Türkei

21. – 22.06.2013, Edirne – Uzunköprü

Über weite hellgrüne Reisfelder spannt sich auf geschätzten 100 geschwungenen Steinpfeilern die niedrige alte Brücke, auf der wir direkt am Busbahnhof – und somit auch fast schon im Zentrum – von Uzunköprü ankommen. Wir haben den Ort auf der Landkarte ausgewählt, da die Buchstaben relativ gross geschrieben sind und die Vermutung nahe liegt, dass es hier ein Hotel gibt. Es gibt zwei, und eine Pension …. Immerhin.

Impressionen

weitere Impressionen

Wir sind am 21.06. von Bulgarien in die Türkei eingereist, nur knappe 40km gefahren, da wir unbedingt in Edirne eine Pause einlegen wollten. Die Strecke ist eher etwas langweilig, immer auf der Hauptstrasse, vorbei an Sonnenblumenfeldern und vorbei an den letzten bulgarischen Cafés und Restaurants. Wir werden das Land vermissen und trinken zum Abschied kurz vor der Grenze einen letzten Kaffee, geben das letzte Kleingeld aus. Ein etwas grösserer Schein ist uns geblieben, den hoffen wir, an der Grenze tauschen zu können.
Die bulgarischen Grenzer winken uns durch, wollen keine Papiere sehen. Die Türken hingegen haben ein Heer an Zöllnern und eine Kleinstadt an Zollgebäuden – inclusive eines Gebäudes auf dem gross „Röntgen“ angeschrieben steht. Wir zeigen 4x unseren Pass, erhalten einen kleinen Zettel mit Stempel, den wir bei der Ausreise wieder vorlegen müssen (bloss nicht verlieren!) und fragen uns, wovor die Türken sich so fürchten. Hinter der letzten auf ca. 1km in Reihe angeordneten Passkontrollen werden wir von einer grossen Moschee empfangen – ein „Statement“ so kommt es uns vor. Die Einfahrt nach Edirne ist ausgesprochen ereignislos. Erst sind wir noch durch eher brache Agrarlandschaft gefahren, plötzlich stehen wir mitten im Stadtverkehr und suchen unser vorher ausgewähltes Hotel. Wir zahlen mehr als in Bulgarien (95TL = ca. 40 Euro) für ein gutes und vor allem grosses Zimmer mit Balkon.

Hier lassen wir kurz die Hitze verstreichen und denken mit einem Schmunzeln an die Begegnung zwischen den Zöllen. Im Niemandsland , auf der anderen Strassenseite und durch einen hohen Zaun von uns getrennt, kommt uns ein bepacktes Fahrrad entgegen. Wolfgang ist knapp über 60, ein „alt-68-er“ aus Osnabrück, der in 2 Wochen von der Osttürkei hierher geradelt ist und in weiteren 2 Wochen wieder zu Hause sein muss. Schade, dass der Zaun zwischen uns steht, und schade, dass er in die andere Richtung fährt. Wir hätten sicher gerne einen Tag zusammen verbracht und Geschichten ausgetauscht. Schon so stehen wir mindestens eine halbe Stunde an diesem gottverlassenen Ort von einem Zaun getrennt und unterhalten uns. Am Ende tauschen wir noch Kartenmaterial und Währungen aus – Wolfgang hat genau den Betrag in TL, den wir in Leva bei uns haben – einen leichteren und besseren Tausch können wir uns nicht vorstellen. Viel Glück und gute Fahrt; happy trails … und weiter geht die Reise in entgegengesetzte Richtungen.

Edirne ist voller Moscheen, alle gut erhalten und sehr schön. Das Hauptbauwerk, die Selimiye – Moschee wollen wir uns anschauen, nachdem wir im Teehaus unter den Bäumen den ersten Cay geschlürft haben und die Hitze etwas nachgelassen hat. Unsere Mussestunde mit Tee wurde jäh unterbrochen und wartet noch darauf, nachgeholt zu werden. Herr Osmanli Türkmen (nennen wir ihn mal so, seinen richtigen Namen weiss ich nicht) setzt sich zu uns an den Tisch und belabert uns mehr als eine Stunde lang. Wir wissen jetzt, was er gearbeitet hat, dass er lange in Wien gewohnt hat, dass er eine Tochter hat, die studiert und dass er bis vor einem Jahr 14 Tabletten pro Tag zu sich nehmen musste. Jetzt sind es nur noch 2 Tabletten pro Tag, bei Bedarf. Er erzählt uns seine Lebensgeschichte, und wir sind unglücklich, dass unsere Bücher ungelesen vor uns auf dem Tisch liegen. Unglaublich, mit welchem Stolz er uns erzählt, dass er seine österreichische und römisch-katholisch aufgewachsene Frau zum Islam bekehrt hat und sie dann geheiratet hat – er war 28, sie war 18 zu diesem Zeitpunkt. Er erzählt uns von den Schwiegereltern, die nach der Hochzeit den Kontakt abgebrochen haben; er ist stolz darauf, dass er es – trotz damaligem Kopftuchverbot – geschafft hat, dass seine Frau ein amtliches Bild mit Kopftuch (für den Pass?) hatte. Er weiss, dass seine Frau aufgrund der Bluttransfusion, die sie nach der Geburt ihrer einzigen Tochter haben musste, 40kg zugenommen hat und dass Allah alles schon zum Rechten wenden wird. Die Tochter wird nach dem Studium heiraten – wir haben nicht gefragt, sind aber sicher, dass die Ehe arrangiert ist. Nachdem er uns noch durch die halbe Stadt zu einem Restaurant geschleppt hat und uns quasi gedrängt hat, dort zu essen, haben wir mit einer Notlüge (Allah, vergib uns), das Weite suchen können.

Für heute ist es zu spät für die Selimiye – Moschee und zu spät für das Spitalmuseum am anderen Ende der Stadt. Schade. Nein, sogar richtig ärgerlich. Warum sind wir so höflich, warum können wir einen Laberkopf nicht abweisen? Wir sind zu keinem Ergebnis gekommen, hoffen einfach, dass wir zukünftig in einer ähnlichen Situation – und die wird es sicher geben – unsere eigenen Bedürfnisse besser durchsetzen können.
Herr Türkmen hat im Übrigen auch erzählt, dass er am Vortag Wolfgang (den von der Grenze) getroffen habe ….

Essen gegangen sind wir in einem der vielen Lokantasi, parallel zur Haupteinkaufsstrasse. Für mich gab es knusprig gebratene Leberstückchen und für Roman Lammköfte. Zum Tee kam Helmut vorbeispaziert. Helmut ist bald 60, bei der österreichischen Armee angestellt und freut sich wie ein Schneekönig auf seine Frühpensionierung in den nächsten Wochen. Seit Jahrzehnten erkundet er schon die Welt und nimmt aktuell seinen letzten Urlaub, reist unkompliziert mit dem öffentlichen Verkehr durch den Balkan, hat einen Freund in Kroatien besucht und ist für die Selimiye-Moschee nach Edirne gekommen. Nun geht es für ihn zurück nach Hause, die letzten Arbeitstage warten auf ihn. Vielleicht bekommt er als Abschiedsgeschenk von seinen Kollegen tatsächlich das gewünschte Fahrrad. Aber unabhängig davon wird er nach der Pensionierung per Rad von Wien nach Berlin fahren, endlich einmal ohne Zeitdruck reisen, so lange unterwegs sein, wie es dauert!
Während wir uns gut unterhalten kommt – wer hätte das gedacht – Herr Türkmen mit Frau und Tochter die Strasse entlang. Es gibt kein Entweichen, wir sitzen fest. Herr Türkmen erklärt Helmut noch schnell, wo denn eine wichtige Moschee in Wien ist und hört erneut nicht mehr auf zu reden.
Die Frauen – Mutter und Tochter – sind beide eng bekopftucht, reichen mir die Hand nicht aber Roman. Wir sind erneut erschrocken. Die Tochter studiert Theologie. Sie trägt einen langen Manteau, lässt sich von Helmut zwar auf dem Familienfoto ablichten, zupft aber zuerst noch schnell die schützende Stoffschicht über ihren Haaren zurecht. Und das in einer Stadt, wo die Frauen in Röcken jeder Länge herumlaufen, sogar alte Frauen zwar – recht leger – Kopftuch aber kurzärmelige T-Shirts tragen.

Auch in den nächsten Tagen geht uns die Begegnung nicht mehr aus dem Kopf – die verlorene Zeit, die unnützen Informationen über den familiären Gesundheitszustand, die streng religiöse Familie Saubermann.
Aber in die grosse Moschee sind wir am nächsten Morgen doch noch gekommen, und es hat sich gelohnt! Ein imposantes Bauwerk des Baumeisters Sinan aus dem 16. Jahrhundert.

23.-27.06.2013, Gelibolu – Canakkale – Lapseki – Istanbul

Jetzt reicht es, wir haben genug! Wir wollen nicht mehr, change of plans!
Die Idee, über die Gallipoli-Halbinsel zu fahren, ein wenig an der Ägäis zu schnuppern und im Marmara-Meer zu schwimmen, hat sich als Arbeitsbeschaffungsmassnahme herausgestellt.
Der Duft der „Grosse Weiten Welt“ besteht auch noch aus anderen Gerüchen als Abgasen, denken wir, und die landschaftliche Abwechslung hält sich in Grenzen – wir sehen seit Tagen nur 4-spurigen Teer!

Um unsere Tage auf dem Asphalt zu verringern, haben wir uns entschieden, zwei Tagestouren an einem Tag zu absolvieren. Herausgekommen ist unsere Rekordleistung von 120km bei heftigem Verkehr durch bergiges und windiges Gebiet auf der schon beschriebenen 4-spurigen Schnellstrasse. Ganz Istanbul scheint sich auf den Weg in den Süden gemacht zu haben – und der führt über Gallipoli. Wir hoffen vergebens, dass dort, wo die Strasse am Meer entlang führt, kleine Hotels oder Zeltplätze zu finden sind. Hier fahren alle nur durch – und nicht hin.
Unsere Mittagsrast wollten wir am Strand der Ägäis, am Golf von Saros, machen – und sind an einer der vielen Tankstellen entlang der Hauptverkehrsroute gelandet. Mindestens 2 Stunden sollte man die Sonne über Mittag meiden – wir haben 2.5 Stunden auf einer überdachten Betonterasse mit Ausblick – tatsächlich auf’s Meer – verbracht. An uns vorbei rasen Unmengen an PKWs und LKWs – wir haben ungestört gelesen, geschlafen, zwischendurch eine Eiscreme geschleckt und einen Tee getrunken. Die letzten 40km nach Gelibolu waren unvorstellbar anstrengend, aber nach einem kleinen Abendessen konnten wir den Hafen und das Flair am Meer doch noch etwas geniessen bevor wir todmüde ins Bett fielen.

Die Strecke nach Canakkale hat uns am folgenden Tag ein wenig mit unserer Weg-Entscheidung versöhnt. Wir fuhren nun auf einer 2-spurigen Strasse, kein LKW – Verkehr, kaum Wind und schöne Landschaft. Nach 44km waren wir hier am Ziel und setzten nun mit der Fähre über auf’s „Festland“. In 37km Entfernung der Anlegestelle liegt das alte Troja, heisst es. Ob es Troja nun wirklich gegeben hat – bzw. die Geschichte mit dem Trojanischen Pferd – überlasse ich den Historikern. Wir jedenfalls konnten die Original-Requisite aus dem Film „Troy“ (2004) an der Strandpromenade von Canakkale bewundern. Wir haben uns gerne in diesem Ort aufgehalten, ein nettes Touristenstädtchen mit vielen kleinen Läden, Lokantasi, Bars und einem Strand. Trotz der unglaublichen Grösse unseres Hotelzimmers von geschätzten 8 Quadrametern haben wir uns im Hotel Anzac-House sehr wohl gefühlt. Nachdem jede Tasche ihren Platz gefunden hatte und wir beide zeitgleich im Raum stehen und sogar in diesem Zustand die Türe öffnen und schliessen konnten, war es fast schon heimelig.

Es bleiben uns nur noch wenige Tage im Juni, und die Restwegstrecke will geplant sein. Wir haben absolut keine Lust, die letzten Kilometer zu unserem Drei-Monats-Ziel auf einer dieser stark befahrenen Schnellstrassen zu verbringen. Aber die Zeit reicht nicht, um in langsamem Tempo durch das Hügelland der Marmara-Region zu radeln. Und die „Pässe“ gehen immerhin auf über 700müM, also mit schnell-schnell ist da nichts. Ausserdem wissen wir gar nicht, wie die Strassenverhältnisse dort sind, haben keine Musse, das auszuprobieren.
Bis Lapseki wollen wir es nochmals wagen, wollen es wissen, ob auch auf dieser Seite der Dardanellen die Strassen für Fahrräder so furchtbar sind.
Nicht nur die Strassen sind furchtbar…. auch der Wind, unser stetiger Widersacher, hat noch einmal alle Kraft gegen uns aufgeboten. Bergab voller Anstrengung in die Pedalen trampeln und nur mit 12km/h vom Fleck kommen, das macht keinen Spass! Ausserdem: unten angekommen, geht es immer wieder und immer wieder bergauf. Ein kleines Trostpflaster ist die süsse Nektarine, die wir von einer zierlichen älteren Bäuerin spontan als Wegzehrung in die Hand gedrückt bekommen. Überhaupt erhalten wir immer wieder kleine Geschenke – wenn man Tee auch zu Geschenken zählt.
In Lapseki kommen wir trotz widriger Umstände zur Mittagszeit an – es sind ja auch nur 39km. Wir finden ein Zimmer direkt am Strand und verbringen den Nachmittag mit „bädelen“ … also „sonnenbädelen“. Denn hier ist das Wasser kalt und voller Algen und der weiterhin starke Wind bringt Temperaturen die uns fast frösteln lassen.

Der Wind – der Wind ist schuld! Der Wind und die Strassenverhältnisse sind schuld an unserer Planänderung. Um 13:30Uhr geht der Bus von Lapseki nach Bandirma und die Räder passen mit Ach und Krach in den Kofferraum. Wir erwarten nicht viel von Bandirma, nur dass am nächsten Tag die Fähre von hier nach Istanbul führt. Ein überraschend hübsches Städtchen, charmant in den Hügel gebaut und mit grossem (Markt-)Platz am Meer empfängt uns in der sommerlichen Hitze. Wir trinken Tee, spazieren durch die Gassen und entlang der kurzen Meeresuferpromenade sowie den langen Weg hinaus zum Leuchtturm. Hier tummelt sich, wie es scheint, ganz Bandirma und geniesst den Sonnenuntergang – oder fischt noch schnell das Abendessen aus dem Marmarameer.

Wir sind in dieser Stimmung ein wenig wehmütig. Die Zeit im Sattel ist vorbei. Uns kommen Bilder in den Sinn; Bilder die sich nur in unseren grauen Zellen und nicht auf den Speicherkarten der Kameras befinden. An wie vielen Tankstellen haben wir in der Türkei Rast gemacht? Sie sind uns fast ans Herz gewachsen. Wie bunte Hunde kamen wir uns vor, wenn wir im langersehnten Schatten von den Rädern stiegen. Und immer haben wir einen Sitzplatz angeboten bekommen, einen Tee erhalten und uns wohl gefühlt. Unsere Oasen in der Asphalt-Wüste.
Andere Orte, andere Bilder: in Canakkale sind wir auf dem Weg zum Strand im „falschen“ Viertel gelandet. Nur wenige Meter entfernt von Touristenströmen, Universitäten und Strand waren wir plötzlich von Zigeunern umgeben, die ihre Wäsche entlang der Mauern der alten Burg trockneten während sie am Strassenrand mit Kind und Kindeskindern auf ihren Sofas und anderen Sitzgelegenheiten den Tag verbrachten. 500m weiter, am Strand, spielten die jungen Studenten in westeuropäischen Badehosen Volleyball oder tranken Bier – Mädchen in Bikini überall – während gleichzeitig am gleichen Strand Frauen in Ganzkörperbadeanzügen ihre Körper im Wasser abkühlten.

Nun noch ein letzter Tee in einer der lebhaften Seitenstrassen Bandirmas, morgen müssen wir pünktlich am Hafen sein. Hoffen wir nur, dass die Räder dann auch noch vor dem Hotel stehen – wir konnten sie das erste Mal nicht in einen Hinterhof oder Keller stellen. Aber der fleischige Portier meinte, er habe die ganze Nacht ein Auge darauf … wenn er nicht gerade fernsieht oder schläft.

Kann ich wohl die immer noch gefüllte Benzinkocherflasche mit auf’s Schiff nehmen? Einfach so tun, als hätte ich sie vergessen – und es funktioniert. Niemand kümmert sich darum und unsere Räder stehen bald schon festgebunden im Bauch der Fähre. Unsere Mägen sind nicht ganz so fest gebunden. Kurz vor dem Ablegen werden Kotztüten verteilt, erst wundern wir uns, aber als wir plötzlich mit knappen 100km/h (geschätzt bzw. gefühlt) über’s Wasser fliegen wird uns ganz anders.
Ein türkischer Cay hat noch nie geschadet und beruhigt Magen und Gleichgewichtsorgan so dass wir – und die Fähre – unbeschadet am Dock in Yenikapi ankommen.
ISTANBUL!

Noch aber ist das erste grosse Ziel nicht erreicht. Irgendwie müssen wir zum Hotel kommen. Radeln? Nein. Wir entscheiden uns schiebend für den direkten Weg: hinauf nach Sultan Ahmed, durchs Bazaar-Viertel, hinunter zur Galata-Brücke und über das „Goldene Horn“ (Bosporus-Bucht). Dann wieder hinauf, und zwar sehr steil bergauf, nach Beyoglu und über die kilometerlange Einkaufstrasse zum Taksim-Platz. Hier ist alles ruhig, auch die vielen Polizisten, die herumstehen, mit ihren Waffen posieren, Tee trinken oder in ihren Bussen schlafen.
Bei genau Kilometer 4670 stehen wir vor unserer Wohnung auf Zeit.

Wie sind wir nur auf die Idee gekommen, hier, im Brennpunkt der türkischen Politik, zu hausen? Nein, unser Hotel steht nicht im Gezi-Park, auch wenn wir eher mit den Demonstranten sympathisieren als mit der aktuellen Regierung.
Irgendwann mussten wir uns eine Bleibe suchen, die grösser ist als 8 Quadratmeter und ein wenig Comfort bietet für unseren langen Aufenthalt in dieser Stadt, die niemals schläft. Also bin ich in Canakkale in ein Reisebüro gegangen, habe unsere Situation erklärt und dass wir zu zweit nicht mehr als 50 Euro pro Nacht ausgeben können, gerne aber ein Apartment hätten.
Erst ungläubiges Gucken, dann verhaltenes Lachen und schliesslich Kopfschütteln. Dies sei nun wirklich utopisch. Die drei unterbeschäftigten Angestellten haben sich lange auf Türkisch unterhalten, weiteres Kopfschütteln und nun auch offenes Lachen. Bis schlussendlich der Chef, ein richtiger „Patron“ dazu kam. Dieser hat nochmals nach meinen Vorstellungen gefragt, einen Freund angerufen, und 5 Minuten später hatten Roman und ich das Angebot, zu zweit für 50 Euro pro Nacht inklusive Frühstück in einem Apartment in Istanbul zu wohnen. Mitten im modernen Teil, an der Haupteinkaufsstrasse, U-Bahn in 200m Entfernung und bis ins historische Zentrum mit dem öV ca. 30min – auf unserer Reise eine Zeitspanne, mit der wir durchaus leben können. Wen es interessiert und wer ein wenig neidisch werden möchte, der kann ja unter http://www.uslanhotel.com/tr/istanbul/foto-galeri einmal nachschauen. Die Bilder entsprechen der Realität!
So haben wir die Verstrickungen, die Freundschaftshilfen, dieses „eine-Hand-wäscht-die-andere“ äusserst positiv am eigenen Leib erfahren. Eine win-win-Situation, da wir eine Wohnung nach unserem Geschmack gefunden haben und der Freund des Patrons zumindest ein wenig Geld für seine 150-Euro-Apartments bekommt. Im Moment möchte doch ausser uns niemand, der nicht gerade Journalist ist, am Taksim wohnen!

27.06. – 13.07.2013, Istanbul

1. Organisation

Sechs Apartments gibt es im Uslan-Hotel. Die meiste Zeit waren wir mit einem der netten jungen Receptionisten alleine im Haus und konnten uns gut mit ihnen anfreunden. Ilham kommt aus Georgien und ist 21 Jahre alt, geht in Istanbul zur Polizeiakademie um in ca. 1 Jahr als Polizist in seinem Heimatland eine Anstellung zu finden. Serdar ist ein 25-jähriger Turkmene, der in Istanbul ein englisches Wirtschaftsstudium absolviert und Guvench ist ebenfalls Turkmene, wenig redselig und wohnt mit Serdar zusammen in Fatih, einem Stadtteil in dieser 16Mio-Stadt.
Ilhams englischer Wortschatz ist eingeschränkt, das macht er jedoch mit einem strahlenden Lachen und unbändiger Fröhlichkeit wett. Serdar und Guvench sind sehr korrekte junge Männer, was wir gerne an folgendem Beispiel erklären.
Für unsere geplanten 2 Wochen am Bosporus hatten wir eine Liste mit Erledigungen. Die erste, das Iran-Visum war mit Kopftuch innerhalb von 2 Tagen geschafft (dank eines teuren LOI – Letter of Invitation – von Stantours). Für das Uzbekistan-Visum haben wir eine Woche gebraucht. Auf unserer Reise etwas weniger organisiert als zu Hause, haben wir den LOI für dieses Land einfach vergessen …. und standen eines freitags morgens, nach langem Suchen, mit nur teil-richtig ausgefülltem Visa-Antrag vor der Botschaft. „Come back next week“ und das niedere Fenster – vor dem man den „Bückling“ machen muss, um hindurchsprechen zu können – wurde vom unfreundlichen uzbekischen Botschaftsmitarbeiters zugeschlagen. Immerhin hatten wir Passbilder und Antrag abgeben können und hofften nun, dass Tashkent nicht zu genaue Nachforschungen betrieb.
In der Zwischenzeit also konnten wir nun das letzte und ebenso wichtige Detail klären. Irgendwo müssen unsere Fahrräder ein Jahr lang sicher und wenig (gar nicht) beschadet gelagert werden. Wie stellen wir das nur an? Beim Tee nach dem ersten Uzbek-Botschafts-Besuch hat uns ein Türke von Lagerräumen für Kleinteile (Handy, Aktentasche aber auch Fahrräder, waren seine Beispiele) erzählt. Mit türkischer (Sprach-) Hilfe, meinte er, könnten wir das sicher im Internet herausfinden.
„Unsere Jungs“ im Hotel sind immer so hilfsbereit – und haben auch wenig zu tun – so dass wir also Serdar um diese Sprach-Hilfe baten.
Er meinte, innerhalb von 24 Stunden könnte er uns eine Lösung anbieten. Am nächsten Tag gab es folgende Möglichkeiten: 1. Im Marmara-Luxushotel (um die Ecke) einen Garagenplatz mieten; 2. Im Keller der Uslan-Residence die Räder stehen lassen (das müsste aber noch mit dem Chef geklärt werden) oder aber 3. Bei ihm und Guvench in der Wohnung. Wie bitte?
Uns wäre diese Lösung ja am sympathischsten, aber in der Wohnung? Wir wissen ja gar nicht, wie gross die ist und ob das nicht bloss ein „Pseudoangebot“ ist (Hilfsbereitschaft zeigen ….)
Ist es nicht, denn Serdar hat uns am wiederum folgenden Tag Bestätigungen seiner Universität sowie Passkopie zukommen lassen, damit wir ihm die Räder anvertrauen. Wir haben seine Handy-Nummer und Wohnungsadresse sowie die Telefonnummer seiner Eltern in Turkmenistan. Jetzt waren wir überzeugt, dass er es ernst meint und haben uns am 12.07., dem Tag an dem Tashkent uns trotz kleiner Unwahrheiten im Antrag die Einreise in das Land der Goldzähne gewährt hat, todesmutig ins Istanbuler Verkehrschaos gestürzt. Nach ca. 6km waren wir in Fatih, nach 6 Etagen per Treppe mit 2 Rädern und 5 Gepäcktaschen in der grossen und halbleeren Wohnung von Serdar und Guvench. Ja, hier sind unsere geliebten Drahtesel gut aufgehoben. Wir bleiben mit „den Jungs“ per email in Verbindung und sind guten Mutes, dass wir in einem Jahr alles so vorfinden werden, wie wir es abgestellt haben – vielleicht ein wenig staubig. Das zurzeit noch weit entfernte Endziel ist es ja, im Sommer 2014 von Istanbul aus per Rad langsam wieder Richtung Heimat zu fahren.

2. Taksim – Platz

Was hat Istanbul uns sonst noch geboten? Wir haben – am Taksim und somit beim Gezi-Park – die Demonstrationen hautnah miterlebt. Unser Weg zu Restaurants und Kneipen führte immer über den Taksim-Platz, es sei denn ein Heer an jungen und kräftigen Polizisten mit Schildern, Gummischrotpistolen und Gasbomben hat uns den Weg versperrt. Als Rückendeckung sahen wir Wasserwerfer und in der letzten Reihe ein paar Ambulanzfahrzeuge. Dieses Aufgebot war eigentlich immer am Platz; Einsätze sind vor allem an den Wochenenden gewesen, wenn samstags abends die jungen und mittelalten Intellektuellen und andere Mitläufer mit Bauhelmen und Gasmasken sowie Bannern, Plakaten und Atatürk-Postern zu einer ursprünglich friedlichen Demo aufbrachen. Sie wurden – genau wie wir – gar nicht erst auf den Platz gelassen, Versammlung untersagt. Dies führte zu den Krawallen, die alle Welt im Fernsehen gesehen hat. Die Demonstranten sind gut organisiert, alle laufen hektisch und in ihre Handys schreiend durch die Gegend. Wären sie mit Anzügen gekleidet statt mit Gasmasken, könnte man meinen, man sei in der Wallstreet.
Jeden Samstag das gleiche Theater mit Akteuren und Marionetten; sonntags, so scheint es uns, ist die deutlich friedlichere Demo der Schwulen und Lesben auf der Haupteinkaufsstrasse (Isteklal-Caddesi), die ebenfalls auf dem Taksim-Platz mündet.
Einig sind sich alle Demonstranten darin, dass die Regierung – i.e. Recep Tayyip Erdogan – ihren Kurs ändern bzw. zurücktreten soll.
Montags ist eigentlich Ruhe. Nur am 08.07.13, einen Tag vor Beginn des Ramazan und Eröffnungstag des neu bepflanzen Gezi-Parks war der Teufel los. Gespenstige Ruhe in den Seitenstrassen, hohes Polizeiaufgebot und Ströme von gelben und weissen Bauhelmen in Richtung des heissen Eisens. Irgendwie haben wir es über den Platz und in „unser“ Gözleme-Restaurant geschafft. Mit Yvonne im ersten Stock bei offenem Fenster beobachteten wir wie zuerst gelbe und weisse Punkte mit dunkelgrünen Rüsseln vorbeiliefen. Dahinter, wie in einem schlechten Film, liefen 20 Polizisten im Gleichschritt, ausgestattet mit den oben erwähnten Utensilien. Das ganze wiederholte sich, die Gassen waren ansonsten ruhig. Beim dritten Mal wurde es im Restaurant ganz hektisch, ich habe spät realisiert was passiert. Schnell alle Fenster schliessen und schon husteten und tränten Gäste und Kellner um die Wette. Für uns unverständlich haben die Marionetten der Regierung in den sehr schmalen Gassen mit ihren Restaurants und kleinen Läden voller Unbeteiligter eine Gasbombe gezündet. Dabei haben wir von Krawallen und Kämpfen überhaupt nichts mitbekommen.

In Istanbul scheint die Unterstützung gross zu sein. Die Laden-, Restaurant- und Hotelbesitzer klagen zwar ein wenig über Geschäftseinbussen, aber niemand greift verbal oder anderweitig die Demonstranten an. Im Gegenteil. Es scheint, als sei grosses Verständnis und eben auch Unterstützung vorhanden. In den Restaurants um den Taksim Platz – bis hinunter an den Bosporus – wird jeden Abend um 21:00Uhr Lärm gemacht: die meisten Gäste klopfen mit ihrem Besteck für 5 Minuten an den Tellerrand, dies über den gesamten Hügel verteilt, eine Kakophonie der Revolte.
Was hat das Ganze gebracht? Wir haben mit einem ca. 55-jährigen Aktivisten und Herausgeber einer kleinen Zeitschrift gesprochen. Er habe einen Monat im Gezi-Park gezeltet, sie hätten schon viel erreicht. Der Park sei neu bepflanzt worden, das Grossprojekt „Einkaufszentrum statt Park“ ad acta gelegt und eine von Erdogan geplante (und im Volk unbeliebte) Reform der Regierung werde nun nicht stattfinden. Es werde weiter demonstriert. Wofür genau wissen wir nicht. Aber sicher einmal für Freiheit und gegen Fundamentalismus.

3. Besuch

Damit wir uns nicht ganz so alleine in der grossen fremden Stadt vorkamen – und die Zeit des Wartens etwas angenehmer verbringen konnten – haben wir Besuch gehabt. Valentin kam für drei Tage vorbei und hat uns einen Teil der vorbereiteten Gegenstände für die Weiterreise mitgebracht, Yvonne brachte uns später den anderen Teil Wir haben die Stadt unsicher gemacht, sind durch die Basare gestreift, haben die Zisterne, die Moscheen und den Topkapi-Palast besucht sowie eine kleine Bootsfahrt (mit den öffentlichen Fähren) zu den Prinzeninseln unternommen und sind immer wieder essen gegangen. Alles in allem waren die Besuchstage entspannend und wunderschön. Jetzt werden wir wohl „unsere Lieben“ ein ganzes Jahr lang nicht mehr sehen. Zum Glück gibt es skype!

4. Weiterreise

Am 13.07., Samstag, begann der 2. Teil unserer Reise. Nicht mehr mit den Packtaschen am Fahrrad sondern als Packesel mit je einem 20kg-Rucksack sind wir losgezogen. Per U-Bahn, Strassenbahn und Fähre zum Busbahnhof auf der asiatischen Seite. Um 9:00Uhr war Abfahrt und um 15:00Uhr „Punktlandung“ in Ankara, Hauptstadt der Türkei.

13. – 19.07.2013, Ankara, Göreme, Hatay (Antakya)

Der Stopp in Ankara war zwar geplant, aber nur um die lange Fahrt nach Göreme (12h) aufzuteilen. Eigentlich haben wir nicht viel erwartet von dem Dorf, das 1923 durch Kemal Atatürk zu Hauptstadt erklärt wurde und im Anschluss daran gigantisch gewachsen ist. Umso wohler haben wir uns an dem Nachmittag und Abend gefühlt. Zunächst sind wir über den „Second Hand Markt“ gezogen, wo wir alte Schrauben, Teppiche, Schallplatten, Kaffeemaschinen oder Tiefkühltruhen hätten kaufen können. Später haben wir auf dem Weg zur Hacibayram-Moschee noch den grossen und bunten Lebensmittelmarkt gefunden. Die Moschee thront hoch auf einem der Hügel Ankaras, schön restauriert und von einer neuen „Altstadt“ umgeben. Das religiöse Bauwerk ist auf den Mauern des Augustustempels aus dem Jahr 25 BC gebaut – Teile dieses alten Tempels sind immer noch erhalten und zu besichtigen.

Unten in der Stadt, die Kemal Atatürk – der Vater der Türken – zu seiner Heimatstadt erklärt hat, steht das grosse Atatürk- Mausoleum (Anitkabir) in einem noch grösseren Park. Mittlerweile war es schon kurz vor 19:00Uhr und uns war klar, dass wir in das Mausoleum nicht hineinkommen würden. Dass uns aber auch der Zugang zum Park durch 2 schwer bewaffnete und in Tarnanzüge mit Helm gekleidete Militärs verweigert wurde, hat uns erstaunt und ein wenig erschrocken. Schade. Dafür haben wir vor dem Art-Deco-Hauptbahnhof Hodza Nasrudin (Mulla Nasrudin … schaut mal im Internet) verkehrt herum auf seinem Esel sitzen sehen.
Im angrenzenden riesigen Park mit künstlichem See und Lunapark haben wir zu Abend gegessen und auf das Fastenbrechen gewartet. Kurz nach 20:00Uhr sassen im Park auf fast jeder freien Fläche die Familienclans zusammen, mit grossem Picknick, grosser Ruhe und grosser Freude. Datteln, Brot, Tee, Wasser und viele leckere Gerichte wurden in die Runde gereicht. Eine friedliche Stimmung in der Dämmerung.

Göreme haben wir nun erneut in 6 Stunden erreicht – eine Stadt, die man kaum beschreiben kann. Unvorstellbar, dass hier vor mehr als 1000 Jahren die Menschen in selbstgebauten Höhlenstädten gewohnt haben. So wie wir es für Trolle und Zwerge aus Märchenbüchern kennen, stehen hier wie in ganz Kappadokien pilzförmige und ausgehöhlte Steinformationen. Unser Hotelzimmer war in einem dieser „Pilze“, modernisiert durch einen Anbau mit Terrasse. Die Wanderungen durch das Tal der Rosen oder das Rote Tal scheinen wie Mondwanderungen – oder Szenen aus „Star Wars“. Die Anzahl an Höhlenkirchen auf engem Raum ist unbegreiflich – hunderte, wenn nicht tausende allein in und um Göreme. Ausserdem hat man viele unterirdische Städte gefunden – aus dem Fels gehauene, mehrstöckige Wohnsilo bis 100m Tiefe, in denen pro Stadt einige Tausend Menschen auf einmal gehaust haben. Jedoch nicht das ganze Jahr über, sondern jeweils nur für einige Monate im Fall eines feindlichen Übergriffs.
Göreme lässt sich kaum beschreiben und auch nur ungenügend als Bild wieder geben. Am besten ist, man fährt einfach mal hin und lässt sich bezaubern.

Wir befinden uns hier am Mittelpunkt … nicht der Erde aber der Türkei.
Das Wetter ist erstaunlich frisch, das Thermometer klettert kaum über 32°C.
Es weht ein kühler Wind, der am frühen Morgen sogar eine Verzögerung bei den Ballonflügen bewirkt. Wir haben uns gegen das Fliegen (zu teuer – und Angst) und für das Fotografieren der Ballons über der unwirklichen Stadt entschieden. Um 5:00Uhr ist der Himmel bewölkt, es ist windig und keine Ballons am Himmel. Das Bett ruft erneut und als wir um 7:00Uhr frühstücken, sehen wir sie zu Hauf. Leider scheint uns aber jetzt auch die Sonne ins Gesicht, ungünstig für’s fotografieren.

Hatay – oder Antakya – liegt ca. 20km von der syrischen Grenze und 20km vom Mittelmeer. Man hat uns versichert, dass es hier ruhig ist, sehr entspannt, und dass wir weder vom Krieg noch von Flüchtlingen etwas mitbekommen würden. Erstaunlicherweise entsprach diese Info den Tatsachen.
Nicht einmal Istanbul hat einen solch modernen Eindruck gemacht wie das hübsche kleine Städtchen Hatay. Dabei sprechen wir nicht von Geschäften, Häusern, Einkaufsstrassen, sondern von den Menschen. Moscheen, Synagogen, katholische, protestantische und orthodoxe Kirchen – all das findet sich in friedlichem Beieinander in dieser 200‘000-Einwohner-Stadt. Wenige Frauen tragen Kopftuch und wenn sie es tragen, sieht es eher wie ein modernes Accessoire aus als wie ein Liebestöter. Überhaupt würden die Menschen hier optisch sehr gut auch in das Stadtbild einer westeuropäischen Stadt passen!

Wir erkunden den Carsi (Basar), in dem „Schnurkäse“ gemacht wird und Brot gebacken. Wir riechen Gewürze und Seifen und finden mitten im Gewühl den Eingang zu einem ruhigen, begrünten und schattigen Teehaus.
6 Feigen zu kaufen war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Eigentlich werden sie nur im Kilo verkauft, das kostet 4TL. Wie rechnet man jetzt, was 186gr kosten? Wir haben einfach den „überteuerten“ Preis von 1TL (=40Eurocent) gezahlt… Der Käse war gewöhnungsbedürftig und das Brot aus dem Supermarkt leider alt und trocken. Somit waren wir froh, nach dem dürftigen Mittagessen am Abend beim Libanesen Hummus, Bab ganoush und Muhammara zu essen. Arabien ist nicht mehr weit!

In der alten Stadt kleben die Häuser an dem steilen Berg, an dem Petrus schon seine Kirche gebaut und seine Predigten gehalten haben soll. Leider ist die Petruskirche geschlossen wegen Felssturz …. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen?!?
Dafür spazierten wir dann durch die Gassen am Berg. Die Familien, die Kinder, scheinen Touristen zwar zu kennen, aber nicht als Massenware. Wir werden immer wieder schüchtern angelächelt, werden zu einem Tee eingeladen und auf Englisch gefragt, woher wir denn kommen. Die Antwort verstehen sie meist schon nicht mehr. Wir fühlen uns fast wie Eindringlinge in eine friedliche Welt, in der die einen offensichtlich während des Ramadan fasten und die anderen daneben eine Dönerrolle essen. Die fröhlichen Kinder laufen uns hinterher, spielen Roman schon einmal einen sehr weichen Plastikfussball zu und wischen sich die Schnuddernase mit dem Handrücken.

Viel mehr gibt es in diesem friedlichen Ort nicht zu sehen, das Flair haben wir eingesogen und genossen, uns zieht es weiter in den Osten.

20.07. – 02.08.2013

Gaziantep
Mindestens vier Müezzine singen durch die Nacht, während ich versuche mich auf’s Schreiben zu konzentrieren. Sie fangen alle ungefähr – aber eben nur ungefähr – zeitgleich an und die Töne hallen wie ein schlecht dirigierter Kanon über uns hinweg.
Wir sitzen in einem der schönsten und zugleich einem unserer preiswertesten Hotels auf der Dachterrasse in Sanliurfa und geniessen den lauen Sommerabend bei ca. 32°C. Endlich schwitzen wir kaum noch.
Die Temperaturen haben sich in den letzten Tagen in Richtung 38°C über Tag verschoben, so dass wir ab 13:00Uhr die Gassen meiden und lieber unter dem A/C lesen oder schlafen.

In Gaziantep – der Stadt des Kriegshelden Antep – sind wir durstig und vollbepackt leider am falschen Ort aus dem Bus gestiegen und mussten uns um 14:00Uhr mehr als einen Kilometer durch die engen Gassen des Basars kämpfen. Hier sind wir als (west-)europäische Touristen die bunten Hunde. Überall werden wir angestarrt, angesprochen. Wir befinden uns in Mesopotamien, wenn auch noch nicht zwischen Euphrat und Tigris, so aber doch im Dunstkreis des Ersteren. Unser Hotel liegt im Basarviertel; im Verlauf des nächsten Tages stellen wir jedoch fest, dass Gaziantep ein einziger Basar ist. Auch das Mittagessen wird zum Spiessrutenlauf, denn es ist Ramadan und wir kommen immer weiter gen Osten – heisst: die von uns heissgeliebten Lokantasi sind über Tag geschlossen! Und das trotz allem geöffnete Lokal gleich neben unserem Hotel war nicht sonderlich einladend für uns. Nein, nicht dreckig, eigentlich auch schön eingerichtet und der „Chefkoch“ ist auch sehr freundlich. Lächelnd hat er uns erklärt, was es mit den Schädelknochen im Schaufenster auf sich hat. Ob wir auch etwas von der Schafskopfsuppe probieren wollten? Nein, noch sind wir nicht am Verhungern. Da suchen wir lieber weiter … das Weite.

Gaziantep ist ein hübsches Städtchen, das touristisch nicht viel zu bieten hat. Wir sind am „Kale“ (Burg) aus dem 4. Jahrtausend (!) vor Chr. vorbei spaziert – wegen Renovierung geschlossen –, haben einen Tee in einer unscheinbaren Seitengasse getrunken und neue Freunde gefunden, während der syrische Schuhputzer uns freundlich zulächelte. Später sind wir hinüber ins wunderschön restaurierte Armenierviertel gegangen.
Ausserdem haben wir uns im Culinary Museum über die örtlichen Essgewohnheiten informiert. Wer es noch nicht wusste: in der Türkei wird Kebab gegessen. Und Köfte. Und Lahmacun. Und Pide. Und natürlich noch vieles andere. Die Küche ist immer mehr arabisch beeinflusst. Dennoch halten wir uns zurzeit eher an Melonen, Tomaten, Gurken und Ayran.
Der „100yil Atatürk Kültür Parki“ ist ein angeblich 17km langer Grünstreifen, der sich quer durch die Stadt entlang eines kanalisierten Baches windet. Wir geniessen das dichte und gepflegte Grün ebenso sehr wie die Anwohner, die sich in den Abendstunden wieder auf ihren Picknickdecken versammeln und die letzten Minuten andächtig vor dem angerichteten Essen verbringen bis … bis eben um 20:04Uhr die Müezzine im schlecht dirigierten Kanon von den Minaretten singen.

Kahta und Nemrut Dagi
Im Trip-Advisor gibt es genauso viele sehr gute wie sehr schlechte Beurteilungen zum Kommagene Otel in Khata. Sehr gut sei die Infrastruktur im Hotel, die Grösse der Zimmer, die Terrasse und der schattige Teegarten. Der Besitzer hingegen wird mit schlechten Noten bedacht. Wir können beides bestätigen. Dadurch, dass wir vorgewarnt waren, haben wir unsere 2 Tage in diesem Hotel sehr geniessen können, haben Irfan auf Abstand gehalten und ihm klar zu verstehen gegeben, was wir wollen und was nicht. Wir haben stundenlang im Teegarten gesessen, Tee oder Wasser getrunken und gelesen oder Bilder bearbeitet (s .neue Seite: 4670km).Viel mehr war in Kahta auch nicht zu tun oder zu sehen. Ein ehemaliges Dorf, zu einer Stadt ausgewachsen, ganz ohne Flair. Es liegt in der Nähe des 8. Weltwunders, das erst Ende des 19.Jh entdeckt und Ende des 20.Jh der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Am Montag sind wir mit Murat, unserem Fahrer langsam in Richtung dieses Wunders gefahren. Auch in der Umgebung gibt es viel zu sehen – am meisten beeindruckt hat uns aber die Landschaft. Kaum einige Kilometer von Kahta entfernt hatten wir einen wunderbaren Überblick über die kargen Hügel rund um den grossen Atatürk-Stausee. Weit in der Ferne sehen wir den künstlich aufgeschütteten Hügel auf dem Gipfel des 2150m hohen Nemrut Dagi – der einzige hohe Berg weit und breit. Vorbei an Säulen mit Adler oder Löwe, zu Fuss über eine alte Brücke. Pistazienkaffee im Café Roma in Eski Kahta mit Blick auf die Mameluken-Burg aus dem 13. Jh., die seit Jahren restauriert wird und immer noch nicht zugänglich ist. Auf der Selschuken-Brücke sehen wir die Burg erneut, diesmal von unten, ein prachtvolles Bauwerk in bester Lage.
Zum Nemrut Dagi fährt man als Tourist entweder zum Sonnenaufgang – 2:00Uhr aufstehen ist nichts für uns – oder zum Sonnenuntergang. Roman war zum Sonnenaufgang vor 12 Jahren hier, damals musste man noch keinen Eintritt zahlen und die Steinhaufen waren unsortiert. Heute ist alles bestens organisiert, wir fahren über geteerte, später gepflasterte Strassen, zahlen 9TL Eintritt pro Person und kämpfen uns die letzten 50 Höhenmeter zu Fuss über die nicht-fertiggestellten und mit Bausandhaufen verzierten Wege. Belohnt werden wir mit einem unvergesslichen Ausblick über „das wilde Kurdistan“. Ja, genau so stellen wir es uns vor, genau so ist es!
Um den 45m hohen künstlichen Hügel auf dem Gipfel stehen die Steinhaufen nun sortiert. Über 2m hohe steinerne Köpfe starren uns an, sind wohl von ihren Körpern gefallen, die einige Meter weiter oben im Hang stehen. Der grössenwahnsinnige König Antiochus I Epiphanes hat sich im letzten Jahrhundert vor Christus zu einem Gott erklären lassen und Tempel sowie seine Grabstätte auf diesen alles überblickenden Ort gelegt. Im Innern des künstlichen Bergs auf dem Berg vermutet man Grabkammern, die jedoch noch nicht entdeckt wurden. Alles in Allem erneut ein unwirklicher Anblick in der Türkei. Riesige Gesichter schauen nach Westen gewandt erwartungsvoll der untergehenden Sonne entgegen während auf der Ostseite andere Gesichter den Morgen begrüssen werden.

Im Dunkeln fahren wir zurück zu unserem Hotel, im Gepäck weitere wunderbare Eindrücke und Erinnerungen.

Sanliurfa
Orient, wir sind angekommen! Tausendundeine Nacht. Lila Kopftücher lose auf bärtigen Köpfen. Weite Gewänder. Enge Basar-Gassen. Hitze und wüste Landschaften. Fruchtbares Mesopotamien. Land zwischen Euphrat und Tigris.
Bis heute habe ich mich immer gewundert, gefragt, wann ich mich endlich – endlich – vollkommen fremd fühlen würde, in einer anderen Welt. Es hat auf unserer Reise viele Augenblicke des Wunderlichen gegeben. Minuten, in denen ich mich sehr fern von daheim gefühlt habe. Hier, in Sanliurfa, bin ich im Märchen angekommen.

Wir lassen uns treiben, durch den Basar, in dem es alles zu kaufen gibt, über die Hauptstrassen mit viel Verkehr und hinein in den Vorhof der Hasan Padisah-Moschee. Ein wildes Treiben empfängt uns. Jungen und junge Männer tummeln sich im kalten Nass, im langen Kanal mit frischem Quellwasser, der sich durch den schattigen Hof zieht. Fröhlich lassen sie sich von uns fotografieren und überbieten sich gegenseitig mit gewagten Sprüngen. Nur wenige Schritte weiter befinden wir uns im wunderschön restaurierten Gölbasi-Gebiet, dem Geburtsort Abrahams, und dem Dergah-Komplex mit seinen Seen und Moscheen.
Wir geniessen die Ruhe und den Frieden während des Ramadans hier im Grün, wo sich erneut – wie an jedem der 29 wichtigen muslimischen Tage – Familien, Männer, Frauen und Kinder auf den Wiesen aufhalten und auf die Erlösung vom Hunger durch den Ruf des Müezzins warten. Hoch über uns thront die Burg in deren Inneres wir nicht vordringen können. Am ersten Abend sind wir zu spät – und am zweiten werden wir wunderschön aufgehalten.
Wir waren erneut auf Streifzug durch die Basare, haben den Schneidern beim Zuschneiden, Nähen und Bügeln zugeschaut, haben Gewürze gerochen und Stoffballen bestaunt um dann durch die Hintergassen zur Burg zu gelangen. Spielende Kinder und zerfurchte Gesichter haben unser Interesse geweckt – so wie wir das Interesse all jener geweckt haben, die Touristen nur selten und meist aus der Ferne sehen. An jeder Ecke wurden wir zu Tee eingeladen oder aber ungefragt in Richtung Burg verwiesen. Bis wir kurz vor Toresschluss den Jungen mit den bunten Getränken in Plastiktüten sahen, fotografierten und plötzlich im Wohnzimmer seiner Eltern sassen. Es ist – wie gesagt – Ramadan und gläubige Muslims essen und trinken tagsüber nicht. Dennoch wurden wir mit Wasser bedient, haben die Familiengeschichte per Fotoalbum mit Händen und Füssen erzählt und erklärt bekommen.
Natürlich ist in so einem Moment die Burg unwichtig geworden und wir haben später einfach nur noch die Aussicht vom Vorplatz genossen.
Um 19:45Uhr herrscht gespenstige Ruhe in der sonst so quirligen Stadt. In Gassen, auf Plätzen und Strassen, auf den Fussböden in den Kleiderläden und auf Decken mitten auf dem Bürgersteig sitzen die Menschen vor ihrer ersten Mahlzeit des Tages. Kein Auto auf der Hauptstrasse, die meisten Geschäfte geschlossen. Der Müezzin ruft, die Mahlzeit beginnt und wir werden viele Male eingeladen doch mitzuessen.
Wir lehnen dankend ab, wünschen einen guten Appetit und freuen uns auf unser historisches Hotel mit dem kühlenden begrünten Innenhof, in dem schon ein Ramadan-Früchteteller auf uns wartet. Wie in Tausendundeiner Nacht.

Harran
Die Wohn- und Wirkstätte Abrahams wird wärmstens als Ausflug empfohlen. Ca. 45km südöstlich von Sanliurfa werden wir nach 1-stündiger, heisser Fahrt in einem „Dolmusch“ (Minibus) – wir sind noch nicht einmal ganz ausgestiegen – von einem übereifrigen angeblichen Geschichtsstudenten bedrängt, der uns die alte Stadt zeigen will. Für umgerechnet 30Euro, das würden die Touristen ihm zahlen. Es dauere ca. 1 Stunde. Perplex über diese Frechheit ziehen wir alleine los, lassen uns noch nicht einmal auf’s Feilschen ein. So viel bezahlen wir zu zweit in der Türkei für ein annehmbares Hotelzimmer!
Das Örtchen ist leer, fast Totenstille legt sich über die wunderlich anzusehenden Häuser in Bienenstock-Bauweise. Nachdem wir das einzige bestehende Tor der Stadtmauer umklettert haben – es führt keine eindeutige Beschilderung nach „Alt Harran“ – landen wir an einer notdürftig abgesperrten Moschee-Ruine aus dem 13. Jahrhundert. Um uns herum nichts als Wüste – und diese speziell geformten Häuser.
Im ersten zu besichtigenden Haus gehen wir von Zimmer zu Zimmer, treffen niemanden, müssen keinen Eintritt zahlen. Auf dem Weg hinaus sehen wir in der Ecke vom Hof jemanden schlafen. Er wacht nicht auf, als wir dicht an ihm vorbei gehen. Auch das zweite museale Haus ist leer, bis auf den dröhnenden Kühlschrank voller Getränke. Ein junger Mann erscheint, verkauft uns eine Cola und sitzt dann die ganzen 10 Minuten unseren Aufenthaltes auf seinem Stuhl, starrt uns unbeirrt an.
Lehmhäuser stehen dicht an dicht, die Zimmer sind kühl im Sommer – und scheinbar warm im Winter. Es dringt kaum Licht ein und somit auch kaum die Temperatur von aussen. Wir sehen Schlafkammer, Wohnzimmer mit dicken Teppichen am Boden und Sitzkissen in den Ecken, wir sehen die Küche mit Herd und Arbeitsgeräten. Interessant – aber leblos. Auf der Strasse treffen wir dann doch einen Jungen, der das wichtigste englische Wort – „money“ – vor uns aufsagt. Demonstrativ ignorieren wir ihn, schauen weg, und sehen um uns herum über dem mit Abfall übersäten Platz mitten im Dorf bunte Plastiktüten in der leichten Brise wehen. Nach knapp einer Stunde sitzen wir wieder im Dolmusch und sinnieren darüber, dass es hier zu Abrahams Zeiten sicher schöner war.

In Sanliurfa lassen wir uns mitten in der Stadt absetzen und werden Zeugen eines ungewohnten Schauspiels. Direkt am Strassenrand, unter Bäumen und an einem Brunnen sind ein paar Männer und Jungen versammelt. Der Herr im weissen Hemd hat ein SEHR scharfes Messer in der Hand und wie ein Künstler bewegt er sich um das tote Schaf vor ihm. Kaum Blut ist zu sehen. Das Fell wird an strategisch wichtigen Punkten angeschnitten und mit einem Ruck vom Leib gezogen, im Anschluss daran wird das Tier wohl in verarbeitungsgerechte Stücke zerteilt, das bekommen wir jedoch nicht mehr mit. Trotz der Autos um uns herum haben wir den Eindruck, dass vielleicht, ganz vielleicht, die alttestamentarischen Zeiten doch noch nicht so lange her sind.

Diyarbakir
Diyarbakir ist die heimliche Hauptstadt der türkischen Kurden. Über 1Mio Menschen wohnen hier, dennoch erinnert die Altstadt mehr an ein Dorf. Das moderne Leben spielt sich anderswo ab. 6km lang ist die Stadtmauer, zum grössten Teil noch erhalten, teilweise restauriert. In der nordöstlichen Ecke befindet sich die Burg, auch diese wird aktuell restauriert, sollte schon Anfang 2013 eröffnet werden, jetzt dauere es noch ca. 2 Monate erklärte uns der anwesende Archäologe. … oder 2 Jahre?
Wir lassen uns treiben in der sommerlichen Hitze, fühlen uns wie in einem Flipperkasten. Kaum sind wir an einem Ort gestartet, spült es uns an einer völlig unerwarteten Stelle wieder heraus. Vom Spaziergang entlang der Stadtmauer hinein in eine alte Karavanserei. Diese ist schön restauriert und zu einem Teehaus umfunktioniert. Im kühlenden Schatten stellen wir uns vor, wir die Karavanen entlang der Seidenstrasse staubig und müde ihr Ziel erreichten. Die Kamele wurden genau dort versorgt, wo wir jetzt Tee tranken und im ersten Stock legten sich die Reisenden und Händler zur Ruhe.
An den südlichen Teil der Stadtmauer, verirren sich normalerweise keine Touristen. Die Strassen sind eng, Auto fahren ist unmöglich, und wir treffen auf Gärten, Hühner, spielende Kinder, verfallene Häuser und wunderbares Lächeln. Im Labyrinth der Gassen stehen wir plötzlich völlig unerwartet vor einer Kirche. Auch sie wird zurzeit restauriert. Der Bauführer fordert Roman zum Kreiseldrehen heraus – den Kreisel leiht er sich von einem kleinen Jungen – und zeigt uns anschliessend die zugänglichen Teile der Kirche. Dann lacht er uns mit seinem schönsten zahnlosen Lachen an und winkt uns, ihm zu folgen. Schon stehen wir erneut an einer ganz anderen Stelle in diesem kurdischen Flipperkasten, befinden uns in der wunderbar restaurierten Armenierkirche.
Somit haben wir zwei der 11 Kirchen Diyarbakirs gesehen. Beide, wie sicher auch die anderen neun, sind hinter hohen und mit Stacheldraht gekrönten Mauern versteckt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die armenischen Christen eigene Schulen, Sitze im Stadtrat, wichtige Positionen inne. Während des ersten Weltkriegs – 1915 – wurden sie vertrieben, getötet. Ca. 1 Million armenische Christen sind wie vom Erdboden verschluckt; über diesen mutmasslichen Genozid schweigt die Türkei sich jedoch aus.
Gegenüber der Kirche haben wir Gelegenheit, das Haus von Ezma Hoca, einer Schriftstellerin, zu besichtigen, die bis zu ihrem Tod 2011 hier gelebt hat. Ein „Herrenhaus“ mit verschiedenen Aufenthaltsräumen, Empfangszimmern, 1-Personen-Hammam und offener Küche, arrangiert um einen schattig-kühlen Innenhof.
Nun zieht es uns durch das südliche „Mardin-Tor“ hinunter zur Brücke über den Tigris. In einigen Jahren, wenn das grosse GAP–Staudammprojekt beendet ist und die Ausgrabungsstätte Hasankeyf im Norden, so wie viele andere Ortschaften, in den Fluten versunken ist, wird dieser stattliche Fluss vermutlich nur noch ein Rinnsal sein. Ein Rinnsal, das auch Syrien und den Irak mit Wasser versorgen soll. Wenn das mal gut geht.

Mardin
Wie das Mardin-Tor in Diyarbakir schon ahnen lässt, liegt diese Städtchen südlich der heimlichen kurdischen Hauptstadt. Nach 90km erreichen wir die Ortschaft, der ihr Ruf vorauseilt. Überall in der Türkei hat es geheissen, wir sollten uns Mardin auf keinen Fall entgehen lassen, sollten unbedingt das schöne Städtchen mit den honigfarbenen und in den Hang „geklebten“ Häusern besuchen, besichtigen. Der Reiseführer schlägt in die gleiche Kerbe, zählt zwei Medresen auf, die mit traumhaftem Blick und traumhaften Innenhöfen den Besucher bezaubern. Ausserdem wird erwähnt, das Ziel sei es, innerhalb der kommenden 10 Jahre die Touristenzahl in diesem 65000-Seelen-Dorf auf 5Mio (!) pro Jahr zu heben.
Woran liegt es, dass uns Mardin nicht so gut gefallen hat? Liegt es an der Gluthitze, die sich über die Stadt gelegt hat? Am Ramadan, der die Menschen müde und schlapp macht, die türkischen Touristen fernhält? Sind wir schon Türkei-übersättigt?
So ganz können wir es nicht festmachen. Die Stadt ist nett, keine Frage. Der Blick unterhalb der versperrten Burg atemberaubend, über „ganz Mesopotamien“. Die grau-braunen Häuser sind teilweise instand gesetzt, es gibt viele kleine Geschäfte und Souvenirläden. Es gibt teure Restaurants – die mehr als die Hälfte der Gerichte auf der Speisekarte heute nicht anbieten – und ein paar kleine Lokantas. Die Medresen sind schon um 16:30Uhr geschlossen. Als wir am nächsten Tag rechtzeitig vorbei gehen, schwitzen wir in der Mittagshitze und sind enttäuscht.
Zum Glück haben wir ein nettes kleines Hotel gefunden, wo wir uns den Rest des Tages lesend im schattigen Innenhof aufhalten konnten.

Hätten wir Mardin vielleicht im Frühling, als unsere erste türkische Stadt und ausserhalb des Ramadan gesehen, wären wir fraglos begeistert gewesen. So aber ist ein nettes Dorf mit grandiosem Blick über die Landschaft. Aber nicht mehr.

Aufgelockert wurde unser Aufenthalt unerwartet durch zwei Herren nicht mehr ganz jungen Datums, die mit ihren Motorrädern die Türkei im Sauseschritt erfahren. Georg und Martin, 60-jährig bzw. 67-jährig haben wir zufällig getroffen und uns mit ihnen bei einem typischen Abendessen (es gab Kebab ….) gut über unsere verschiedenen Reisestile unterhalten. Hut ab vor der Leistung der beiden Bayern.

Tatvan
Enttäuscht von Mardin haben wir uns gegen die Besuche weiterer „sehenswerter Kleinstädte“ entschieden und fuhren mit dem Bus am 29.07.2013 – vier Monate nach Beginn unserer Reise – vorbei an Hasankeyf, das in den Fluten des neuen Stausees verschwinden wird, vorbei an Midyat, durch wunderschöne Landschaften und mehrere Kilometer entlang des Tigris bis Tatvan am Vansee.
Der Vansee liegt am zweiten „Nemrut Dagi“, der diesmal aber nicht mit Historie sondern mit Geologie von sich reden macht. Der Nemrut Dagi hier ist verantwortlich für den See und dessen Wasserqualität. Wann genau der Vulkanausbruch war, der mit seiner Lava den „Staudamm“ für die abfliessenden Wasser aus den umliegenden Bergen „gebaut“ hat, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass der See keinen Abfluss hat – Zufluss und Verdunstung halten sich mehr oder weniger die Waage. Das Wasser hat einen hohen Salzgehalt von ca. 2% und einen fast genauso hohen Natron-Gehalt. Nach dem Schwimmen im türkis glitzernden, glasklaren und angenehm warmen Wasser fühlt sich die Haut seifig an. Es gibt keine Algen und nur eine Fischart, die diese Wasserqualität als ihren Lebensraum auserkoren hat.
Ein junger türkischer Kleinunternehmer fährt uns gemeinsam mit zwei Schweizern – Pascal und Maria – hinauf und hinein in den Vulkankrater auf knapp 3000m Höhe. Hier empfängt uns eine Seenlandschaft mit Bäumen und Sträuchern und Blumen! Wann haben wir zuletzt bunte blühende Blumen gesehen? Ich weiss es nicht. Bewusst haben wir es auch gar nicht vermisst, aber jetzt sind sie eine Augenweide für uns!
Auch hier ist das Wasser glasklar und wunderschön blau. Aber zu kalt für uns zum Schwimmen. Der kleinere, warme See mit seinen zwei heissen Quellen sieht nicht einladend aus, ausserdem ist uns das „Geblubber“ aus den Tiefen ein wenig suspekt. Ein natürlicher whirlpool mit tausenden von Bläschen pro Sekunde, und das jahrein-jahraus. Er ist Badewanne für Veysi, der hier im Sommer sein improvisiertes Teehaus für die wenigen Touristen aufgebaut hat. Veysi ist ein „Alphöhi“ aus der Türkei, jung und ohne Bart aber nichtsdestotrotz ein Alpöhi. Vor einer Woche hat er sich den Finger in einer Traktortüre eingeklemmt, gestern Abend ist ihm ein grosser Steinbrocken auf den gleichen Finger gefallen. Letzte Nacht hat er vor Schmerz kaum schlafen können und möchte sich jetzt seinen Fingernagel selber ausreissen. Erstaunlich vertrauensvoll zeigt er mir das schmerzende, hochgradig verschmutze, überwärmte und geschwollene Körperteil – die Gelenke sind i.O., vielleicht hat er sich die Fingerspitze gebrochen, der Nagel ist blutunterlaufen. Er solle doch zum Arzt gehen, sage ich, aber er hat keine Versicherung. Aus meiner Sicht müsste er den Finger röntgen, in jedem Fall ruhig stellen, drei kleine Löcher in den Nagel bohren – zur Entlastung – und ggf. noch ein Antibiotikum schlucken. Ob er nicht Aspirin zerreiben und draufstreuen könne, fragt er mich nach der Erklärung. Buschmedizin! Ich mache nichts, ausser ihm ein Schmerzmittel geben, eine desinfizierende Salbe und eine Gazebinde. Egal wie viel ich ihm erkläre, er wird den Finger nicht ruhig stellen, nicht sauber halten, und den Nagel wird er sich vielleicht auch noch selber ausreissen ….
Pascal und Maria sind nun schon seit einiger Zeit unterwegs, in ein 25km entferntes Dorf von wo aus sie zurückfahren. Wir haben den Vulkankrater durchlaufen, ein kleines Picknick gemacht und sind nun bereit zur Heimfahrt.
Vor dem Hotel lodert es hell aus dem „Outdoor Samovar“. Bald ist Fastenbrechen und somit auch die Zeit des Tee-Trinkens. Aus dem Schornstein des kleinen silbernen Unikums schlagen die Flammen, das Wasser brodelt im Hauptbecken, oben steht eine kleine Teekanne.
Stimmt es, dass der Tee wesentlich besser schmeckt, aus diesem Samovar? Die Stimmung am Feuer in der Abenddämmerung jedenfalls lässt den Tee zu einem Genuss werden.

Van
Zwei Stunden dauert die Fahrt im Dolmusch von Tatvan nach Van, immer entlang des Sees. Für uns dauert sie 4 Stunden, denn auf halber Strecke fällt uns ein, dass wir etwas Wichtiges im Hotel vergessen haben. Kein Problem für den Dolmusch – Fahrer. Mitten in einem Überholmanöver zückt er sein Handy aus der hinteren Hosentasche und ruft seinen Kollegen an, der die entgegengesetzte Richtung fährt. Kaum 10 Minuten später kommt uns auf der rechten Spur – „unserer“ Spur – der vierspurigen Strasse ein Minibus entgegen. Die Autos halten nebeneinander – ein Verkehrshindernis, von dem sich niemand behindern lässt – unser Gepäck wird umgepackt und selbstredend zahlt unser Dolmusch-Fahrer unseren nicht-verbrauchten Anteil der Wegstrecke an seinen Kollegen. Wir müssen nichts anderes machen als aussteigen, wieder einsteigen und die gleiche Strecke zurück fahren.
Endlich in Van angekommen brauchen wir uns nicht auszuruhen, da auch hier – wie in Tatvan – die Temperaturen sehr angenehm sind. 28°C sind für uns mittlerweile fast schon kühl. Wir spazieren zur Burg, die auf den Grundmauern der Urartischen Festung gebaut wurde. Urartier … von diesem Volk haben wir noch nie gehört. Jedenfalls haben sie sich aber einen wunderbaren Felsen ganz in der Nähe des Sees mit Überblick über Wasser und Land als Sitz ihrer Hauptstadt ausgesucht. Und das vor Tausenden vor Jahren, wie es scheint.
Die Akdamar-Insel liegt ca. 1 Stunde südlich von Van und 3km vom Ufer entfernt. Hier steht eine kleine armenische Kirche aus dem 10. Jahrhundert, wunderschön restauriert. Daneben sieht man die Grundmauern des ehemaligen Klosters. Die Insel selber ist zwar die grösste im See, aber innerhalb kürzester Zeit erkundet. Wir verbringen Stunden im Teehaus und am kleinen Strand, unterhalten uns wunderbar mit zwei Franzosen. Philippe und Christoph sind beide 60-jährig und wohnen zurzeit in Ankara. Philippe begleitet diverse EU-Projekte in der Türkei. Dabei geht es um Schutzmassnahmen bei Hochwasser und Überflutung. Er ist ein wenig desillusioniert, da die Zusammenarbeit nicht den gewünschten Erfolg bringt. Kulturen und politische Anschauungen prallen zu sehr aufeinander. In einem Jahr wird er wieder nach Frankreich zurückkehren und in Rente gehen. Mal sehen, was bis dahin erreicht wurde.

Dogubayazit
Genau wie Van ist auch Dogubayazit nur ein notwendiger Zwischenstopp auf der Reise in den Iran. Dennoch haben wir uns auf dieses Städtchen irgendwie gefreut. Denn hier steht der/die berühmte Ishak Pascha Palast/Moschee, dessen Bau im 11.Jh begonnen wurde und der noch im 19. Jh bewohnt war. Hoch oben und doch unterhalb des wunderbaren Ararat überblickt man die ganze Stadt die sich am Fuss der zentralasiatischen Landschaft befindet. Weiche Berge mit erstaunlich viel Grün wogen überall dort, wo der Blick hingeht. „Noah’s“ Berg hingegen versteckt sich hinter einem überdimensionalen Wattebausch aus Wolken.
Die Ortschaft selber hat zwar – wie der Rest der Türkei – in den 13 Jahren seit Romans letztem Besuch hier einen Aufschwung erlebt, dennoch ist sie eher ein ärmliches Bergdorf mit preiswerten Unterkünften für Durchreisende und Wanderer.
Unsere Stunden in der Türkei nähern sich dem Ende. Wir nehmen viele positive und warme Erinnerungen an unsere sechs Wochen im Land zwischen den Kontinenten und Kulturen mit.