26.04.2026 – 15.05.2026
Unterwegs mit Swiss Medical Teams in der Region Khujand
Wunderschön ist sie anzusehen, die neue Schwägerin von Muhammad. Sie empfängt die Gäste auf High Heels, in ihrem besten Kleid, mit weissem Schleier über dem Kopf und niedergeschlagenen Augen. Dreimal verbeugt sie sich zur Begrüssung und weht dabei anmutig mit dem Schleier auf und nieder. Wir werden zum Essen an einen grossen und überwältigend golden geschmückten Tisch geleitet und noch bevor alle einen Platz gefunden haben erscheint die junge Braut in neuem Glanz, verbeugt sich wiederum mehrmals und erfüllt damit ihre traditionelle Pflicht.
Das Mädchen hat vor einer Woche den Bruder von Muhammad geheiratet und nachdem wohl ein ausschweifendes Hochzeitsfest stattgefunden hat, werden nun mit immer neuen Gästen die nächsten Wochen verbracht, das Glück zelebriert ein neues Familienmitglied aufgenommen zu haben.
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Ich bin in Tajikistan, dorthin wollte ich schon immer – oder mindestens schon immer, seit ich vor vielen Jahren auf die «Hausärzte für Tadschikistan» gestossen bin. Ob mir bewusst war, dass wir auf holprigen Strassen täglich viele Kilometer verbringen würden um an unsere Einsatzorte zu gelangen? Ob mir bewusst war, dass Zeit hier eine andere Masseinheit hat als in der Schweiz? Jetzt jedenfalls bin ich schon tief eingetaucht in Land und Kultur, und möchte – bisher – nicht eine Sekunde missen.
Wir sind mitten in der Nacht in Dushanbe gelandet und relativ zügig durch die Passkontrolle gekommen. Das Gepäck wurde – nun zum wiederholten Mal – durchleuchtet, und siehe da, wir hatten unseren ersten intensiven Kontakt mit der Bürokratie. Die medizinischen Materialien der uns begleitenden Chirurgen konnte der Zollbeamte nicht einordnen, weshalb er einfach einmal eine hohe Zollgebühr verlangte. Wäre ja irgendwie noch einträglich gewesen, für ihn. Eine längere Diskussion, der Einsatz eines Vorgesetzten seinerseits und das Vorzeigen des «Memorandum of understanding» – unterzeichnet vom tadschikischen Gesundheitsminister – unsererseits hat den zunächst zähen Vorgang rasch beschleunigt, so dass wir doch in dieser Nacht noch 5 Stunden Schlaf erhaschen konnte.
Auf dem Weg zum Gesundheitsministerium am nächsten Morgen können wir ihn nicht übersehen. Überall taucht er auf und es ist uns sofort klar, wer das ist: Emomalij Rahmon, der seit 1991 autokratisch dieses Land führt und seine grosse Familie schon auf verschiedene Regierungsposten berufen hat. Wir treffen ihn bei Farida, im Gesundheitsministerium; er beobachtet still von der Wand jede ärztliche Sprechstunde und er winkt uns im Stau auf der Hauptverkehrsstrasse zu. Kleine Kinder lieben es, von ihm auf den Arm genommen zu werden und er liebt es, unter dem Blitzlichtgewitter der dafür bezahlten Journalisten irgendwem eine Urkunde zu überreichen oder einfach nur die Hand zu schütteln. Es ist klar, dass er beliebt ist, das zeigt sich ja schon alleine an den Wahlergebnissen. Konstant wird er zu jeder seiner bisher 4 Amtszeiten mit 80% – 90% wiedergewählt. Das wird im kommenden Wahljahr nicht anders sein. Ja, er ist so beliebt, dass er in den Kantinen der Gesundheitszentren zu finden ist, dass er uns auf dem Panshambe-Gemüse-Markt mit offenen Armen empfängt und dass er sogar ein baufälliges Haus mit seiner Präsenz – und rotem Mohn – verschönert. Nur auf dem stillen Örtchen habe ich ihn noch nicht angetroffen, und das ist auch gut so.
Für eine derartig wunderbar demokratische Autokratie ist Vitamin B essentiell; das B in o.g. Vitamin hat zwei verschieden und doch verwandte Bedeutungen: Beziehungen und Bakschisch. Für uns sind die Beziehungen, die Amira im ganzen Land hat, von grosser Bedeutung. Das mit dem Bakschisch können nur Einheimische wirklich gut umsetzen. Denn Bakschisch ist klar von Bestechung abzugrenzen. Es ist üblich, durch die Gabe von Bakschisch Verwaltungsvorgänge zu beschleunigen oder einen besonderen Gefallen zu erhalten – und das ist ja keine Bestechung, die ist nämlich verboten, wie ich auf vielen grossen Plakaten immer wieder sehe.
«Meine» Ärztinnen, zum Beispiel, erhalten von jedem zweiten Patienten eine kleine Summe. Manchmal nehmen sie das Geld nicht an, zum Beispiel wenn klar ist, dass die Familie sehr arm ist. Meist aber wandert der Schein rasch in die unterste Schublade des Schreibtischs, damit wieder Platz gemacht wird für den nächsten Patienten und den nächsten Schein.
Amira ist toll und das mit den Beziehungen ist Gold wert. Eine Freundin – oder Schwester, oder Tante – arbeitet auf dem OVIR, das ist das Amt auf dem wir uns für unseren Aufenthalt registrieren müssen. Wir stehen während der Mittagspause zwar allen immer im Weg, aber das Warten lohnt sich und mit neuen Stempeln im Ausweis können wir uns auf den Weg nach Khujand machen.
Und dieser steht am nächsten Morgen an: 2 Fahrer warten auf uns 4 Ärztinnen und die 4 Übersetzer/innen. Es dauert zwar ca. 6 Stunden bis nach Khujand, aber uns wird nicht langweilig. Schlagartig hört die Stadt auf und wir fahren entlang eines Flusses hinein in die Berge, die sich vor uns auftürmen. Zuerst geht es hinauf, hinauf, durch Tunnel und weiter hoch bis wir den Pass über die Zarafshon-Range geschafft haben. Unten leuchtet uns ein grünes Tal, das wir aber nur rasch durchqueren um den Anstieg über die Turkestan-Range in Angriff zu nehmen. Irgendwann müssen wir uns natürlich auch die Füsse vertreten. Auf dem «Rastplatz» befinden sich kleine Marktstände bei denen wir alles Gute dieser Region kaufen könnten: wunderbar dicke saftige blaue Rosinen, süsse getrocknete Aprikosen, Nüsse, Mandeln und Aprikosenkerne – und natürlich Kurut. Das sind getrocknete Joghurtbällchen, die nicht jedermanns Geschmack treffen; ich habe sie sehr gerne!
Wo übernachtet man in einer Ex-Soviet-Republik? Ja, natürlich in einem Hotelklotz, der noch aus diesen Zeiten stammt. Der Eingang ist protzig, die Zimmer mit Bad haben eine gute Grösse, aber definitiv entsprechen sie nicht westeuropäischem Standard. Die Dusche rinnt – und hat wohl schon länger kein Putzmittel mehr gesehen, der Wasserhahn tropft, der Teppich(!)boden ist gewellt – und stammt wohl auch noch aus Soviet-Zeiten. Die Matratzen sind hart – aber zum Glück nicht durchgelegen und die Reinigungskraft versieht ihre Arbeit vorwiegend mittels Raumspray. Dennoch fühle ich mich schon nach kurzer Zeit «wie zu Hause», habe meine Routinen entwickelt und den vielen Hirtenkrähen auf meinem Balkon bereits Namen gegeben.
Ausserdem sehe ich mein Zimmer nicht so viel. Wir haben einen straffen Zeitplan und starten jeden Morgen um 6.45Uhr mit dem Frühstück, um 7.30Uhr fahren wir los zu «unseren» Ärztinnen und Ärzten. Denn wir sind ja nicht zum Spass hier, sondern mit der Organisation «Hausärzte für Tadschikistan», die seit vielen Jahren ein Mentoring Projekt durchführt. Wir, das sind 4 Hausärzte aus der Schweiz, und jede/r von uns wird im Laufe der 3 Wochen jeweils 4 verschiedene Hausärztinnen kennenlernen, deren Arbeitsweise beobachten und unterstützen. Wir versuchen – soweit möglich – Evidence based medicine auch hier zu etablieren. Dies scheitert zwar nicht am Willen der sehr empathischen Hausärztinnen und Hausärzte, jedoch gibt es viele kulturelle, finanzielle aber auch politische Hindernisse auf diesem Weg. Diese versuchen wir mit Hilfe unserer Übersetzerinnen einerseits zu verstehen und andererseits gemeinsam mit den Ärztinnen Möglichkeiten zu entwickeln, wie diese Hindernisse kleiner werden oder sogar komplett umgangen werden können. Dies – und auch die häufigen Besuche verschiedener Ministerien – nimmt jeweils viel Zeit in Anspruch, so dass wir meist erst gegen 17.00Uhr wieder auf den Zimmern sind, kurze ruhen, danach gemeinsames Abendessen – mal zu viert und mal mit den Dolmetscherinnen zu acht.
Die von uns besuchten Hausarztpraxen sind meist hübsche einfache Gebäude in kleinen Rosengärten ohne fliessend Wasser und mit Plumpsklo im Garten. Wenn man letzteren Ort aufsucht wird man meist begleitet von einer Nurse (Krankenschwester), die anschliessend Seife Wasser und Handtuch bereit hält. Während der Sprechstunde findet ein reges «Kommen und Gehen» im Sprechzimmer statt. Da sitzen wir – die Hausärztin, die Dolmetscherin und ich – und befragen gerade einen Patienten, da geht die Türe auf und eine Mutter mit Kind möchte jetzt schon zur Ärztin, die Nurse bringt zeitgleich Tee in einer bunten Thermoskanne mit 3 Tassen und stellt alles auf den Schreibtisch der Ärztin, während die Mutter – oder Schwester oder Tante – des Patienten, der eigentlich gerade an der Reihe ist, das Telefon abnimmt und lauthals telefoniert. All das bringt eigentlich nur mich aus der Ruhe, sonst niemanden. Die Mutter mit Kind ist wieder gegangen, da geht die Türe erneut auf und ein junger Mann mit Usbekenhut geht schnurstraks an den Schreibtisch und wünscht jetzt und zwar sofort, ein Arbeitszeugnis, da er ja krank sei und gestern schon hier war. Das Zeugnis wird ausgestellt, der eigentliche Patient wühlt währenddessen in einer Plastiktüte und breitet verschiedene Berichte, Rezepte und Röntgenbilder vor sich aus. Irgendwie behält die Ärztin die Übersicht und schreibt ihrerseits ein weiteres Rezept, mit dem der Patient dann zur Apotheke geht und seine Medikamente kauft, oder halt auch nicht. Das grosse Problem ist, dass die Hausarztbesuche zwar kostenfrei sind aber jede weitere Aktion – EKG schreiben Röntgenbild machen, Medikamente erhalten, Spezialisten aufsuchen – dem Patienten persönlich in Rechnung gestellt wird. Eine Krankenkasse gibt es nicht. Somit ist Gesundheit ganz klar, und viel mehr als bei uns in Europa, eine finanzielle Frage.
Ich habe viel erlebt, hier in Khujand und der näheren Umgebung. Ich bin zu Hausbesuchen in die Wohnhäuser der Landbevölkerung gefahren, habe mit den Ärztinnen und Krankenschwestern Plov gegessen und Tee getrunken. Ich habe auf den regionalen und überregionalen Hausarztministerien viele wichtige Personen in wichtigen Büros und hinter gewichtigen Schreibtischen gesehen. Am Wochenende sind wir auf den grossen Gemüsemarkt der Stadt gefahren oder an den grossen Stausee im Osten der Stadt. Wir sind stundenlang auf staubigen Strassen nach Isfara gereist bis das Auto unseres Fahrers überhitzt an einer Polizeikontrolle stehen blieb. Ich fühle mich wohl in diesem Land mit den warmherzigen Menschen und den neugierigen Kindern. Ich liebe es mich im Gewusel der bunten Kleider und strassbestickten Kopftücher aufzuhalten, den Geruch der Strassenküchen in der Nase zu haben und einfach unterwegs zu sein.
Nach den schönen aber auch anstrengenden letzten 3 Wochen freue ich mich jetzt, Tadschikistan gemeinsam mit Roman noch weiter, besser, anders kennen zu lernen.