Italien

02.-12.09.2014, (Triest) – Monfalcone – Pasiano – Villa Manin – Treviso – Cologna Veneta – (Mantova) – Ponte Ventuno – Cremona – Pavia – Galliate – Maccagno

„Das ist sie, meine Familie aus Italien!“ Roman zwinkert mir zu und umarmt seine Tante kräftig. Wir sind in Treviso. Maria und Giuglio erkennen uns auf den zweiten Blick und wir werden herzlich aufgenommen, ja, die Telefone laufen in den ersten Minuten schon heiss!
Roberto wird angerufen und Zia Albina und Paulo und Oriana! Wir sitzen mitten im schönsten italienischen Stimmengewirr bei Sardinen mit Zwiebeln und Spaghetti Napoli und Roman holt aus den tiefsten Tiefen seiner Erinnerungen Sprachbrocken hervor, von denen er selber gar nicht wusste, dass sie existieren!

Von Slowenien her sind wir im strömenden Regen entlang des schmalen Streifens Italiens nach Triest gefahren. Unsere Rundfahrt durch die Stadt am Meer war nass und äusserst verkehrsreich. Auf der vermutlich gefährlichsten Strecke der gesamten Radtour, vor allem auch wetterbedingt, haben wir es dann aber doch sicher bis nach Monfalcone geschafft.

Impressionen

Italien hat uns mit furchtbarem Wetter empfangen, und zunächst hatten wir grosse Schwierigkeiten, uns an die Preise zu gewöhnen. Ein Hotelzimmer ist nur unter erschwerten Bedingungen für 50 Euro pro Nacht zu finden – und dann sind es meist eher „Absteigen“ als richtige Hotels. Für den hier zünftigen Hotelpreis hat uns aber der Rezeptionist in Monfalcone mehr als entschädigt. Wir haben selten einen Menschen getroffen, der so viel ehrliches Interesse an unserer Reise hat! Sergio ist um die 55 Jahre alt, mit unsportlicher Figur und frisch gekämmtem Seitenscheitel – und er ist schon weit gereist auf dieser Erde, hat sich unsere Fotos mit Begeisterung angeschaut, wollte mehr wissen und hat seine eigenen Geschichten preisgegeben. Es hat lange gedauert, bis wir auf unser Zimmer gingen!

Der „Onkel aus Italien“ schiebt mir eine geschälte Feige in den Mund. Mit meinen wenigen passiven Italienisch-Kenntnissen verstehe ich, dass es vor dem Haus noch mehr Feigen gibt – die aber werden später vom Onkel und Roman „geplündert“.

Mit vielen Worten und ausladenden Gesten schimpft Julio über die italienischen Autofahrer. Mich würde es jedoch nicht wundern, wenn die italienischen Autofahrer ebenso über Giuglio wettern.
Ohne sich umzuschauen, ohne Helm auf dem Kopf und mit Hausschuhen an den Füssen, stürzt er sich einhändig in den trevisaner Verkehr. Wir kommen kaum mit, was auch gut so ist, denn sobald wir anhalten, fuchtelt uns der Onkel aus Italien mit dem Regenschirm (den er in der anderen Hand gehalten hat) gefährlich nah ums Gesicht. Wir bekommen eine Stadtführung der Spitzenklasse, mit geschichtlichem und kulturellem Hintergrund sowie einigem Politisieren. Wir radeln durch Einkaufszentren und entlang der Stadtmauer, wir kennen bald die Wasserwege besser als die Strassen und können uns eine Kindheit im wasser- und fischreichen Treviso nun lebhaft vorstellen!

„Nein! Übernachtet nicht in Venedig, das ist viel zu teuer!“ damit hat Maria vollkommen recht! Das Hotel, in dem ich vor Jahren einmal zwei Nächte geblieben bin, kostet pro Nacht und Doppelzimmer mittlerweile 250 Euro! Es war eine gute Entscheidung, mit dem Zug die 40 Minuten zu fahren und am Canal Grande mitsamt all der anderen Touristen „herausgespült“ zu werden. Schon ohne Übernachtung haben wir unser Budget arg strapaziert, was jedoch nicht ganz so ins Gewicht fiel, da wir ja drei Tage aufs Beste bei Onkel und Tante aus Italien bewirtet wurden!

Venedig ist immer wieder schön, immer wieder einen Besuch wert!
Alleine schon die Ankunft am Bahnhof, der Schritt nach draussen an den Canal grande – das versetzt uns in eine andere Zeit. Wir sehen die dekadente Elite Italiens weiss gepudert und mit Rüschenärmeln mit ihren Gondeln durch die stinkenden Gewässer rauschen. Dieses Bild stimmt natürlich nicht mit dem überein, was wir hier sehen. Das Wasser in und um Venedig ist erstaunlich sauber! Menschenmassen schieben sich über Brücken und durch Gassen. Wir hören Englisch, Chinesisch, Deutsch, Russisch, Französisch und viele andere Sprachen. Und zwischendurch trifft uns dann auch einmal ein italienisches Wort. Meist geht es dabei um „bezahlen“ und eigentlich wäre ich froh, meine passiven Italienischkenntnisse wären noch geringer. Die Zahlen treiben mir nämlich das Wasser in die Augen.

Wir machen, was jeder gute Tourist in Venedig macht: Wir flanieren durch die Gassen und über die Rialto-Brücke, bewundern Gondeln und Gondolieri, werfen einen raschen Blick auf die Seufzerbrücke und scheuchen die Tauben auf dem Markusplatz auf. Hier nehmen wir auch ein Boot bis nach Murano. Murano, die kleine Schwester Venedigs, ist hübsch und ruhig. In einer anderen Zeit wurden die Glasbläser hierher ausquartiert, damit die Feuergefahr in der Stadt der Dekadenz gering gehalten wird. Und so stolpern wir von einem Glas-Souvenirshop in den nächsten, suchen zunächst vergeblich jemanden, der uns zeigt wie diese kitschigen Glaspferde gebogen werden und lassen uns am Schluss ausnehmen – 10min Glasshow = 5Euro pro Person. Aber so ist das halt, wer hierher kommt, kommt so schnell meist nicht wieder und will alles „mitnehmen“, was geht. Die Touristen bezahlen, und dafür muss der Glasbläser weder freundlich sein noch lächeln.

Am Ende des Tages können wir sagen, wir haben das Flair von Venedig und Murano eingesogen, wir haben ein wenig teil genommen an der „Hype“, gut gegessen und uns ziemlich wohl gefühlt. Wir kommen wieder.
Venedig ist immer wieder schön, immer wieder einen Besuch wert!

Bevor wir weiter gen Heimat radeln müssen wir natürlich noch die gesamte Verwandtschaft sehen. Also starten wir am Nachmittag, mit dem Auto. Bei Oriana werden wir mit Kuchen und Kaffee „gefüttert“. Romans Cousine spricht sehr gut deutsch, eigentlich wäre sie Deutschlehrerin, aber nun unterrichtet sie Englisch. Wenn man sich so nach 20 Jahren wieder sieht, findet immer ein Abgleich statt. Hat sich mein Gegenüber verändert, wie habe ich ihn/sie in Erinnerung? Was haben wir erlebt, wo wir beide anknüpfen können? Der Gesprächsstoff geht nicht aus, trotzdem müssen wir weiter, Zia Albina wartet auf uns. Zia hat sich nicht verändert. Die zierliche adrette Frau zieht immer noch alle Blick auf sich – und sie umarmt Roman mit den Worten, die er mir schon vorgeflüstert hat – Caro mio! – hält seine Hand und ist überglücklich. Bei Zia Albina gibt’s einen Schluck Wasser, die Wohnung ist seit Jahrzehnten nicht modernisiert – auch hier wieder „eine andere Zeit“.

Passen wir alle in den Wagen? Paolo und Ombretta warten auf uns, der Apero wird warm. Paolo ist zwar ein paar Jahre älter als Roman, aber die beiden verstehen sich wie vor Jahrzenten hervorragend. Als bunte Truppe verteilen wir uns nach Sekt und Sanbitter auf zwei Autos und finden irgendwie den Weg zur „besten Pizzeria der Stadt“. Da sind die Italiener eigen, es muss diese sein und keine andere. Dafür kann man ruhig ein paar Kilometer unter die Räder nehmen und reihenweise andere Pizzerien an sich vorüberziehen lassen.

Wir sind sehr froh, dass wir den Abstecher nach Treviso gemacht haben. Treviso, die Stadt, ohne die Venedig nicht hätte überleben können, der Marktplatz Venedigs, der Zulieferer Venedigs. Wir haben viel gelernt über die Vergangenheit dieser beiden Städte, aber auch über die Vergangenheit und Gegenwart der Familie. Roman ist seit 20 Jahren nicht mehr hier gewesen. Der nächste Besuch lässt nicht so lange auf sich warten!

Vor der Po-Ebene hatten wir ein wenig Respekt. Verkehr, grosse Städte, Industrie. So hatten wir sie in Erinnerung. Und eigentlich stimmt das auch weiterhin. Ist man mit dem Auto unterwegs, nimmt man die „roten Strassen“ oder die Autobahnen. Autos und LKWs ohne Ende. Und für Räder kein Platz an der Seite. Nach ein paar Kilometern auf einer solchen Strassen – und nach den Erfahrungen der Strecke Triest-Monfalcone – schauen wir uns die Karte genau an, nehmen Umwege in Kauf und fahren auf wunderschönen, ruhigen „weissen“ Strassen genussvoll von einem norditalienischen Städtchen ins nächste.

Schon vor Treviso haben wir unsere erste Überraschung erlebt. Wir biegen auf einer schmalen Landstrasse um die Ecke, befinden uns in einem unscheinbaren Dorf, durchqueren im Zentrum eine Art „Stadttor“ – und befinden uns direkt auf dem Paradeplatz der Villa Manin. Im 17. Jahrhundert erbaut ist sie ein Prachtstück barocker Baukunst. Ungeplant verbringen wir ein paar Stunden hier, trinken einen Kaffee und essen eines der weltbesten Stücke Kuchen. Hm, hier liesse es sich leben, ich würde einfach im Hauptgebäude 7 Zimmer beziehen, das wäre mir genug. Der Rest kann ruhig weiterhin Museum bleiben.

Im Stil – oder besser noch im Überraschungseffekt und Prunk – der Villa Manin geht es weiter. Wir radeln im „Affenzahn“ durch die Po-Ebene, von Dorf zu Städtchen, über Wiesen und Felder, entlang des Flusses oder der Schienen. Und zwischendurch kommen wir aus dem Staunen nicht heraus. Mantova ist die erste grosse Überraschung. Halbinselähnlich ist die Stadt vom Fluss Mincio umschlungen. Der Dom ist fantastisch! Länger als erwartet halten wir uns auf, radeln mit offenen Augen durch die Altstadtgassen und essen noch eine Eiscreme. Hmm, ist die gut, also gibt’s noch schnell eine zweite Eiscreme – und weiter geht’s.

Klack. Das Geräusch ist Roman nicht ganz unbekannt, er steigt vom Rad und siehe da – eine Speiche ist gebrochen, die dritte auf dieser Reise. So schaffen wir leider nur noch wenige Kilometer, finden vor Sonnenuntergang einen netten Bauern, der uns vor seinen Feldern am Fluss zelten lässt.

In Cremona wird die Speiche geflickt, wir bleiben in einem kleinen Hotel am Stadtrand – als einzige Gäste – und spazieren durch die Gassen dieser hübschen kleinen Stadt. Auch hier wieder prägt ein riesiger, fantastischer Dom das Stadtbild. Und wir wundern uns über ein Land, das „seit 5000 Jahren“ in der Krise ist und immer noch genügend Geld findet, die Gotteshäuser in guten Zustand zu erhalten. Auch die Strassen, die Menschen machen keinerlei krisengeschüttelten Eindruck. Alles ist sauber, gepflegt, modernisiert. Die Hauptstrassen schlaglochfrei und die Nebenstrassen soweit – so gut.

Norditalien – Friaul, Venetien und Lombardei – bietet uns unbekannte Dörfer mit grossen Kirchen, Kleinstädte mit Stadtmauer und Stadttoren, Landwirtschaft mit reichen Weindörfern und natürlich in der Po-Ebene Maisfelder und Reisfelder. Und nicht zu vergessen: Italien ist ein Veloland. In einer Kleinstadt sind wir bald von einem Pulk Männer im mittleren Alter umgeben. Sie schwatzen auf uns ein, führen uns in eine Seitenstrasse und drücken uns ungefragt Fahrradkarten in die Hand. Offensichtlich handelt es sich um den Fahrradclub des Ortes, sie habe ihre eigene kleine, revolutionäre Zeitschrift und stehen mit den Autofahrern auf Kriegsfuss. Anhand dieser Karten finden wir wieder neue und ruhige Wege – die Po-Ebene flösst uns keine Angst mehr ein. Nirgendwo auf unserer Reise sind wir so schnell und so ruhig durch eine Gegend mit guter Infrastruktur gefahren.

Der Weg von Cremona nach Pavia wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben. An diesem Tag haben wir die meisten Tageskilometer der Rückreise „hingelegt“ – 123km! An diesem Tag sind wir fast ausschliesslich autofreie Radwege(!) gefahren und an diesem Tag ist unser Tacho auf „4000km“ umgesprungen. Wir sind am Abend todmüde in Pavia angekommen, sind durch das ehemalige Industriegebiet gefahren, in dem nun zusammengepfercht Asylbewerber und andere Ausländer wohnen. Wir sind im Zentrum angelangt und haben im ersten 3-Sterne-Hotel erfahren, dass das Zimmer 120 Euro pro Nacht kostet. Für uns unbezahlbar. Das zweite Hotel der gleichen Klasse wollte 100 Euro haben und erst im dritten Hotel konnten wir ein sehr einfaches und altes Zimmer für 70 Euro bekommen. Dafür hat dann das Bier an der Hotelbar 10 Euro gekostet.

Unsere Entscheidung, über den Balkan, durch Italien zurück nach Hause zu fahren war richtig. Wir gewöhnen uns langsam an die alltägliche Schnelligkeit, die Hektik und den Stress. Wir gewöhnen uns langsam an die Preise und an das, was man für sein Geld noch bekommt. Wir gewöhnen uns langsam an den Verkehr, daran, dass wir nichts Besonderes mehr sind, eher missachtet als beachtet werden.

Ich stelle mir vor, dass uns ein „Sprung“ aus einem der Zentralasiatischen Länder zurück nach Hause, dass uns der Kulturschock zwischen Türkei und Schweiz, dass uns die Diskrepanz der Lebensqualität zwischen grossen Teilen Ex-Jugoslawien und Mitteleuropa gewaltig aus der Bahn geworfen hätten. Die langsame Heimreise, die Er-Fahrung der Veränderung war wichtig für eine erträgliche Rückkehr.

Und so sind wir von Pavia aus gen Norden gestrampelt, habe unser Zelt am Fluss Ticino, auf einem heruntergekommenen Zeltplatz aufgestellt, sind am nächsten Tag entlang des Flusses bis zum Lago Maggiore geradelt. Hier riecht man förmlich die Schweiz, hier erkennt man die italienischen Radfahrer daran, dass sie uns anerkennend zuwinken und die Schweizer Radfahrer daran, dass sie nicht grüssen.

Daran werden wir uns gewöhnen müssen, denn morgen überqueren wir die letzte Grenze auf unserer Reise.