Griechenland

29.06.-12.07.2014, Edirne(TR) – Orestiada – Tihero – Alexandropolis – Dikella – Fanari – Nea Karvali/Kavala – Ofriniou – Himarros – Drosato – Polikastro – Edessa – Sitaria – Bitola (MK)

„Wollt Ihr nicht lieber über die Autobahn fahren? Das darf man bestimmt bei uns!“ Der ältere grauhaarige Herr hat früher einmal 20 Jahre lang in Stuttgart gearbeitet und versteht die Welt nicht mehr. „Ist euch nicht langweilig? Und ihr habe ja noch nicht einmal einen Motor!“
Am Morgen hatten wir uns entschieden, Thessaloniki sehr weiträumig zu umfahren, um auch das untouristische Hinterland kennen zu lernen. Und nun befinden wir uns in einem wenige-Seelen-Dorf namens Agios Dimitrios und werden mit einem Kopfschütteln bedacht.

Auch wir schütteln den Kopf bei dem Gedanken, dass wir noch weitere 4000km durch mehr oder weniger bergiges Gebiet vor uns haben. Nein, langweilig wird uns nicht, und einen Motor vermissen wir auch nicht. Aber der Popo schmerzt an verschiedenen Stellen, die Sonne brennt und in der Nacht wachen wir oft hungrig auf. Der Körper muss sich umstellen, warum hat er das nur noch nicht geschafft?!

Impressionen

Vom Bushof in Edirne sind wir voller Eifer gestartet – das ist nun auch schon wieder fast 2 Wochen her. Und voller Eifer haben wir den ersten Abzweig in Richtung Griechenland genommen, sind über Felder und Niemandsland, entlang eines Flusses, ca. 20km „zu viel“ gefahren. Es war eine wunderschöne Strecke und wir bereuen keinen Meter. Aber so sind wir nicht mehr weit gekommen, in unserem 20. Land.
Mit den Pedalen unter den Fusssohlen ist das Reisegefühl altbekannt und neu! Wir fühlen uns frei, auf uns selber gestellt. Wir haben alles dabei, was das Herz begehrt: Zelt, Kochgeschirr, Wasserpumpe, Lebensmittel. Nur Dusche und WC fehlen noch, aber im Verlauf der letzten Monate sind wir sehr erfinderisch geworden.
Nach 4 Nächten in der „Turkmenistan-WG“ in Istanbul gönnen wir uns aber in Orestiada ein hübsches Hotelzimmer mit Fernseher (Fussball!) und einem Pool vor dem Haus. Und fallen dennoch schon recht früh in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Die Fahrt entlang der Ostgrenze Griechenlands ist ruhig und einfach. Wir folgen der Hauptstrasse, auf der jedoch angenehm wenig Verkehr herrscht.

Kurz vor Tihero treffen wir am Abend auf einer Nebenstrasse auf Melonen-verkaufende Zigeuner. Super, so eine 4kg Wassermelone hat noch nie geschadet, und die Wiese vor uns lädt sehr als „Zeltplatz“ ein.
Wir können es noch. Unsere Muskeln wissen nicht nur immer noch, wie man mit 30kg Gepäck Fahrrad fährt. Nein, jede Bewegung des Zeltaufbaus haben sie verinnerlicht. Wir müssen nur ein ganz klein wenig nachdenken; welche Heringe werden zuerst eingeschlagen, welche Stange wird zuerst eingezogen und wie haben wir schon wieder unser Gepäck im Zelt verstaut?! Unser erster Zeltabend nach einem Jahr, mit Sonnenschein im Nacken und süsser Melone vor uns – einfach himmlisch!
Die Mücken sind schuld, dass wir früh ins Bett kriechen und die Sonne weckt uns schon wieder früh am nächsten Morgen. Kaffee gibt‘s in Tihero im Café des übergewichtigen und supernetten ehemaligen Postbeamten. Er hat lange in Deutschland gelebt, ist vor 8 Jahren zurückgekehrt in sein Heimatdorf.

Wir treffen immer wieder, jeden Tag mehrfach, auf Menschen, die Jahre oder Jahrzehnte in Deutschland verbracht haben. Viele waren in Stuttgart oder Frankfurt, aber auch Iserlohn und Stolberg bei Aachen wird uns genannt. Wir müssen uns abgewöhnen, die erste Frage in Englisch zu stellen, oder gar per Grimasse und Zeichensprache zu kommunizieren. Unsere erste Frage sollte – wenn schon nicht in Griechisch – in Deutsch erfolgen. So werden wir in diesem Land am Weitesten kommen.
Und jeder, der uns voller Stolz mitteilt, dass er – als Ingenieur oder Postbeamter – einmal in Deutschland gearbeitet hat, jeder hat seine eigene Meinung zur „Griechenlandkrise“. Die Menschen, die wir treffen, sind trotzdem hier geblieben. Es sind vorwiegend die Alten, aber auch die Erfolgreichen. Wir erfahren, dass man auf dem Land weniger merkt von der Arbeitslosigkeit und deren Auswirkungen. In den Städten – die wir bisher gemieden haben – sei die Situation jedoch verheerend. Auf dem Land habe man ja sein Haus, seinen Garten, seine Hühner und andere Tiere. Die Landwirtschaft funktioniert, Baumwolle und Tabak werden weiterhin angebaut und offensichtlich gut verkauft. Olivenhaine säumen die Südostküste Griechenlands, hier stehen auch die stattlichsten Villen. Aber, so teilt uns der ehemalige Pöstler mit, die Leute sitzen oft 8 Stunden im Café bei einem Getränk, der Umsatz ist deutlich zurückgegangen. Auch der Tankwart nahe der Mazedonischen Grenze meint, es sei doch verrückt, dass die Griechen morgens, mittags und abends ins Café gehen, dass sie 15Euro pro Tag dafür ausgeben. Man müsse doch ein wenig auf’s Geld schauen, wenn es dem Land schlechter gehe, wenn man weniger verdient. Er selber habe vor ein paar Jahren seine 3 griechischen Restaurants in München verkauft und sei zurückgekehrt in die Heimat. Jetzt hat er weniger Geld aber auch weniger Sorgen. Er kann wieder gut schlafen und Stress bei der Arbeit kennt er nicht.
Helena ist 46 Jahre alt und Wirtin in einem der 12 Cafés und Restaurants des 1000-Seelen-Dorfes Drosato. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat im Urlaub ihren Ehemann kennengelernt und lebt seit 24 Jahren wieder in der Heimat ihrer Eltern. Wir erzählen ihr von unseren Beobachtungen, davon, dass wir in jedem Dorf und jeder Stadt Unmengen an geschlossener Betriebe vorfinden, dass unser „Postbeamter“ die täglich neuen Geschäftsauflösungen mit wachsender Unruhe zur Kenntnis nimmt. Helena meint, ein Teil der Problematik sei, dass die meisten Betriebe bis vor kurzem keine Steuern gezahlt haben. Aber wer in der EU sein wolle, müsse halt auch bestimmte Richtlinien einhalten. Ihrem Geschäft, ihrem Dorf geht es gut. Aber viele Bewohner haben oder hatten auch Arbeit im Ausland!
Wir kennen des Pudels Kern nicht, wir wollen nicht politisieren. Aber neben den vielen geschlossenen Betrieben, neben den relativ schlechten Strassen, neben den berechtigten Klagen der Café-Besitzer und den Arbeitslosen die dort 8 Stunden vor einem Kaffee sitzen, sehen wir doch auch hübsche Häuser, schöne Gärten, freundliche und aufgeschlossene Menschen. Die Leute, die wir treffen, leben sicher nicht im Überfluss und die Zukunft liegt sehr ungewiss vor ihnen. Aber nimmt man den Teil des Landes, den wir gesehen haben, so sind sie auch (noch) nicht verarmt.

13 Nächte haben wir in Griechenland verbracht, nur 5 davon in Hotels. Das erste in Orestiada war super und hat den Standard gesetzt, den wir nicht wieder erreicht haben. In Nea Karvali haben wir einen Ruhetag am Meer eingelegt und in Drosato hat nach einer anstrengenden 66km-Morgenfahrt in einem winzigen Dorf ein hübsches Hotel vor uns gestanden. Wer kann da „nein“ sagen? In Polikastro wollten wir unbedingt das WM – Halbfinal schauen und haben im Hotel Astro eine deutsche Geburtstagsgesellschaft vorgefunden. Die Hotelbesitzerin ist vor vielen Jahren ausgewandert und hat ihre Familie zum 50. eingeladen. Alle 4 Orte findet man kaum über ein deutsches oder schweizerisches Reisebüro; eher Dörfer als Städte haben sie ihren eigenen, ruhigen und angenehmen Charme, der besonders durch die vielen bevölkerten Cafés, die vielen Grünflächen und die Herzlichkeit der Menschen verstärkt wird.

Die anderen Nächte wollten wir auf Campingplätzen verbringen. Das ist uns nur anderthalb Mal gelungen. Alexandropolis ist die grösste Stadt, durch die wir gekommen sind, und hat den weltbesten Campingplatz zu bieten. Grosse Platanen werfen auf fast jeden Quadratmeter und zu jeder Tageszeit Schatten, in 30 Schritten ist man am hübschen Sandstrand und badet bald schon die Füsse im Meer; das Café-Restaurant am Platz ist gemütlich und wirklich gut! Der Campingplatz in Fanari – von vielen Griechen angepriesen – macht erst „morgen“ auf; für uns bedeutet das, wie an vielen anderen Stellen, dass wir uns ein anderes, ein „wildes“ Plätzchen suchen müssen. Das war dann relativ luxuriös, auf einer Wiese direkt am Meer, mit Sandstrand und (kalter) Süsswasserdusche. Der Campingplatz in Ofriniou – dick markiert in unserer mittelprächtigen Strassenkarte – verwildert schon seit einigen Jahren. Avram, der Balletttänzer und Choreograph aus Rumänien, hat seinen Camper dennoch hier stehen, wie noch ca. 10 andere Leute. Gemeinsam mit dem Pächter – wir vermuten Zigeunerblut in ihm – bringen sie diesen eigentlich recht schönen Platz wieder auf Vordermann. So gibt es Toiletten und Warmwasserduschen – aber kaum einen flachen und sauberen Ort für’s Zelt. Es wird offensichtlich fleissig restauriert und vielleicht ist der Campingplatz schon im nächsten Sommer richtig nutzbar.
Wir haben gelernt, dass die Griechen es mit dem „wild zelten“ nicht so genau nehmen. Wir werden in Dikella vom Café-Besitzer aufgefordert, neben seinem Café unser Heim aufzubauen; wir stellen unser Zelt in Fanari am viel genutzten Strand auf; wir campen auf abgeernteten Feldern und werden von den Landarbeitern am Morgen freundlich gegrüsst, wir zelten mitten in Edessa, der Stadt auf dem Berg, auf öffentlichem Grund mit Blick über das ganze Tal – und werden kurz nachdem wir ins „Bett“ gekrochen sind noch einmal nach draussen gerufen: Eine Frau in Hauskleid steht vor uns, sie habe uns gesehen und bringe uns nun Obst zur Stärkung. Am Eindrücklichsten war jedoch unsere letzte Nacht. Müde nach 50km ausschliesslich bergauf, nach einem Platzregen und Gegenwind, wollten wir irgendwo bei Sitaria bleiben. Die Polizei, dein Freund und Helfer, das haben wir dann ganz persönlich erfahren. Wie in einem schlechten Krimi kamen „der lange Dünne mit der Sonnenbrille“ und „die kleine Runde mit den grünen Fingernägeln und der Pistole im Halfter“ auf uns zu. Wir erklärten, was wir suchten und schon schob der Lange seine Brille nachdenklich in die Stirne und die Runde kratzte sich mit den Fingernägeln an der Schläfe. Zelten sei nur da erlaubt, wo es eben ausdrücklich erlaubt sei. Aber wir könnten es ja mal am Schulhaus probieren. Blöd sei einfach, wenn jemand die Polizei rufe (?!) aber das passiere vermutlich nicht. Oder aber wir könnten ja zur Kirche auf dem Hügel fahren. Da sei ein Zaun drum, aber wir können schon rein, da sei der Platz schön flach. Sie haben noch einen vorbeifahrenden Dorfbewohner zu Rate gezogen, der uns warnte, auf die andere Seite des Dorfes zu fahren. Da gäbe es zu viele Schlangen. So sind wir also zur Kirche gefahren, die einsam auf diesem Hügel steht. Der Zaun entpuppte sich als Bauzaun, da die Kirche restauriert wird. Wir sind jedoch nicht die ersten die durch diesen Zaun gehen, wir finden Picknickbänke und eine wunderbare frisch gemähte Wiese vor. Wenige Schritte von der Kirche, mit Blick auf das grosse Kreuz bauen wir unser Zelt auf und erhalten zwischendurch noch Besuch von einem griechischen Paar, das hier vor 40 Jahren geheiratet hat. Hier auf dem Hügel und weit weg vom Dorf. Sie seien vom Priester mit diesem abgelegenen Ort der religiösen Eheschliessung „bestraft“ worden, da sie vor der Hochzeit schon zusammen gelebt hatten.

Was bleibt uns von Griechenland besonders in Erinnerung? Ganz sicher einmal der vielbeschworene „Griechische Salat“, der tatsächlich immer und überall gegessen wird. Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Oliven, dazu ein grosses Stück Feta-Käse, alles gewürzt mit himmlisch-herbem griechischen Olivenöl. Es bleiben uns aber auch die Erinnerungen an herzliche Menschen und an täglich wechselnde Landschaft. Ebenen voller Landwirtschaft werden von felsigen Küstenregionen abgelöst, die bald schon in einen herrlichen Sandstrand übergehen. Olivenhaine und Baumwollfelder, Flüsse und Seen, Hügel und Berge, wild und rau oder gezähmt und gepflegt.

Ausser Jan treffen wir niemanden, der mit dem Rad unterwegs ist. Jan fährt schon seit April der Küste Europas entlang von Cuxhaven gen Westen, dann Spanien, Portugal und wieder gen Osten um den Stiefel Italiens herum bis nach Istanbul. Er gibt uns viele gute Tipps und dank ihm übersehen wir den Löwen von Amphipoli nicht. Ach ja, hier in Griechenland werden wir – logisch – immer wieder mit der Antike konfrontiert. Sei es die Sackgasse, an der wir umkehren müssen, an der Ausgrabungsstelle in Mesimvria; sei es die „Via Egnatia“, die uns von Alexandropolis über Kavala und Edessa bis nach Mazedonien verfolgt, oder sei es eben dieser Löwe von Amphipoli. Kavala selber ist ein sehr hübsches Städtchen, das wir auch dank der Informationen von Jan an unserem „Ruhetag“ besuchen. Die Burg thront hoch oben über der Halbinsel der Altstadt, die Gebäude sind hübsch restauriert und in den Gassen der Altstadt lässt es sich wunderbar entspannen, einen Kaffee trinken oder auch frittierte Anchovies essen. Kavala – eine der ältesten Städte Griechenlands und von ihren Gründungsvätern „Neapolis“ genannt – ist sicher einen Besuch wert.

In der Türkei konnten wir uns kaum in eine Seitenstrasse wagen, kaum in einem Geschäft nach dem Weg fragen, ohne zu einem Tee eingeladen zu werden. Die Gastfreundschaft der Griechen ist fast noch grösser. Selten müssen wir unseren Frühstückskaffee bezahlen – Geschenk des Hauses – , immer wieder heisst es: „setzt Euch, trinkt einen Kaffee mit uns“ und an einem besonders heissen Tag in einem besonders kleinen Ort kommt der Restaurantbesitzer mit 2 Flaschen Mineralwasser zu uns auf die Strasse, wünscht uns eine gute Reise.
Je weiter wir gen Westen fahren, auf die Berge zu, desto gastfreundlicher scheinen die Menschen zu werden. Hier erleben wir es, dass die (so gefürchteten) Albaner uns eine ganze Lenkertasche voller Nektarinen schenken. Wer soll das denn alles essen?
Kurze Zeit später erreichen wir Edessa auf einer wundschönen, ruhigen und ebenen Strasse. Aber um die Stadt zu sehen, müssen wir den Kopf in den Nacken legen. Es geht abrupt mindestens 300 Höhenmeter hinauf zur Stadt auf dem Felsen. Es ist Abend, wir sind müde und möchten endlich unser Zelt aufschlagen. Aber alleine schaffen wir es nicht, die schweren Räder die steile Strasse hinaufzustossen. Da spüren wir – jeder von uns – wie die Räder leichter werden. Zwei albanische Landarbeiter müssen auch hinauf in die Stadt und helfen uns mit aller Kraft. Nette Menschen, diese Albaner.

Der nächste Tag wird zur Tortour. Von Edessa aus fahren wir 50km nur bergauf, die Schilder zum Ski-Gebiet sind unsere Richtungsweiser. Wenn wir die Engel sehen, meint Roman, dann sind wir falsch…. Wir treten in die Pedalen, wir schieben die Räder, wir machen Mittagspause am Strassenrand und werden von einem Wolkenbruch geweckt. Wir stehen wie begossene Pudel unter unserer Picknick-Blache und erdulden das Wasser von oben. Ausgekühlt ist es fast schon eine Wohltat, wieder bergauf zu fahren und warm zu werden. Hoch oben, in Kelli, auf über 1000müM, in diesem kleinen Bergdorf weit entfernt jeder grösseren Zivilisation finden wir auf dem Pass zunächst ein grosses Fussballstadion – mit Flutlichtanlage und Sitztribüne – sowie ein neu eröffnetes hochmodernes Café. Woher kommen die Gelder dafür? Und was soll das? Sind dies Auswüchse, der vielbeschworenen „Schattenwirtschaft“? Wir werden es wohl nie erfahren. Aber der Kaffee schmeckt uns gut und gestärkt lassen wir uns wieder herunterrollen, der Grenze Yugoslaviens (?!) entgegen.