. Wir sind die bunten Hunde, die Langnasen, und werden häufiger fotografiert als wir selber auf den Auslöser drücken können. Auch bei der Tempelanlage der „White Hill Pagoda“, wo sich am Sonntag die Familien in der Wintersonne wärmen und den Aufstieg auf den Hügel zu Taoistischen und Buddhistischen Gebetsstellen nicht scheuen, werden wir immer wieder angesprochen. „Hello“ ist meist das einzige Wort – soviel Chinesisch könne wir mittlerweile auch schon („nihao“). Aber dann wird die Kommunikation auf beiden Seiten schwierig. Manchmal hilft uns – auch in Restaurants – der „China-Riegel“. Das ist keine Unanständigkeit, sondern ein sehr anständiges Hilfsmittel, das schnell die Neugierde unserer Gesprächspartner weckt. Der ca. 15cm lange und 3cm dicke Riegel liegt gut in der Hand und enthält alle für Touristen wichtige Sätze und Wörter. So schaffen wir es immer wieder, Mahlzeiten zu bestellen, die zumindest ungefähr unserer Vorstellung entsprechen, oder im Hotel neues Klopapier zu holen. Wir können den Mitreisenden im Zug erzählen, dass wir aus der Schweiz kommen und beim Kauf eines Zugtickets gelingt es uns, Datum, Uhrzeit und Ziel mitzuteilen.

Auch von Lanzhou aus nehmen wir den Zug, um Xi’an zu erreichen. Die Stadt und das Hotel haben uns gut gefallen, der Spaziergang entlang des gelben (oder eher braunen) Flusses hat unsere Stimmung gehoben und uns zum White Cloud Tempel geführt, wo wir den ersten Kontakt mit Taoisten hatten. Wir haben unter Mao’s Aufsicht zu Abend gegessen (das Poster an der Wand blickte starr zu uns herab) und dann um kurz vor 22:00Uhr die dritte Nachtreise angetreten.

Zugfahren, darin sind wir in China schon richtige Profis geworden. Nach unserer ersten Zugfahrt von Kashgar nach Hotan war uns klar: so nicht mehr. Eingepfercht in die 2.-Klasse-Wagons (die eher nach dritter Klasse aussahen) waren doppelt so viele Menschen wie Sitzplätze. Zusätzlich hat jeder Reisende mehr als ein unförmiges Gepäckstück mitgeschleppt. Die Ablagen waren überfüllt, manches Mal hat einer der Jutesäcke auch der Gravitation nachgegeben und ist auf Köpfen oder dem Boden gelandet. Unsere Rucksäcke hatten keinen Platz mehr und so mussten wir sie auf das 30x30cm Fenstertischchen stellen und festhalten, während die dichtgedrängte Landbevölkerung von der anderen Seite dagegen drückte. Auch hier im Zug flogen die Spuckefetzen auf den Boden, Abfall jeglicher Art (ob ausgekaute Sonnenblumenkerne oder leere Petflaschen, ob Babywindel oder Zigarettenkippe) wurden ebenfalls einfach vor die Füsse entsorgt, so dass nach halber Strecke – oder 4 Stunden – der Wagon einmal durchgekehrt werden musste. Nein! Das wollten wir sicher nicht mehr erleben, das war anstrengend, dreckig, eng und laut.
Seither versuchen wir – wenn auch für einen höheren Preis – immer im „hardsleeper“ von einer Stadt zur nächsten zu kommen. Die ersten drei Fahrten – und somit auch die von Lanzhou nach Xi’an – konnten und wollten wir in den unteren Betten liegen. Sehr bequem. Jeweils 6 Betten befinden sich in einem offenen Abteil. Bei der Abfahrt am Abend ist zwar ein Gewusel auf den Gängen, aber dennoch alles wunderbar ruhig. Kaum setzt der Zug sich in Bewegung, werden die Plastiktüten mit den Fressalien geöffnet. Jeder – also fast jeder – packt einen Topf Fertig-Nudelsuppe aus. Am Ende des Waggons kann man Heisswasser holen und nach ein paar Minuten duftet der gesamte Zug nach … eben, chinesischer Fertigsuppe. Im Verlauf der verschiedenen Zugfahrten haben wir die Qualitätsunterschiede kennen und schätzen gelernt, und fallen auch durch unser Verhalten schon gar nicht mehr auf.

Wenn alle fertig gegessen haben, geht der „run“ auf Toilette und Bad los. Die Chinesen legen ihre wunderschönen Plüsch-Pyjamas an – damit können wir leider nicht dienen – putzen mit Hingabe ihre Zähne und legen sich allesamt anstandslos in ihre Betten. Hinauf auf das oberste Bett ist schon gewagte Kletterei, die knappen 2.5m steigt man vor dem Morgen nicht so gerne wieder hinunter. Irgendwann zwischen 22:00Uhr und 23:00Uhr geht das Licht aus. Wenn einen weder das Gerumpel auf den Schienen noch die relativ kurzen und harten Betten stört, dann kann man wunderbar schlafen bis zum Weckruf am Morgen.

Und nun Xi’an. Highlight auf der Reise und endgültige Endstation der Seidenstrasse. Hier ist sie zu Ende, hier ist sie vorbei.
Highlight ist Xi‘an aus mehreren Gründen. An erster Stelle kommt sicher einmal die im Jahr 1974 per Zufall entdeckte Armee der Terrakotta-Krieger. Dann nicht zu vergessen die 14km lange komplette Stadtmauer um die Innenstadt. Zusätzlich ein grosses Muslimisches Viertel, eine wunderbare Moschee und die zwei Stadttürme – der Glockenturm und der Trommelturm. Wir haben all das gesehen, und noch viel mehr. Wir sind aus dem Bahnhof ins Hotel und aus dem Hotel hinein in die Altstadtgassen, hinein ins Marktgewühl und Fahrzeuggetümmel. Ein grosser Teil der Gassen und der dortigen Häuser ist gewachsen und echt. Die Haupt-Touristenstrasse ist schön restauriert und führt direkt auf den Trommelturm zu. Sie gleicht eher einem Weihnachts- und Fressmarkt, was im muslimischen Viertel nicht ganz verwunderlich ist.

Xi’an hat uns beeindruckt und sehr gut gefallen. Die touristischen Altstadtteile sind ansprechend und voller Leben, die modernen Stadtteile könnten auch Quartiere in einer europäischen Grossstadt sein mit Modeboutiquen und Einkaufszentren. Die „must-see“-Sehenswürdigkeiten innerhalb der Stadt sind liebevoll in Schuss gehalten und das 8. Weltwunder ausserhalb der Stadt wird jeden und jede in Staunen versetzen.

Sobald man das Areal der Terrakotta-Krieger betritt, wird man eingefangen von seiner Grösse, von der chinesischen Weitläufigkeit. Wieder einmal sind wir froh, nicht im Sommer unterwegs zu sein. Auch wenn wir die Kälte in Xinjiang ertragen mussten, so haben wir seit Lanzhou angenehmes Klima mit Sonnenschein und Temperaturen um ca. 12°C. Und vor allem haben wir wenige Touristen um uns. Wobei sich „wenig“ gerade hier relativiert. Aber immerhin können wir immer in der ersten Reihe vor den Ausgrabungsstätten stehen, kommen in unserem eigenen Tempo weiter und werden nicht im Gedränge erdrückt. Den Ausmassen der Anlage nach zu urteilen müssen zur Hochsaison abertausende Menschen täglich die 2200 Jahre alten Auswüchse eines phantasievollen Herrschers bewundern. Es mag sein, dass Qin, der erste Kaiser Chinas, schon lange ein neues Reich in einer anderen Welt regiert. Seine Tonkrieger sind ihm offensichtlich jedoch nicht wie beabsichtigt gefolgt.
Es ist schwierig, die Eindrücke zu beschreiben, die wir aus dieser riesengrossen und wohl zu Recht als 8. Weltwunder titulierten Ausgrabungsstätte mitgenommen haben. Wir sind benommen, haben mehr Informationen erhalten als wir aufnehmen können und mehr Bilder gesehen als wir uns in unseren kühnsten Vorstellungen ausgemalt haben.

Um unsere Köpfe zu durchlüften und auf andere Gedanken zu kommen, mieten wir uns Fahrräder. Wie lange ist es her, dass wir auf dem Drahtesel unterwegs waren? Ein wenig vermissen wir das schon. Es ist ein schönes Gefühl, in gemütlichem Tempo über die 14km der Stadtmauer zu radeln. Bei tollem Wetter und einigermassen guter Sicht über Altstadt und Neustadt teilen wir die breite und gut restaurierte Mauer mit nur wenigen anderen Touristen. Wären die Räder besser und täte uns der Allerwerteste nicht so weh, wäre der Genuss noch grösser gewesen.

Xi’an ist nun wirklich ein Highlight gewesen. Und kämen wir wieder in die Gegend, wir würden uns erneut 2-3 Tage in dieser Stadt aufhalten.

20.-28.11.2013, Provinz Shanxi: Pingyao – Lijiashan – (Qikou) – Datong

Der Nachtzug bringt uns von Xi’an (Provinz Shaanxi) nach Pingyao (Provinz Shanxi). Ein Verwirrspiel mit den Provinznamen, aber im Grunde genommen kann uns das ja egal sein.
Zugfahren ist weiterhin unsere bevorzugte Reisemethode, wir freuen uns fast schon auf die Fertig-Nudelsuppe im grossen Topf, die zu einer gelungenen Reise gehört wie Kerzen auf den Weihnachtsbaum. Chinesische Fertig-Suppen mit ihren getrockneten Eiernudeln und den verschiedenen kleinen Beuteln mit Brühe oder Trockengemüse kennen wir schon lange. Für eine Zugreise kauft „der gemeine Chinese“ diese Zutaten in einem eingeschweissten riesigen Pappbecher. Irgendwann zwischen 18:00Uhr und 19:00Uhr geht dann der „run“ auf den Heisswasserhahn los. In wenigen Minuten riecht der ganze Zug nach Glutamat und künstlichen Aromastoffen, kurze Zeit später geht das Geschlürfe los und wir schauen nur noch in glückliche und zufriedene Gesichter. Das hat uns überzeugt, und so reissen auch wir zwischen 18:00Uhr und 19:00Uhr die Folie vom Pappbecher, reissen die kleinen Beutel auf, giessen kochend heisses Trinkwasser über unsere Trockennudeln und geniessen mit zufriedenen Gesichtern.
When in Rome, do as the romans do. Oder: Wenn in China, mach’s so wie die Chinesen.

Nach dem „traditionellen“ Abendessen schlafen wir wunderbar unter den warmen Decken in den Zugbetten. Leider ist die Nacht diesmal kurz, wir erreichen Pingyao um 6:00Uhr am frühen Morgen und wissen noch nicht so recht, wie wir zu unserem (reservierten) Hostel kommen wollen. Aber siehe da: wir werden richtig dekadent mit einem grossen Schild vom Bahnhof abgeholt – die kleinen Annehmlichkeiten in einem übertouristischen Ort.
Und übertouristisch ist fast schon untertrieben. Pingyao ist schön – für einen Tag. Aber wir müssen Urs Recht geben, der das Örtchen als „Ballenberg Chinas“ tituliert (für die Deutschen: das „Kommern Chinas“). Alles ist „zu schön“, „zu original“, zu restauriert. Und vor allem auch zu teuer! Wenn wir in China für eine Kanne Tee knappe 10Sfr bezahlen müssen, dann stimmt etwas nicht. Für diese Summe (oder sogar weniger!) essen wir in anderen Orten zu zweit zu Abend – und bekommen den Tee umsonst dazu.

Im Vorfeld haben wir über Pingyao gelesen und sind zur Überzeugung gelangt, es mache Sinn, mehrere Tag in dieser Stadt zu verbringen.
So kann man sich anhand der Beschreibungen anderer täuschen. Damit will ich nicht sagen, Pingyao sei keine Reise wert. Doch! Durch die Gassen flanieren, die vielen Souvenir-Shops anschauen, sich einen teuren Tee in einem gemütlichen Restaurant leisten und einen kurzen Spaziergang über die Stadtmauer mit Blick auf das Leben der einfachen Leute am Stadtrand machen – das kann durchaus einen ganzen Tag lang amüsant sein. Dazu gibt es noch das wirklich gut organisierte „Stadtticket“. Mit diesem kommt man während 3 Tagen in alle Sehenswürdigkeiten, Museen und Tempel der Stadt – und es kostet weniger als der Eintritt zu den Terracotta-Kriegern. So haben wir nun ein recht gutes Bild davon, wie die typischen „Courtyard“ – Häuser (übersetzt vielleicht: Innenhof – Häuser) aufgebaut sind, die das gesamte Stadtbild Pingyaos prägen. Von der Strasse aus sehen wir nur die Aussenwand und den Hauseingang. Sobald wir die ca. 20cm hohe Schwelle übertreten stehen wir vielfach vor einer „Yingbi“ (Geistermauer). Diese ist breiter und höher als das Tor und befindet sich maximal einen Meter hinter dem Eingang im Haus. Es heisst, die unheilbringenden Geister können weder über hohe Schwellen treten noch rasch um die Ecke biegen – und so werden sie durch Schwelle und Geistermauer abgehalten. Wir können das aber und befinden uns anschliessend meist in einem länglichen Innenhof, von dem aus mehrere Räume – je nachdem auch mehrere Gebäude – ausgehen. Die meisten herrschaftlichen Häuser – hier haben die ersten Banker Chinas gelebt – bestehen aus verschiedenen Innenhöfen und vielen Gebäuden. Auch die ärmeren Leute wohnen – dann aber zu mehreren Familien gemeinsam – in solchen Innenhof-Häusern. Für uns ist diese Art zu wohnen sehr beeindruckend – auch unser Hostel in der Altstadt ist ein solches Courtyard-Haus. Wir leben hier in einem winzigen Zimmer, schlafen auf einem typischen Steinbett, ausgelegt mit weichen Matten, auf dem wir uns auch ansonsten aufhalten, lesen, Tee trinken. Vor unserem Fenster ist der Innenhof, in der Abenddämmerung beleuchtet von roten Lampions. Jetzt ist es leider zu kalt, aber im Sommer muss es wunderbar sein, unter den Sternen mit einem Bier in der Hand den Abend hier zu verbringen.

Nach 2 Tagen in diesem „lebenden Museum“ hat es uns weg gezogen – weg von den Touristenströmen, weg von den Souvenirshops und hinein in das Hinterland ganz im Westen Shanxis. Unser Bus sollte um 7:30Uhr fahren, fuhr aber erst um 8:30Uhr. Dadurch haben wir den Anschluss in Lishi verpasst. Irgendein Busfahrer meinte, wir könnten mit ihm fahren, aber plötzlich standen wir in einem namenlosen Stadtzentrum mit Sack und Pack auf der Strasse und wussten nicht weiter. Mein „China-Riegel“ hat zwar die Kommunikation mit den Bauern ein wenig erleichtert, aber einen neuen Bus konnte er auch nicht herzaubern. Schlussendlich haben wir uns ein Taxi genommen – nicht die preiswerteste Reise, aber wir sind am Ziel angelangt. Hier, im Westen Shanxis, werden wir angestarrt, wie vor hundert Jahren wohl die Schwarzafrikaner bei uns. Manch einer kann seine Augen gar nicht von uns lösen, wenn wir lächeln sind sie verwirrt, hinter unserem Rücken, aber auch direkt vor unseren Augen wird über uns getuschelt und mit den Fingern auf uns gezeigt.
In Lijiashan, unserem Zielort, ist man jedoch auch europäische Touristen gewohnt. Lijiashan – das Dorf der Familien Li (90% heissen mit Nachnamen so) – klebt in den Felsen, hoch über dem Gelben Fluss. Eigentlich sind es Höhlenwohnungen, die mit schönen Vorbauten zu eine ansehnlichen Siedlung in die zerklüftete Landschaft gebaut wurden. Bei näherer Betrachtung scheint die Landschaft nicht felsig, sondern vor allem lehmig zu sein. Alle Hügel sind mit Terrassenfeldern bedeckt, am Rand der Terrassen scheint der Boden schon wieder abzubröckeln. Wir sind heute die einzigen westlichen Touristen im ganzen Dorf, etwas unterhalb jedoch gibt es in einem „Höhlen- und Innenhof-Haus“ eine grössere Künstlerwerkstatt mit Malern aus Beijing oder Tayuan. Unsere Gastfamilie ist, so scheint es, eine einfache Bauernfamilie. Wir haben eine „Höhle“ für uns alleine, mit Steinbett und Ofen; leider keinen offenen Kamin mit Bärenfell davor. Das Steinbett wird über einen simplen aber effizienten Mechanismus durch den Ofen gewärmt. Das Zimmer erreicht konstant Temperaturen um die 13-14°C – weshalb wir während der kommenden 2 Tage nur knapp den Weg aus unseren Kleidern finden. Dabei gibt es – im Hof – eine gut funktionierende Heisswasserdusche! Der Duschraum ist jedoch so klein, dass wir nichts aufhängen können und also nur mit Handtuch bekleidet durch Minustemperaturen in den heruntergekühlten Beton-Neubau laufen müssen. Das machen wir einmal – und nicht wieder.

Am Nachmittag – wir haben noch ca. 3 helle Stunden vor uns – trauen wir uns kaum, von den befestigten Wegen auf die wunderschön verlaufenden kleinen Trampelpfade auszuweichen und die Landschaft zu erkunden. Alles ist verwinkelt und zerklüftet – wer weiss, ob wir den Weg zurück finden?! Aber auch von den „Hauptstrassen“ aus ist der Blick hinunter ins Tal, über all die Felder und versteckten Häuser hinweg, fantastisch!
Frühstück und Abendessen erhalten wir inklusive Übernachtung für knapp 10Sfr/ Person, weniger als eine Kanne Tee in Pingyao gekostet hat. Um 18:00Uhr ist es dunkel und nach dem Essen kann man gar nicht mehr viel machen, hier auf dem Land. Da überrascht uns unsere Gastgeberin mit dem Wort „WIFI“. Wir können es nicht glauben. Da sitzen wir in einer Höhle irgendwo in den Bergen Chinas – und kommen ins Internet, können unsere Website bearbeiten und emails beantworten! Irgendwie ziemlich schräg.

Unten am Gelben Fluss liegt Qikou, zu Fuss ca. 45min. entfernt. Qikou ist nur unwesentlich grösser als Lijiashan, wird aber nicht nur von einem Fluss sondern auch von einer Hauptstrasse durchzogen und ist somit lebendiger. Ausserdem zieht offensichtlich ein hübscher Ming-Tao-Tempel immer wieder chinesische Touristen an. Wir flanieren durch das Dorf, beobachten den Schmied vor seiner winzigen Werkstatt beim Anfertigen von groben Ketten. Wir staunen und werden bestaunt und irgendwann hören wir plärrende Musik. Die kommt, wie wir bald feststellen, aus der pinken „Musikboxhalskette“ eines Touristen. Er und seine Freunde möchten unbedingt mit uns fotografiert werden. Das ist ein Geknipse mit den für Chinesen typischen übergrossen Objektiven. Und dann – komme ich nicht darum herum, mit dem Herrn und seiner Musikbox ein Tänzchen hinzulegen.
Durchwegs, können wir sagen, haben wir bisher nur freundliche Menschen in diesem Land kennen gelernt. Und viele von ihnen sind zusätzlich noch lustig, extrovertiert, neugierig. Es macht Spass, sich mit Händen und Füssen mit ihnen zu unterhalten, sich zu begrüssen und zu verabschieden. Wir fühlen uns wohl.

Nach Lijiashan und Qikou verbringen wir noch einen Tag in Pingyao, bevor der Zug uns nach Datong bringt. Eine Tagfahrt, auf der aber dennoch zwischen 18:00Uhr und 19:00h … jawohl … die Fertig-Nudelsuppe im grossen Topf nicht fehlen darf.

Schon als die Zugtüre aufgeht wissen wir: hier ist es kälter. Die Nase friert fast ab, wenigstens hält meine neuerstandene Zipfelmütze die Ohren warm. Zum Glück liegt „unser“ Hotel nur knappe 500m vom Bahnhof entfernt. Der Raum ist riesig, mit Teppich ausgelegt, im „Wohnbereich“ steht ein klobiger Spieltisch. Das Bett ist bequem, das Zimmer warm und auch heisses Wasser fliesst nach einiger Zeit durch die von Roman mit einer Stecknadel frisch entkalkte Dusche. Trotz dem scheinbaren Comfort fehlt uns – ein Staubsauger. Nein, nicht uns, sondern vermutlich der Putzequippe, die auch nicht weiss, wie man eine Klobrille hochklappt, um sie zu säubern. Das hole ich dann nach, mit der Duschbrause. Denn wie schon seit vielen Ländern auf unserer Reise ist auch hier in China in den meisten Fällen die Dusche ohne Abtrennwand direkt neben dem WC, das so immer mitgeduscht wird.

In Daton „passiert China“. Datong ist eher, naja, nicht ganz so prickelnd. Vielleicht liegt es an der Kälte, aber eher noch am Bauboom. Wir sehen alte, verfallene und dennoch bewohnte Hutongs neben aufgerissenen Strassen und Bauzäunen. Wir finden den Weg in die neue Altstadt – komplett neu aufgebaute Häuser im vor-vorherigen Stil. Die ursprüngliche Altstadt wurde in kommunistischen Zeiten abgerissen und durch zweckmässige Bauten ersetzt; im Namen des Tourismus und Kapitalismus (?!) wird nun diese Aktion so gut es geht und vor allem schnell wieder rückgängig gemacht. Das führt jedoch gerade hier in Datong zu Fussgängerzonen, die eher an Bühnenbilder oder Filmstädte erinnern, komplett ohne Seele. Der Huayun-Tempel aus dem 10.-12.Jh ist vermutlich noch der ehrlichste Bau. Als bis heute aktives Kloster hat er konstant Renovation und Restauration erlebt und ist beeindruckend in seiner Weitläufigkeit.
Dort, wo der Umbau zur neuen Altstadt noch unvollendet ist, blicken wir vom Yuppie-Viertel mit Filmkulisse-Bauten und überteuerten Schmuck- und Kleiderläden direkt in die verfallenen Hutongs mit den öffentlichen WCs für die Bewohner. Irgendwo in den Hintergassen stolpern wir sogar in den mit Gerümpel vollgestellten Vorplatz einer katholischen Kirche, in der an einem einfachen Dienstagabend mit wenigen anwesenden Gläubigen eine heilige Messe zelebriert wird. Frauen links, Männer rechts.
Ganz in der Nähe finden wir die wirklich eindrückliche 45m lange und 8m hohe „Neun-Drachen-Wand“. Diese ist ursprünglich eine „Yingbi“, also Geistermauer, für den lange schon zerstörten Palast gewesen. Im 14.Jh errichtet ist sie wohl eines der ältesten und vor allem originalen Bauwerk dieser Stadt.

Auch auf einer langen Reise kann man nicht alles sehen. Schweren Herzens verzichten wir auf den Besuch der hängenden Tempel und der Yungang-Höhlen, die unser Portemonnaie unverhältnismässig erleichtert hätten. Dafür führt uns der 2. Tag hinaus auf’s Land. Wir möchten Desheng-Bao erreichen und am gleichen Tag wieder zurück in unser grosses Hotelzimmer mit dem staubigen Fussboden.
Der Busfahrer betont mehrmals, dass er in Desheng-Bao halte, was er seiner Meinung nach auch tut. Unserer Meinung nach sind 8km zu weit entfernt vom Zielort. Noch dazu werden wir mitten auf der Autobahn an einer Mautstelle abgesetzt. Ohne die gute Wegbeschreibung des netten jungen Autobahnpolizisten wären wir wohl postwendend umgekehrt. So aber machen wir uns auf, neben der Autobahn, und stapfen über die abgeernteten Felder. Zum Glück tragen wir jeder 2 Paar lange Unterhosen unter der Reisehose. Am Oberkörper schützen uns neben einem Angora-Lendenwärmer 3 Paar Wollpullis, 1 Faserpelz, 1 Windstopper-Jacke und zuletzt eine Regenjacke (als zusätzlicher Windschutz). Auf dem Kopf trage ich einen Wollbuff unter der Woll-Zipfelmütze über die ich noch die Kapuze der Regenjacke gezogen habe. Bei strahlend blauem Himmel ist es kalt, eisigkalt, und zu allem Überfluss weht ein beständiger mittelstarker Wind. Nach einer halben Stunde erreichen wir die schmale Landstrasse, auf der uns während der kommenden Stunde zwar einige wenige Fahrzeuge entgegen kommen, aber niemand fährt in unsere Richtung. Roman gefriert der Atem in kleinen Kristallen im Bart. Doch kurz bevor wir aufgeben und zurückgehen, können wir einen netten Herrn in einem warmen und bequemen Auto anhalten. Er fährt uns freundlicherweise bis vor das südliche Tor des komplett von einer Wehrmauer umgebenen Dorfs Desheng-Bao. Unser Ziel ist jedoch nicht das Dorf selber, sondern die kaum auszumachenden Reste der Grossen Mauer nördlich davon, die älter sind als die wohlbekannte Ming-Dynastie-Mauer in der Nähe von Beijing. Der Weg durch das Dorf, ein ehemaliges Fort, führt uns ausschliesslich auf unbefestigten Strassen zwischen niedrigen Häusern vom Südtor zum Nordtor. Ein Katzensprung. Dahinter versteckt sich ein zweiter Mauer-Ring über dessen zerfallende Struktur wir klettern müssen um erneut ein paar Hundert Meter weiter nördlich endlich die lehmigen Überreste zu entdecken. Mehr Wall als Mauer spazieren wir entlang dieses Stück Weltkulturerbe.
Unser Ziel ist erreicht, wir haben Wind und Wetter getrotzt, uns ist erstaunlich warm und wir haben das Objekt der Begierde im Bild festgehalten. Aber wie kommen wir nun zurück? Wollen wir wirklich die 8km laufen, bis zur Autobahn, und dort einen Bus, LKW oder PKW anhalten?
Bei Wind und Kälte sitzen die Dorfbewohner in engen Räumen gemütlich beisammen. Die Frauen auf der östlichen Strassenseite, die Männer auf der westlichen Strassenseite, und alle spielen. Mit Karten oder mit Steinen. Niemand hat Zeit. Dennoch gelingt es mir, mit dem China-Riegel die Aufmerksamkeit eines Spielers zu wecken, der mir recht missverständlich mitteilt, ein Bus fahre um „3“ „5“ – zumindest hebt er erst 3 Finger in die Höhe, dann 5 Finger. Mehr kann ich nicht aus ihm herausquetschen, denn er muss spielen!

Roman fotografiert noch das Südtor, während ich mich schon Richtung „Hauptlandstrasse“ bewege um vielleicht ein Auto anzuhalten – da werde ich lautstark angehupt. Der Bus ist da, wir können einsteigen und werden die knapp 50km bis fast vor’s Hotel in Datong gefahren. Wer hätte das gedacht, so einfach kann es sein, wenn man weiss wie – oder wenn man, wie wir, zwischendurch etwas Glück hat.

28.11.-03.12.2013, Beijing (nördliche Hauptstadt)

Abends um 21:00Uhr wandern wir von der U-Bahn-Station durch verschlafene Hutongs. Bei Jing ist anders. Anders als das China, was wir bisher gesehen haben. Anders, als wir uns vorgestellt haben. Zwar blinken an den verkehrsreichen Strassen Leuchtschriften mit roten Lampions um die Wette; kaum aber hat man eine Seitenstrasse erreicht, kehrt Ruhe ein. Einstöckige einfache Wohnhäuser in „o.k.“-Zustand erinnern uns eher an ein Dorf. Hier bewegen die Anwohner sich mit Fahrrädern fort, von dem einen oder anderen Mofa abgesehen. Im Schlafanzug wird der Hund spazieren geführt oder der letzte Toilettengang vor dem Einschlafen absolviert. Viele Häuser haben mittlerweile sicherlich ihre eigenen WCs, aber die Gemeinschafts-WCs alle paar hundert Meter werden immer noch rege genutzt.

In diesem manchmal unübersichtlichen Gewirr aus schmalen Gassen ohne Bürgersteig befindet sich unser sehr gutes Hostel. Geführt nur von jungen Leuten um die 25 bietet es uns ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Nur 4 U-Bahnstationen von der Verbotenen Stadt entfernt befinden wir uns sozusagen im Stadtzentrum.

Bei Jing ist eine schöne Grossstadt. Sie bietet dem Besucher viel: 600 dörfliche Hutongs und abertausende hochmoderne Wolkenkratzer. Kultur in Form der Verbotenen Stadt oder des 798-Kunst-Distrikts. Natur und Geschichte im Sommerpalast oder rund um die Grosse Mauer.

5 Tage haben wir uns Zeit gelassen, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Wir haben Mao’s wächsernes Gesicht im Glaskasten begutachtet und sein von Falten geglättetes Antlitz über der Verbotenen Stadt. So friedlich kann ein Verbrecher aussehen. Der Volkspalast ist genauso einen Besuch wert, wie der unfriedliche „Platz des Himmlischen Friedens“.

Bei schönsten Wetter und ganz ohne Smog sind wir wie vergessene Adlige durch die Paläste der ehemaligen kaiserlichen Stadt geschlendert, oder haben im Sommerpalast vom Buddha-Dufttempel aus unseren Blick über den grossen See schweifen lassen.
Bei Mutianyu haben wir einen schweren Muskelkater in Kauf genommen und sind tausende von Stufen hinauf zur Mauer und anschliessend über das an manchen Stellen mehr als 2000 Jahre alte Welterbe bergauf und bergab gelaufen. Die Ausdehnung dieser Mauer ist unwahrscheinlich, bewundernswert in ihrem Verlauf. Sehr schön für uns war auch, nachdem wir in Desheng-Bao nur noch einen Lehmwall vorgefunden haben, unrestaurierte Mauerteile aus der Ming-Dynastie zu sehen und darüber zu laufen.

Erstaunlich zentral befindet sich das vielumstrittene „Vogelnest“. Olympia 2008 hat der Stadt gut getan, trotz einiger (vieler) Verstösse gegen die Menschenrechte. Die meisten Anwohner auf dem heutigen Olympia-Gelände haben sich, so heisst es, freiwillig umsiedeln lassen. Sie haben alte Wohnungen mit unzureichenden Sanitären Anlagen gegen moderne Neubauten getauscht. Diejenigen jedoch, die nicht gehen wollten, wurden mit unlauteren Mitteln dazu gezwungen (s.a. Adrian Geiges: Gebrauchsanweisung für Peking und Shanghai). Nichtsdestotrotz ist das Olympiastation, das „Vogelnest“ – genauso wie der Wasserwürfel – faszinierend schön! Es wirkt klein und unscheinbar trotz seines „Fassungsvermögens“ von 91‘000 Zuschauern. Von jedem Sitz der Tribüne aus hat man einen guten Blick über das gesamte Feld.

Bei Jing ist gross. Die Entfernungen sind weit. Oft haben wir mehr als 30min pro Strecke in der U-Bahn verbracht, waren schon müde, bevor wir das Ziel erreichten.
Für Bei Jing benötigt man mehr Zeit, als die knappen 5 Tage, die wir hier verbracht haben. Die Stadt hat so viel zu bieten. Wir hatten keine Zeit (und auch kein Geld) für einen Einkaufsbummel in einem dieser wahnsinns-Einkaufszentren. Wir haben weder den Ritan-Park noch den Himmelstempel-Park sehen können. Der alte Sommerpalast wird auch ohne unseren Besuch weiter bestehen und in keines der spannenden Hochhäuser (wie z.B. die Türme des staatlichen Fernsehens) haben wir einen Fuss gesetzt.
So haben wir es beim Abschied im Hostel heute Morgen mit den Worten „see you next time“ ganz ehrlich gemeint!

04. – 12.12.2013, Tai’an – (TaiShan) – Qingdao – Qufu

Wir verlassen die unaufgeregte Hauptstadt Bei Jing durch den Südbahnhof. Hier sitzen wir zum ersten Mal in einem Hochgeschwindigkeitszug – und sind begeistert.
Die Abläufe im Bahnhof sind strukturiert, die riesige Halle gleicht einem Flughafen und wir sitzen gemütlich und stressfrei schon 20min vor der Abfahrt auf unseren bequemen Sesseln mit genügend Beinfreiheit. Die Fahrt ist doppelt so schnell und drei Mal so teuer, wie mit dem Bummler. Aber ganz ehrlich: für bequeme zweieinhalb Stunden Zugfahrt zahlen wir in der Schweiz deutlich mehr als 25Sfr!

In Tai’an liegt der neue Bahnhof weit ausserhalb. Wir fragen uns durch und schaffen es tatsächlich, mit dem öffentlichen Verkehr an den richtigen Ort zu gelangen. Seit Bei Jing sind wir Jugendherbergen-Nutzer. Das „International Youth Hostel“ in Tai’an kommt zwar nicht ganz an sein Pendant in der Grossstadt heran, aber wir fühlen uns dennoch wohl. Und ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis inklusive zentraler Lage bekommen wir in keinem Hotel.
In nur wenigen Schritten stehen wir vor dem Südtor des „Dai Miao“ – Tempels aus dem 11.Jh. Hier beginnt der seit vielen Jahrhunderten von „hohen Tieren“ und „kleinen Menschen“ beschrittene Pilgerpfad hinauf auf den ca. 1500m hohen TaiShan. In ganz China gibt es verschiedene heilige Berge, mit Klöstern auf ihren Gipfeln. Dieser hier soll – obwohl nicht der höchste – der wichtigste von allen sein.
Wir sind keine echten Pilger, wollen aber zumindest einen kleinen Eindruck der Gewaltigkeit erhaschen und steigen nach 20min Busfahrt vom „Mittleren Himmelstor“ die ca. 3000 extrem steilen Stufen bis hinauf in Wind und Kälte, bis hinauf zu den verschiedenen Tempelanlagen und Souvenirshops. Leider meint das Wetter es nur bedingt gut mit uns; die Sonne hat wenig Erfolg damit, die Nebelschichten zu verdrängen. Zwischendurch erhaschen wir einen Blick auf das weite Tal; meist sehen wir nur gerade einmal 100 Höhenmeter hinauf oder hinunter. Vom Gipfel sind es mehr als 6000 Stufen oder 1200 Höhenmeter bis ganz hinunter zum Haupttor des heiligen Parks. Wir springen die Stufen hinunter, vorbei an roten mannshohen chinesischen Schriftzeichen, die in den Fels gehauen sind; durch eine Natur, wie wir sie bisher nur von den typischen chinesischen Wandbildern (Aquarell/Tusche) kennen; vorbei an jungen und alten Menschen, an kräftigen und schwachen Menschen die alle den Gipfel erreichen möchten. Mehr als einmal wurden wir beim Aufstieg ermuntert mit einem „thumbs up“ (Daumen hoch). Mehr als einmal wird uns beim Abstieg anerkennend zugelächelt. Wir sind schnell unterwegs und trotz des einen oder anderen Müdigkeitsschubs sind wir erstaunt, wie leistungsstark wir sind.

Zur Belohnung leisten wir uns am Abend ein „fettes Essen“ in einem Hotelrestaurant. Mit weissen Tischdecken und verschiedenen Aquarien im Eingangsbereich. Hier können wir – wenn wir wollen – mit dem Finger auf eine Schildkröte oder Seegurke zeigen, und diese liegt kurze Zeit später in unserem Teller. Wir wollen aber nicht! Auch keinen Aal, keine Muscheln oder anderes Seegetier, keinen Seestern am Spiess und auch keinen Oktopus, der uns aus fahlen Augen anstarrt. Mir persönlich hat der Besuch auf dem Nachtmarkt in Bei Jing ein wenig den Appetit verdorben. Dort hätte ich Spiesschen kaufen können, frisch gegrillt oder frittiert. Entweder 4 Skorpione am Spiess, oder 6 fette Maden. Ich hätte 3 Minivögel vom Holzstöckchen knabbern können, oder eine zur „Lakritzschnecke“ zusammengerollte kleine schwarze Schlange. Und gestern, zum Mittagessen, ist unsere Bestellung in einem kleinen Lokal „nach hinten losgegangen“ Das Fotomenü sah gut aus, wir haben uns ein Bildchen ausgesucht. Was anschliessend als grosse Portion vor uns stand, haben wir nicht essen können. Im Nachhinein und Computer sei Dank haben wir herausgefunden, dass wir ein regional beliebtes Seegurkengericht bestellt hatten. Und wer jetzt meint, Seegurke sei Gemüse, der irrt gewaltig (einfach mal in Google-Bilder nachschlagen!).
Unser Abendessen heute in dem schönen und gar nicht teuren Restaurant war vor allem gemüsehaltig und gut. Ein wenig Pekingente hat die Geschmacksnerven aufgelockert, das regionale Bier machte das Gleiche mit unserem Gemüt und so schliefen wir gut, diese Nacht.

Wer hätte gedacht, dass morgendliches Aufstehen so schwierig sein kann. Körperteile, deren Existenz wir bis anhin verdrängt haben, schmerzten. Haben wir wirklich Muskeln im Fuss? Und der Po besteht auch nicht nur aus weichem Gewebe, wie uns spätestens seit heute klar ist. Ganz zu schweigen von Waden und Oberschenkeln. Eine bleierne, körperliche Müdigkeit hat Besitz von uns ergriffen, wir sind einfach „nichts Gutes“ mehr gewohnt.
Zum Glück ist heute Weiterreisetag; der Hochgeschwindigkeitszug rast mit 304km/h dem Meer entgegen.

Qingdao ist ein hübsches, kleines Städtchen am Nordchinesischen Meer. Nur wenige Seemeilen weiter östlich liegt Korea. Hier aber, nachdem wir ca. 1/3 der Erdkugel umrundet haben, finden wir ein Stückchen Europa! Anfang des 20.Jh war Qingdao deutsch. Ähnlich wie HongKong den Engländern wurde diese Stadt am Meer den Deutschen für 99 Jahre zugesprochen. Aufgrund verschiedener Kriegswirren hatte sich dies aber in der ersten Hälfte des 20.Jh schon wieder erledigt.
Dennoch ist Qingdao „deutsch“ – und ein wenig „englisch“. Die bekannteste Biermarke der Volksrepublik China kommt von hier und ist deutschen Ursprungs (Tsing-Tao-Bier). Das Städtchen selber ist angenehme verwinkelt, mit Bürgersteigen und Alleen, mit kleinen und grösseren Villen wie sie auch in Aachen stehen könnten und einfachen, europäisch wirkenden, Wohnhäusern. Wir besuchen die reformierte Kirche und fotografieren die Hochzeitspaare vor St. Michael, der katholischen Kirche. Hier, auf diesem mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Platz, denken wir an die vielen Kirchenvorplätze auf denen wir Anfang April in Deutschland gestanden sind.
Zum Glück – muss man fasst sagen – gibt es aber auch China hier in dieser Stadt am Meer. In der Unterführung zur Seepromenade könnten wir uns mit Seestern, Seegurke oder Oktopus den Bauch füllen, vor unserer Jugendherberge mitten in der Stadt beginnt der Strassenmarkt mit Obst, Gemüse und Getier jeglicher Art und in den Hintergassen finden wir einige kleine chinesische Garküchen, wo wir gerne und gut essen.
Die Haupteinkaufsmeile jedoch könnte auch irgendwo auf dieser Welt stehen – USA oder Europa – mit den immer gleichen Kleider- und Kosmetikmarken. Die vielstöckigen „Departmentstores“ haben uns ausser einem endlos-Gedudel kitschiger Weihnachtslieder nicht viel zu bieten, weshalb wir schnellen Schrittes für Roman einen Coiffeur suchen. Und schon liegt Roman hilflos dort, hinter ihm ein junger Bursche des anderen Ufers der ihm mit zarten Händen die zu langen Haare wäscht. Der Coiffeur selber ist ebenfalls jung und von gleichem Interesse wie der Haarwäscher. Nach ca. 40 Minuten intensiver Zuwendung – nur unterbrochen durch mein Gerede und Gekicher – steht Roman als neuer Mensch vor mir. Kein Haar zu lang auf dem Kopf und im Gesicht! Das haben die beiden Jungs wirklich gut gemacht!

Die Jugendherberge hier in Qingdao ist super. Die Zimmer sind gross und warm, wir können für wenig Geld Wäsche waschen, das Personal ist freundlich und die Preise niedrig – und vor allen Dingen ist der Herberge eine populäre Kneipe angeschlossen. Freitag und Sonntag wurden wir mit live-Musik beschallt, ansonsten mit einem Jazz-Sound der direkt aus unserer externen Festplatte zu kommen scheint. Verschiedene Sofagruppen stehen gemütlich arrangiert in diesem grossen Raum, ein Billiard-Tisch, eine Bar sowie der obligate Weihnachtsbaum dürfen auch nicht fehlen. So hatten wir eine wunderbare Rückzugsmöglichkeit vor dem kalten und ungemütlichen Wetter am Wochenende. Nachdem am Samstagmorgen für die Hochzeitspaare noch die Sonne schien, haben wir guten Gewissens fast den gesamten Sonntag im Zimmer und in den Sofas der Bar verbracht. Nebel, Kälte und einzelne Schneeflocken haben uns aus den Gassen vertrieben.

Allen Wetterteufeln zum Trotz sind wir am Montag zum Meer gegangen. Wunderschöne Strände säumen das Ufer mitten in der Stadt, eine kleine Parkanlage mit Blick auf das dunkle Winterwasser führte uns in den Nordosten Qingdaos. An diesem weiten Strand trafen wir auf ein paar ganz harte Burschen, die mit Sportbadehose und Badekappe bekleidet ins Meer gingen. Ca. 5 Minuten später stiegen sie ganz locker wieder ans Ufer und flanierten zurück in die Umkleidekabine.

Wir ziehen die Wollmütze tiefer ins Gesicht, schliessen den Reissverschluss unserer Jacken und stecken die Hände tief in die Hosentaschen. So suchen wir in Wind und Wetter ein warmes Restaurant – und haben die abgehärteten Schwimmer schon bald vergessen.

„Wohin reist ihr heute?“ fragt uns beim Abschied das Mädel an der Rezeption. Bei dem Ortsnamen „Qufu“ leuchtet ihr Gesicht. „Das ist eine schöne Stadt!“

Auch hier in Qufu (gesprochen Tschüefü; jede Silbe betont, das „e“ unbetont) stehen wir wieder vor einer Stadtmauer. Wir wissen schon lange nicht mehr, was original ist und was dem Bauboom der letzten Jahre und Jahrzehnte entsprungen ist. Im Zweifel glauben wir an den Bauboom. Innerhalb der Stadtmauer nehmen sowohl der Konfuzius-Tempel als auch der herrschaftliche Konfuzius – Wohnkomplex knapp 1/3 der Altstadt in Anspruch. Alles dreht sich um diesen wichtigen Philosophen aus dem 5Jh. vor Christus, und so können wir Postkarten mit seinem Konterfei kaufen, oder Spruchbänder mit klugen Worten (die wir nicht verstehen). Wir können ihm zu Ehren überteuerte Räucherstäbchen anzünden oder für etwas weniger Geld glückbringende Kettenanhänger für unsere Lieben. Wir kaufen nichts! Dafür aber streifen wir durch Teile dieses kleinen Städtchens, in die kaum je ein Tourist seine Füsse setzt. Wir freuen uns, dass auch in diesem Ort China nicht verloren gegangen ist. Die Tempelanlage und der Wohnkomplex sind übrigens wunderschön restauriert und bieten eine besinnliche Umgebung. Wir haben mittlerweile aber schon genügend Tempel gesehen. Im Gegensatz zu Kirchen in Europa, Moscheen in den islamischen Ländern oder besonders den Tempeln in Indien bieten sie kaum visuelle Abwechslung. Vermutlich werden wir bei der nächsten Tempelanlage das Eintrittsgeld gewinnbringend in einem guten Essen anlegen.

Wäre es nicht so kalt, dann wäre Qufu, obwohl es ein wichtiger Touristenort ist, ein Städtchen, in dem wir uns so richtig wohl fühlen könnten. Kleine Häuser, nette Menschen, gemütliche Restaurants, Grünanlagen, Nachtmarkt, und eine kleine „Einkaufsmeile“ mit mehr oder weniger edlen Geschäften. Was wünscht sich das Herz eines Reisenden mehr? Ach ja, eben, wärmere Temperaturen und Sonnenschein. Und so zieht es uns nun je länger je mehr in den Süden.